Kassandro


Sterbehilfe für Planeten

Der Gedanke zu diesem Buch entstand, weil nicht Themen wie Klimaveränderung, Atommüll-Endlagerung oder andere Bagatellen die Medien beherrschen, sondern Wirtschaft, Sport und Klatsch. Sterbehilfe für Planeten bildet die dunkle Seite der Gesellschaft ab, hält einen Spiegel beißender Kritik vor, nimmt auf 880 Seiten mit Ironie und Satire, Zynismus und schwarzem Humor insbesondere unsere wahnsinnig gewordene Produktionsmaschine und die Hilfeleistungen all jener aufs Korn, die die Erde mit messerscharfer Intelligenz zerstören. Die allgegenwärtige Endzeitstimmung wird aus einer ungewöhnlichen Perspektive eingefangen und auf den Punkt gebracht. Bei der Beurteilung von Alltäglichem, der Interpretation dessen, was jeder sieht, hört und erlebt, werden eingefahrene Denkmuster verlassen...

 


Der Autor wurde in der Nachkriegszeit in Süddeutschland geboren, wo er noch heute lebt.
Zuschriften werden unter Kontakt gerne entgegengenommen.
 
 

 
Sterbehilfe für Planeten
Billa S.
I
nventur-Verlag 2002


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Auszug aus "Sterbehilfe für Planeten"
(Schlusskapitel 14 und Nachwort):

 

 Ausgespielt
 
Die Party ist zu Ende

 Hermann Lingg:

„Erzittre Welt, ich bin die Pest,
ich komm' in alle Lande,
 und richte mir ein großes Fest.
Mein Blick ist Fieber, feuerfest
und schwarz ist mein Gewande.

 Talein und -aus, bergauf und -ab,
 ich mäh zur öden Heide
 die Welt mit meinem Wanderstab.
 Ich setz vor jedes Haus ein Grab
 und eine Trauerweide.“


***


 Die Pest des technischen Fortschritts warf ihre ganze Kraft auf die Zivilisation und richtete ein rauschendes Fest. Der Morgen naht, Zeit zum Aufbruch! Draußen wartet ein schauderhafter Tag, eine grauenvolle Woche, ein fürchterliches Jahr! Es wird nie mehr so sein, wie es war! Da bleibt man gerne noch ein wenig sitzen und zecht weiter, nicht wahr, liebe Gäste der globalen Orgie? In Geschichtsbüchern finden sich Erzählungen, nach denen Menschen ihr Leben leicht vor dem heranrückenden Feind hätten retten können. Sie konnten sich aber nicht aufraffen, die heimelige Wohnstube bei Nacht und Nebel zu verlassen. Man kann in sein Verderben rennen oder darin festsitzen! Wir tun beides! Ungern verabschiedet man sich aus der warmen Wohnstube der Wohlstands-, Industrie‑, Konsum‑, Wegwerf‑ Undsoweiter-Gesellschaft, jedenfalls, wer gut bedient wurde.

***

Die Party ist zu Ende! Das Tal der Ahnungslosen hat ausgespielt. „Dead end“ heißt Sackgasse, wörtlich: „totes Ende“! Individuelle Schicksale lösen sich auf! Der suizidale Marsch der Lemminge findet sein auswegloses Ziel im sichtbar werdenden Kollektivtod. Der Fortschrittsglaube steht vor seinem Bankrott, die Menschheit vor ihrer Niederlage. Ein einziger Gedanke kippt die morschen Denkgebäude! Das Boot, in dem alle sitzen, kentert - durchaus für die Lebensspanne heutiger Generationen vorhersagbar. Mögen äußere Ereignisse gewaltig sein, vielen Menschen bedeuten sie nur Schlußpunkt längst vollzogenen inneren Geschehens, nach dem sich jeder von jedem und allem betrogen fühlt. Gemeinschaftlicher Untergang wird unbewußt billigend in Kauf genommen. Was zum Leben übrigblieb, ist eine Welt, die man Kindern nicht mehr zumuten kann. Zum täglichen Brot werdendes Grauen steht vor der Tür! Zum Verständnis dieser Taktik der „verbrannten Erde“ genügen Grundrechenarten: vergiftete Böden, fehlendes Trinkwasser, mangelnde Nahrung, radioaktive Verseuchung, steigende Meeresspiegel, geplünderte Rohstoffe, wuchernde Müllhalden, aussterbende Tiere, verschwindende Pflanzen, unfaßbarer Terrorismus... Die Qualität von Kulturnationen ist weniger an der Ernte als an der Aussaat erkennbar. Unschwer zu ahnen, welche Früchte demnächst eingefahren werden!

***

Im Fortschrittsglauben wurde das uralte Märchen vom neugierigen Kind und freigewordenen Flaschengeist wahr. Wer wollte diesen Spuk ernsthaft kontrollieren, geschweige in eine Flasche zurückpressen? Das Wachstum ist außer Rand und Band geraten, wie ein entfesselter Golem, die durch mystische Buchstabenkombinationen zum Leben erweckte Tonfigur der jüdischen Sage. Keiner mehr findet das bannende Zauberwort! Alles wird unaufhörlich immer besser, einfacher, schöner! Längst überrollen uns die Glücksräder des Fortschritts. Die fortschrittlichste aller Fortschrittsgesellschaften schrieb gar das Grundrecht auf Glück in ihre Verfassung. Statt von Fortuna umringt, scheint sie vom Glück umzingelt! Ihre brummende Glücksmaschine hat nur die hauchdünne Folie kurzfristiger Vorteile im Auge. Der Wachstums-Traum wurde zum Trauma, zum nicht mehr hinterfragbaren Tabu!

***

Diese Apokalypse kann ein publikumswirksames, theatralisches Untergangsszenario sein, aber auch ein schleichender, ganz normaler Niedergang, eine abwärts gerichtete Spirale: ein Schritt vor, zwei zurück! Ähnlich wie kleine Kinder nach dem Krieg gerne mit herumliegenden Backsteinen ehemaliger Wohnhäuser ihrer in Ruinen verwandelten Heimatstädte spielten. Am Ende des erschütternden Films „China Syndrom“ liegt der sterbende Held in der Kommandozentrale des Atomkraftwerks. Mit dessen Besetzung versuchte er vergeblich, den Betrieb zu stoppen. Schlimmste Unregelmäßigkeiten während der Bauzeit erfordern die sofortige Stillegung des Kraftwerks. Drohende Einnahmeverluste wiegen dem Management jedoch schwerer als poröse Schweißnähte im Kühlsystem. Der Held wird überwältigt, tödlich getroffen und beschreibt mit letzten Worten das zunächst nur von ihm wahrgenommene „China-Syndrom“, feinste Vibrationen eines unkontrollierbar werdenden Reaktors. Schon spürbar: Der Reaktor Erde geht durch!

***

Nach wie vor wird mit Erfolg suggeriert, eines nahen Tages könnte die gesamte Menschheit in Raumschiffe verladen und zu neuen bewohnbaren Planeten befördert werden, die rechtzeitig entdeckt würden. Don Quijote ist wiederauferstanden: Technik und Wissenschaft versuchen Dinge, aus denen eher Schaden als Vorteil entspringt, was nur tollkühnen oder tollen Gemütern zu eigen ist. Windmühlen-Streiter der Neuzeit kämpfen furchtlos an allen Zukunftsfronten. Waghalsigen Führungskräften gebricht es an innerem Schrecken. Abgedriftet in die glitzernde Wahnwelt des Fortschritts, bereiten sich nervenstarke Superirre auf ihre Aufgabe als Konkursverwalter der Zukunft vor. Wer in diesem nur noch matt erleuchteten Jahrhundert nicht den Verstand verliert, besitzt keinen. Wir sehen schon Licht am Ende des Tunnels: Ein Schnellzug, er rast direkt auf uns zu! Selbst tapferste Technokrieger müssen einsehen, daß aller Beton nicht ausreicht, um Sturmfluten zu bändigen, nicht genug Eisen ins Gebirge getrieben werden kann, um ein Abrutschen von Bergflanken zu verhindern, zu wenig Bunker gebaut werden, um Wirbelstürmen zu trotzen, nicht alles Meerwasser entsalzbar ist, um Süßwasser zu produzieren, nicht so viel Polizei aufgeboten werden kann, um vor Anschlägen und Amokläufen zu schützen! Die Bemühungen von Technik und Wissenschaft gleichen dem Befehl des Perserkönigs Xerxes, der das Meer auspeitschen ließ, weil sich Wind und Wellen nicht seinen Wünschen fügten.

***

„Weltklimaerwärmung um fünf Grad“, „Amphibien sterben aus“, „Achtzig Prozent Norditaliens unter Wasser“. Schlagzeilen, die niemanden mehr beeindrucken. Jeder hat Anspruch auf Abwechslung, abseits der alten Umwelt-Leier! Besoffen vom Konsum, interessiert wärmeres Klima weit weniger als Abkühlung der Wirtschaft. Niemand, kein Mensch, kein Staat, wäre zu jener Askese bereit, die zur Rettung vor sich selbst nötig wäre. Weder Regierungen noch internationale Organisationen hätten die Macht, diese durchzusetzen. Die Obrigkeit läßt freie Untertanen zwischen wachsendem Ozonloch und sich verdichtendem Smog einpendeln. Schon bescheidene Rettungsversuche nach dem englischen Motto „too little too late (zu wenig zu spät)“ würden die Staatsgewalt hinwegfegen. Die apokalyptischen Weltuntergangs-Visionen der Religionen erfüllen sich! Der ordnende Blick späterer Generationen, so denn jemand überlebt, wird unser Zeitalter in doppelter Hinsicht als finsterstes der Geschichte entlarven: wärmend beklatschte Selbstzerstörung mit Bestnoten für die erfolgreichsten Ressourcenräuber; von Sozialeinrichtungen und Psychiatrie grausamer als je zuvor „gerettete“ Bürger, die nicht Schritt halten können!

***

Alle paar Jahre wieder wird das größte Radioteleskop der Welt eingeweiht. „Schwarze Löcher“ am Rande des Universums gilt es zu erkunden. Sonderbar, daß es hierzu riesiger Anlagen bedarf, jede mit einem Durchmesser von 25 Metern. Schwarze Löcher sind mit dem bloßen Auge auszumachen: Im größten sitzen wir selbst! Während wir glauben, immer weiter in die große weite Welt hinauszuschauen, verengt sich unser Blick auf Bildschirmgröße. Das Fernsehmonster häckselt Realität kurz und klein in lustige bunte Punkte. Wirklichkeit wird auf befohlene Größe und Inhalte geschrumpft, wie in der griechischen „Prokrustes“-Sage vom Riesen, der Reisende auf Bettlänge zurechtstutzte oder maßgerecht verlängerte. Wer mittels immer mehr Technik ständig weniger sehen möchte, braucht keinen Cyberhelm aufzusetzen, um die Phantasie auf realitätsfremde Reisen zu schicken. Der Alltag beschränkt sich auf die Abmessungen von PC-Bildschirmen, auf die Junge und Alte, Intelligente und Beschränkte, Reiche und Arme, Vorgesetzte und Untergebene fast ununterbrochen starren. Wie Scheuklappen benutzte Mikroskope und Teleskope lassen nur noch winzige Wahrnehmungen zu, deren Schein lediglich Illusionen nährt, selbst wenn es sich bei den beobachteten Objekten um riesige Planeten handelt.

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Die Reihe erfolgloser Mahner ist lang: J. Bachofen forderte 1861 in „Mutterrecht und Urreligion“, sich wieder mit Tierinstinkt den Forderungen des Körpers, der Umwelt und der Erde anzupassen. Herbert Gruhl, unermüdlicher Streiter für den Rückschritt aus dem Fortschritt, mahnte in Tageszeitungen, was neben täglichem Kaugummikauen wichtig wäre. Engagierte Bücher von Albert Schweitzer, Erich Fromm, Konrad Lorenz, Hoimar von Ditfurth stießen auf hohe Zustimmung einflußreicher Kreise – und bewirkten nichts! Letzterer prophezeite, der Weg aus der globalen Krise würde nicht gegangen, obwohl die Tore offen wären, „groß wie Scheunentore“.

***

Ditfurth, Professor der Psychiatrie, hatte recht! Weltweit schrammen Ver-rückte am Scheunentor vorbei. Sie nehmen die Welt nicht wahr, wie sie ist, sondern projizieren technisch-modische Vorstellungen auf sie, versuchen, die Erde nach ihrer Wahnwelt zu modellieren. Was meinen Gegner dazu? „Antipsychiater“ Laing vergleicht in seiner „Phänomenologie der Erfahrung“ Psychose mit folgendem Geschehen: „Aus Sicht eines objektiven Betrachters fliegt eine Flugzeugstaffel ins sichere Verderben. Innere Kräfte zwingen einen der Piloten, vom fehlerhaften Kurs abzuweichen und auf den richtigen einzuschwenken. Die verbleibende Staffel, ohne solches Erleben, bemerkt das Abdriften mit Entsetzen und tut alles, um den Flugzeugführer zu „retten“ und zur Rückkehr auf den „richtigen“ Kurs zu zwingen.“ Längst brodelt es auch im Innern der Retter, an denen tagein tagaus ganz normal gelebter Wahnsinn nicht spurlos vorübergeht. Unter der Haut spüren sie die falsche Richtung ins All, unter Aufgabe innerer Bindungen zu Ahnen, Tier, Pflanze und Erde. Sie wären zu Kursänderungen bereit. An der Bodenstation befehlen jedoch diejenigen, die bei Aufgabe des falschen Kurses am meisten zu verlieren hätten. Je schneller und zielgerichteter geflogen wird, um so weniger registrieren überlastete Bürger, daß die verkehrte Richtung für die ganze Misere verantwortlich ist! Einzelne Piloten fühlen, daß irgendetwas abgrundtief faul ist. Sie würden fündig, fehlte ihnen nicht innerhalb des Rudels der große Überblick. Zu Unrecht verlassen sie sich darauf, daß die Bodenstation, bei der alle Informationen zusammenlaufen, die richtigen Entscheidungen trifft. Wird sie von Blinden geführt oder schläft das Personal? Was wäre, folgten alle Flugzeuge der ersten Maschine, gesteuert von einem automatischen Piloten, bestückt mit einem kranken, kinderlosen Greis, eine heilige Mütze auf dem Kopf? Die Richtung stimmt, denken Beobachter, da er sich nach Eroberung eines neuen Landes für den falschen Kurs immer auf den Rollfeld-Boden wirft und den Beton des Fortschritts küßt. Ohne moralische und ethische Navigation jagt die orientierungslos gewordene Menschheit der rotierenden Richtungsnadel eines Kreiselkompasses hinterher.

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Unbedeutende Alltagsentschlüsse folgen der Regel: vom Einfachen zum Schweren, vom Innern zum Äußern, vom Nahen zum Fernen. Bei wichtigen Menschheitsentscheidungen verhält es sich umgekehrt. Ein Sog hat die Menschheit erfaßt, in besinnungslosem weiter, schneller, höher! Das größenwahnsinnige Großhirn reißt die Erdbevölkerung technokratisch in den Tod. Der Fortschritt gleicht einem Geisterzug auf dem Weg zu den Sternen. Statt Passagier-Waggons sind der Lokomotive unzählige Tender angekoppelt. Zahllose Heizer, sogenannte „Macher“, machen wie befohlen Dampf! Die Lokomotive zieht den Zug nicht mehr, sondern wird von unzähligen Dampfmachern, Forschern, Wissenschaftlern, Entdeckern, Erfindern, Produzenten usw. immer schneller vorwärts getrieben, was in der Eile niemand bemerkt. Die Fahrt ins Nichts geht gut voran! Wer zu schwach ist, Dampf zu machen, oder wen seelisch-psychotische Kräfte aus dem Beschleunigungskader abziehen, ist unnormal, krank oder ver-rückt und wird über Bord geworfen.

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Ein böser Traum, Wahnwahrnehmungen, Halluzinationen? „Im falschen Film“ glauben sich die einen; „sie stünden daneben“, meinen andere. Vielleicht verschwinden die apokalyptischen Reiter nach therapeutisch-analytischer Behandlung? Wir wären schon zufrieden, könnten wir nach fachgerechter psychologischer Beratung alles so normal finden wie andere auch! Auf der Couch erfahren wir, daß unsere Feststellungen auf wahren Begebenheiten beruhen und nur die daraus gezogenen Schlüsse falsch seien. Geheilt schwenken wir in den fatalistischen Verhaltenstrott sogenannter normaler Menschen ein, die mehr herdisch als heroisch in den Untergang trotten. Suizid und Irrsinn berühren einander in oft auffälliger Weise. Der Zusammenhang zwischen schleichendem Kollektiv-Suizid und gemeinschaftlicher Geisteskrankheit ist unübersehbar. Trotz aller Hektik ähneln Standardmenschen ausgegrenzten, in psychiatrischen Anstalten eingesperrten Irren mit dem Krankheitsbild „depressiver Stupor“: Wahnkranke, die nach innen gekehrt teilnahmslos alles über sich ergehen lassen! Das hohe Lebenstempo der Normalität ist stumpfe Flucht vor sich selbst. Wer das Tempo nicht halten kann oder an der Vernunft des Fortschritts zerbricht, wandert ins Irrenhaus, um nach Konsum psychiatrischer Wunderpillen wieder auf Herden‑ und Glückskurs einzuschwenken. Mächtigen Bäumen sieht man ihren wahren Zustand nicht immer an. Manche täuschen und machen glauben, sie seien gesund, obwohl sie von innen her völlig morsch sind. Verzweifelt klammern sie sich nur noch an ihre Ränder, bis sie eines Tages ganz überraschend einstürzen. Auf diese Weise sind wir gut beschrieben, innerlich wie äußerlich! Endlich verstehen wir folgende Anekdote: „Ein Rabbiner begegnet einem eiligen Geschäftsmann. Warum dieser so hetze? Er habe dringende Geschäfte zu besorgen! Nun, meint der Rabbi, woher willst du wissen, daß die Geschäfte, denen du hinterherrennst, sich vor dir befinden; vielleicht sind sie auch hinter dir und du rennst nur vor ihnen davon?“ Unser Rabbi hat recht: Die Geschäfte der Weltwirtschaft treiben uns erbarmungslos vor sich her!

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Die Lust zum Feiern ist uns endgültig vergangen! Wir entfliehen heimlich dem Lärm, den trinkfeste Partygäste am frühen Morgen verbreiten. Am Ausgang lesen wir den weisen Spruch des Hausphilosophen: „Aus is und gar is und schad is, daß wahr is (es ist aus und vorbei und schade ist, daß es wahr ist)!“ Bevor wir einschlafen, wollen wir wissen, wer an der ganzen Scheiße schuld hat. Warum schlägt das Leben angewidert einen großen Bogen um uns? Ein bekannter Physiker-Kalauer besagt, Vorhersagen seien besonders schwierig, wenn sie sich auf die Zukunft bezögen. Mit Analysen ist es genau umgekehrt. Sie sind besonders einfach, sofern sie die Vergangenheit betreffen: Alle sind schuld!

 

 

Blätter im Wind

 Der Mensch ist klug und flexibel! Fähigkeiten, die ihn zur „Nummer Eins“ der höheren Tiere machen. Wir zweifeln nicht, daß er alle Tierkollegen überleben wird, wenn auch nicht lange. Im Grunde seines Herzens bewegt jeden Endzeitstimmung, gerade jene, die sich besonders lärmend und ausgelassen im Totentanz drehen. Dachte man einst vorausschauend, wird heute nichts mehr auf Generationen hin angelegt. Das ist weise, denn längere Organisation lohnt kaum! Umfassend entworfene Lebensperspektiven weichen Planungen für überschaubare Zeiträume, ein paar Wochen oder Monate, ein paar Jahre, solange es eben geht: Liebesbeziehungen, Ehen, Freundschaften, Sportarten, Wohnungen, Vermögensanlagen, Urlaubsorte, Hobbys, Interessen...
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Vielleicht ist es ökonomisch, wie mit Kindern, Alten, Behinderten, Kranken und Sterbenden umgegangen wird. In extrem arbeitsteiligen Wirtschaftsgemeinschaften sind schon kleinste Störungen Sand im Getriebe des Wirtschaftsmotors, die eine Abschiebung ins Armen- oder Reichenghetto empfehlen, je nach Herkunft und Einkommen. Unsere Lebensgrundlagen erfahren kaum Fürsorge, zu preiswert sind sie geworden! Rechnen wir einmal nach, was bleibt unter dem Strich? Zunächst kalkulieren wir brutto: sieht gut aus! Selbst durch Unfälle im Straßenverkehr verkrüppelte Menschen und demolierte Autos begegnen uns als positive Zahlen des Sozialproduktes. Schließlich müssen Verletzte versorgt und zerstörte Autos neu produziert werden! Netto sind wir beunruhigt: Selbstmorde, Verkehrsopfer, Suchtkranke, Drogentote, Kinderprostituierte, Frührentner, Scheidungs-Waisen, Pflanzen-, Tier- und Menschenseuchen, fallende Grundwasser‑ und steigende Meeresspiegel, verstrahlte Böden, verschmutzte Luft, verseuchte Flüsse... Dem ökonomisch und ökologisch bewerteten Sozialprodukt gesellen wir ein seelisches hinzu: Lebensängste, Neurosen und Psychosen! Schon möglich, daß sich die ganze Welt um Eintrittskarten für reiche Industrienationen schlägt, ein paar Kleinigkeiten werden übersehen: Der Rest der Welt stünde besser da, würde er nicht wirtschaftlich ausgeblutet! Ergänzend werden wehrlose Länder mit Zivilisationskrankheiten und religiösen Bevölkerungsvermehrungs-Programmen beglückt.

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Einfältig sind nicht die, die mit Heimat, Land und Leuten, Tieren und Pflanzen, so verwurzelt sind, daß ihnen Trennung von Begriff und Gegenstand noch unmöglich ist und sie Wahrgenommenes, Gedachtes und Gesprochenes nicht abstrahieren, sondern für ein und dasselbe halten. Wahrhaft primitiv sind nur jene, die mit nichts mehr verwachsen sind, in städtischen Herden zusammengetrieben vegetieren, heute hier, morgen da, von jeder fortschrittlichen Werbe-Brise modisch verweht. Liebe verlangt nach Zukunft! Nachdem nur noch Augenblicke zu verteilen sind, reicht dem modernen Menschen Sex! Wir modellieren vermehrt in Plastik und werden selbst zum blutleeren Ausgangsmaterial: bei einem das Bein, beim andern der Kopf, bei allen das Herz. Aufziehbare Puppen, die sich unentwegt durch Kinder fortpflanzen. Der verschüttete Wunsch nach Identität und Individualität nimmt verzweifelte Formen an. Früher trugen nur Verstorbene Totenmasken, heute trägt man schon zu Lebzeiten leblos übermalte Kosmetikgesichter durch die Welt. Farbenprächtige Frisuren und Kleidung lassen bunte Dschungelpapageien verblassen! In einem letzten Gefecht müssen sich Kraftfahrzeuge aller Art mit furchterregenden Auf‑ und Anbauten wie Spoilern, Kuhfängern etc. zum individuellen Massengeschmack äußern.

 

 

Sterben macht gleich

 Schüttere Ansätze zur Umweltsanierung und zögerliche Abwendung moderner biblischer Plagen lassen einsehen, daß es sinnlos ist, sich brillant fabriziertem Weltekel und weltweiter Suizidalität entgegenzustemmen. Wer tiefes Unbehagen spürt, dem wird geraten, bei sich anzufangen, ein einsam machendes Büßergewand überzustreifen und ins fünfzehnte Jahrhundert auszuwandern. Einzelopfer sind jedoch angesichts verflechteter und abhängiger Märkte zwecklos, im günstigsten Fall ein Feigenblatt, das weitere Umweltzerstörung bedeckt! Wir stülpen allen zur Verfügung stehenden Zynismus nach außen und beteiligen uns nach Kräften am kollektiven Raubbau. Es riecht nach Tod! Im Untergang sind alle gleich, Standesunterschiede stürzen ein. Wenn dieser Planet im Kampf um Wasser, Land, Nahrung und Rohstoffe ruiniert wird, hat jeder den gleichen Anspruch auf Zerstörung. Landrun (Rennen um Land) nannten die Amerikaner die Besetzung des von Indianern geraubten Landes. Die Schnellsten hatten wenig Regeln zu beachten und viel Land zu gewinnen! Wir verkennen nicht, daß eine gleichberechtigte Plünderung der Erde noch an unvollkommenen Gesetzen scheitert und auf strafrechtliche Hindernisse stößt. Zum Glück gibt es eine Verfassung: Alle Menschen sind gleich! Der Run auf verbliebene Bodenschätze ist neuen Regeln zu unterwerfen. Jeder darf sich gleich bedienen und die angenehmen Seiten der Klimakatastrophe genießen. Statt besserwisserisch mit eingesparten Joghurtbechern anzustinken gegen rasende und gasende Autokolonnen, rauchende Schornsteine und strahlende Kraftwerke, geloben wir, Nachbarn künftig keine Schuldgefühle mehr einzureden oder gar deren ozonhaltige Laune zu verderben. Greift zu, Freunde, das Festmahl dauert an! Motto: überfressen oder gefressen werden! Quellen auf einem Festbankett die Tische über, ist es müßig zu sinnieren, wie viele draußen davon satt würden. Wer am schnellsten zugreift, erhält das meiste, selbst wenn Grenznutzen von Körper, Geist und Seele gegen null tendieren.

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Immer wieder entstehen Kulturen, die von Ahnen mit ruinöser Totenverehrung gestraft werden. Begräbnisse haben sie kultisch so aufwendig auszurichten, daß Hinterbliebene wirtschaftlich auf Generationen zahlungsunfähig sind. Das ist nichts gegen die Pracht unserer postmodernen Henkersmahlzeit, die ein Vermögen kostet, das die Menschheit endgültig ruiniert. Optimisten sollten keinesfalls auf Öko-Vorschläge hereinfallen! Diese begünstigen lediglich eine schleichend vor sich gehende Zerstörung, die totalem Umdenken im Wege steht. Im Gegenteil, gute Bürger konsumieren kräftig! Was im Verhältnis einzelner Gültigkeit hat, gilt für die Erde als Ganzes. Die Dritte Welt muß weit üppiger zulangen als bisher! Sie darf genausoviel verbrauchen wie die Industrienationen und ebenso viele Schadstoffe produzieren. Arme Länder können sich gegen die weltweite Zerstörung am wenigsten wehren. Sie subventionieren durch Verzicht lediglich einen verlängerten Global-Suizid. Völkerrecht und internationale Abkommen müssen für Chancengleichheit sorgen! Keine falsche Rührseligkeit, nur weil alles auf Pump, auf Kosten künftiger Generationen, zu Lasten der Tier‑ und Pflanzenwelt vonstatten geht. Für entstehende Schulden wird sowieso kollektiv gehaftet. Wer auf sich hält, ist auf der Aktivseite präsent!

 

 

Intelligentes Leben ...?

 Jedenfalls nicht auf Erden! Der Mensch weiß nicht, daß die Größe eines Lebensraums Anzahl und Ansprüche seiner Bewohner begrenzt. Er dezimiert Wälder, verpestet Atemluft, verseucht Böden, uriniert ins Trinkwasser, verkotet Meere. Einfühlsame Diagnose der Psychologie: zwanghafte, kollektive Verdrängung jeglicher Vernunft mit der Gefahr chronischer Verfestigung! Die Psychologen verkennen völlig, daß dies ursprüngliches Vorhandensein von Verstand voraussetzt. Menschliche Intelligenz bleibt deutlich hinter der der tropischen Raubameise zurück. Diese rennt und frißt gleichfalls alles nieder, kehrt aber erst zurück, wenn sich ein neuer Beutezug lohnt. Vor dem nächsten Angriff erholt sich das geplünderte Gebiet vollständig. Eine der Vorstellungskraft moderner Menschen völlig fremde Verhaltensweise! Nachdem Intelligenz so schmerzlich vermißt wird, diskutiert man seit Jahrhunderten, ob außerhalb der Erde vernunftbegabte Lebewesen existieren. Gut möglich, aber eine Verständigung mit ihnen wird mangels eigener Vernunft kaum gelingen! Wie stellen wir uns Menschen der Zukunft vor? Vielleicht wie die nackten Kannibalen der Terra de Santa Cruz, die nicht einmal die primitivste Stufe der Zivilisation erreicht hatten. Sie wußten weder die Erde zu bebauen noch Vieh zu züchten, sondern lebten von dem, was sie auf Bäumen oder im Wasser fanden und zogen weiter, sobald ein Bezirk abgegrast war. Viel hatten sie nicht gelernt, aber wenigstens nicht das völlig falsche!

 

 

Auf den Trichter, in den Trichter

 Das Stichwort „Trichter-Effekt“ gab dem tragischen Verlauf der Judenverfolgung im Dritten Reich den Namen. Weder Verfolger noch Verfolgte, weder Nazis noch Juden wußten von vornherein, wie und vor allen Dingen wie rasch bei der „Endlösung der Judenfrage“ verfahren würde. Alle Juden, die nicht rechtzeitig das Land verließen, wurden von einer Art Trichter erfaßt. Obwohl noch ziemlich gut in die Bevölkerung integriert, quasi nur einen Schritt von anderen entfernt, wurde es Juden unmöglich dem Sog, der in diesem Trichter nach unten führte, zu entgehen. Kaum jemandem gelang es, quasi nochmals über den Trichterrand zu klettern. Vielmehr beschleunigte sich das Tempo nach unten in zunehmendem Maße, hin bis zum millionenfachen Völkermord. Obgleich die vom Sog erfaßten Juden einander halfen, konnte im Endeffekt keiner etwas für andere tun, da alle gemeinsam und hilflos immer schneller auf die untere Trichteröffnung zusteuerten, in die Vernichtung. Statt auf den Trichter zu kommen, sind wir in einen vergleichbaren Trichter geraten, Opfer einer praktisch unumkehrbaren Entwicklung geworden, aus der es kein Entrinnen gibt. Wer wäre mächtig genug, sie zu stabilisieren, ihr Grenzen zu setzen und verbindliche Regeln aufzustellen? Je weiter wir nach unten geraten, desto schneller wird die Fahrt, wie bei zirkulierendem Wasser, das in die Trichteröffnung gerät. Das Lebenstempo wird unaufhaltsam höher, Lebensgrundlagen werden immer rascher zerstört, alles ändert sich ständig schneller: Erfindungen, Entdeckungen, Waren, Lebensanschauungen, Reiseziele, Verkehrsmittel, Berufe, Lehrpläne, Vorschriften. Neu verkündete Wahrheiten haben gerade noch eine Halbwertzeit von vierzehn Tagen!

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Zur Abwendung der Klimakatastrophe ist die Halbierung des Schadstoffausstosses bis zum Jahre 2010 unverzichtbar, warnt der wissenschaftliche Sachverständige der Bundesregierung und läßt sich in einer bequemen Limousine zur nächsten Sitzung chauffieren. Wir müssen die Umwelt stärker schützen, sagt der Bundeskanzler und gibt bekannt, daß die Senkung der Arbeitslosenzahlen ein Wirtschaftswachstum von jährlich mindestens drei Prozent voraussetzt. Der Wirtschaftsminister plädiert für einen schonenden Umgang mit vorhandenen Reserven und lobt die Bürger für ihr kaufkräftiges Konsumverhalten, das eine Rezession verhindern hilft. Industriell betriebener Ackerbau ist schädlich, mahnt das Umweltministerium und fordert die Rückkehr zu naturnahen Produktionsformen. Der Landwirtschaftsminister erklärt, daß nur Agrarfabriken wirtschaftlich überleben können. Die Schadstoff-Grenzwerte für Milch sind völlig unbedenklich, stellt der Lebensmittelchemiker klar und trinkt fortan Dosenbier. Preiswertes Hormonfleisch aus den USA schade der Verbrauchergesundheit, erklärt der Landwirt und läßt seinen Rindern schleunigst vom Tierarzt „Medikamente“ verschreiben, um durch schnelle Kälberaufzucht wettbewerbsfähig zu bleiben. Deutsche Kernkraftwerke sind sicher, sagt der Vorstand der Atomindustrie und kauft vorsorglich ein Haus auf Teneriffa. So sägt jeder an dem Ast, auf dem er sitzt, um sich mit herabfallenden Sägespänen noch ein paar Jahre über Wasser zu halten.

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Wer sich im Trichter gegen die Fahrtrichtung des Fortschritts stellt, wird zu Recht mit sozialen Sanktionen belegt. Er wird ohnehin mit nach unten gespült und macht sich und andern nur das Leben schwer. Vergeltungsmaßnahmen sind sorgfältig abgestuft: von Wohlstandseinbuße bis zur Verarmung, vom Ansehensverlust bis zur Ächtung! Fortschritt ließ uns weit hinauslehnen, auf unzähligen Gebieten, von der Ernährung bis zur medizinischen Versorgung, von der Geburt bis zum Tod. In diesem modernen Haus glaubte man sich sicher und sperrte sich stattdessen ein. Niemand kann es mehr verlassen, um die Entwicklung umzukehren!

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Wer von Mitmenschen ernst genommen werden will, kann sich den Forderungen des Fortschritts nicht entziehen. Wie in einem Krieg, zu dem wieder einmal zu viele hingegangen sind! Kontaktverlust zur eigenen Truppe ist mindestens so lebensgefährlich wie die Feindberührung selbst. Der Gegner ist nicht minder grausam wie wir! Die Natur rächt sich mit Klimaerwärmung, Stürmen, Überschwemmungen, Erdrutschen, resistenten Schädlingen, Mißernten... Ohne die schweren Geschütze des Fortschritts wären wir längst verloren! Dennoch unterscheidet sich dieser neue „Trichter“ grundlegend von seinem Vorgänger bei der Judenverfolgung: Die Ränder bilden nicht Nationalsozialisten oder Dritte, sondern wir selbst! Im Fortschrittsglauben untrennbar zusammenklebend, darf keiner entkommen! Verlöre der ideologische Klebstoff, der sechs Milliarden Menschen zusammenhält, seine Kraft, der Trichter zerbröselte in ebenso viele Teile und der Spuk hätte ein Ende.

 

 

Vorwärts, wir müssen zurück

Albatrosse, gewaltige Sturmvögel, Überflieger der Ozeane, verlieren nie die Orientierung. Lachse finden unzählige Flußkilometer zurück zum Geburtsort, Zugvögel machen sich jedes Jahr auf nach Afrika, kehren heim zu ihren Nistplätzen. Woher wissen sie den Weg? Sie kennen ihn! Wir sind viel weiter gereist, ohne zu wissen, wie wir zurückfinden sollen! Wie weit müssen wir zurück? Bis in die Traumzeit der Menschheit?

 

 

Jeder nur ein Kreuz

 ...erhalten drängelnde Kreuzigungskandidaten im Kultfilm der englischen Pop-Gruppe Monthy Python „Das Leben des Brian“. Ordnung muß sein! Wenn wir schon versinken, verlangen wir übersichtliche Hinrichtungen. Stop allen Störern und Chaoten beim Bau atomarer Anlagen und sonstiger umweltfreundlicher Großtechnologie! Ausgeklügelte Sicherheitssysteme schützen uns. Die Bevölkerung ist zu keinem Zeitpunkt in Gefahr, gemessen an jeweils geltenden Sicherheitsstandards und Grenzwerten. Diese sind so leicht zu versenken, wie käufliche Wissenschaftler sie auf geduldigem Papier oder gnädigen Bildschirmen dem Zeitgeist angleichen. Vernünftige Menschen beachten Empfehlungen der Sicherheitsbehörden: Sie meiden bei hohen Ozonwerten schwere körperliche Arbeit (wer macht sie dann?), verzichten auf Sonnenbäder (wer erledigt die Feldarbeit?), schließen bei Smog die Fenster (bei Daueralarm für immer?), essen keine Pilze und kein Wild (ab morgen kein Gemüse und kein Obst?)... Wer sich nicht mehr ins Freie wagt, ist auf der sicheren Seite. Jedes Kind weiß das! Wem wäre nicht bekannt, daß die halbe Erde ins Ozonloch fiel und längerer Aufenthalt auf Straßen zu qualvollem Erstickungstod führt. Sanfte Aushöhlung von Elementargütern, schleichender Niedergang der Lebensqualität. Nie ging es Menschen besser (allen?), nie der Umwelt schlechter!

 

 

Sprechende Enten, radschlagende Mäuse

 Epcot-Center in Florida, ein Steinwurf von Disney World entfernt: Die Besichtigung ist für Touristen weit lohnender, als rührselig in den benachbarten Everglades mit aussterbenden Alligatoren über austrocknende Sümpfe um die Wette zu weinen. Die im Epcot-Center aufgebaute Miniaturwelt dokumentiert, wie Technik und Wissenschaft die Erde endgültig zu ruinieren beabsichtigen: Naturlichtlose Behausungen, unterirdische Verkehrsmittel, schaurige Unterwasserstädte, gespenstische Weltraumsiedlungen wetteifern um das Grauen der Besucher. Wen nicht blanke Panik packt, ob der Aussicht, in solcher Kunstwelt einmal leben zu müssen, hat es gut getroffen. Wir andern leiden unter dem Alptraum einer bis zur Unkenntlichkeit umgebauten Welt und gönnen uns psychoanalytische Deutungen: Der ganze Aufwand „weg von der Erde“ wird getrieben, um Mutter Erde unversehrt wiederzufinden! Bei allem Respekt vor wissenschaftlichen und technischen Leistungen: Wer sich vom Glanz der Raumfahrt nicht blenden läßt, verwechselt schwerfällig auf dem Mond tapsende Raumfahrer leicht mit Comic-Figuren. Nach dem masochistischen Training im Epcot-Center müssen sich unsere kindlichen Seelen erst einmal erholen, nebenan in Disney-World! Dort erfahren wir vertraulich, daß Donald Duck, Micky Maus und Daniel Düsentrieb schon vor Jahren entflohen sind. Seither arbeiten sie in Forschung und Wissenschaft, Industrie und Technik, vermehren sich freudig und basteln eine kühne neue Welt. Perfekt verkleidet als Forscher, Techniker, Unternehmer, Politiker sind sie kaum auszumachen. Es wird schwer sein, all die sprechenden Enten, radschlagenden Mäuse, durch die Lüfte reitenden Düsentriebs wieder einzufangen und ins Reich moderner Kindermärchen zurück zu verbannen!

 

 


Arm oder reich

 Reichtum macht arm! Im 16. Jahrhundert war Portugal das reichste Land des Kontinents. Sein Glück konnte es nicht festhalten. Paradoxerweise ließ der ungeheure Besitz das Land verarmen: in umfangreiche Kolonien abwandernde Menschen; verödete, nicht mehr bestellte Felder; im Überfluß angelieferte Güter aus Übersee, die jede produktive Tätigkeit erstickten... Die Reichtümer wurden von König und Adel verpraßt, niemand investierte mehr im Land. Schließlich mußte sich der Staat zur Finanzierung seiner Importe hoch verschulden. Unterdrückung, Dürre, Hungersnot und Pest folgten. Parallelen zum Wohlstand der Industrienationen sind erkennbar, liegen doch auch hier immer mehr Felder und Fähigkeiten brach.

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Die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich ständig! Der Reichtum des wohlhabendsten Fünftels der Menschheit übersteigt den des ärmsten heute um das 75‑fache. 1960 war das „nur“ das 30‑fache! In den Staaten, die von der internationalisierten Wirtschaft am stärksten profitieren, verhält es sich ebenso. Während die Menschen an der Spitze der Einkommensskala wesentlich reicher werden, erhöht sich das Einkommen des unteren Fünftels kaum. Auf den Punkt gebracht, profitiert von der globalisierten Plünderung der Erde, national wie international, der Bevölkerungsteil am meisten, der es am wenigsten nötig hat. Eine so verstandene Globalisierung hegt die wirtschaftliche Anarchie, pflegt die soziale Apartheid der Weltbevölkerung und fördert die Kultur des Hungers. Früher waren alle reich! Die wertvollsten Güter, sauberes Wasser, reine Luft, unverdorbene Böden, intakter Wald standen allen Lebewesen zur Verfügung. Zu globaler Armut verhelfen Industrienationen, die das wertvolle Tafelsilber „Elementargüter“ gegen Tand eintauschen, um sich kurzfristig reich zu fühlen. Niemals ein subjektives Gut für ein objektives Gut zu opfern, empfiehlt Schopenhauer in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“. Allem voran darf Gesundheit nicht für den Erwerb objektiver Güter, Ansehen, Vermögen usw., geopfert werden. Ein gesunder Bettler ist glücklicher als ein kranker König! Was der Philosoph dem Individuum rät, gilt nicht minder für Länder und Nationen. Nie wurde dieser Grundsatz gründlicher mißachtet als heute! In den Tausch eherner Güter gegen Firlefanz sind Individuen wie Kollektive unentrinnbar eingebunden. Wer sich daran nicht beteiligt, gilt als Sonderling oder ver-rückt. In Zeiten gegenwärtiger Gigantomanie entstehen immer unüberschaubarere, unkontrollierbarere Einrichtungen, die nicht dem Gemeinwohl dienen: Selbstbedienungsläden, in denen Vermögen, Herkunft und Ausbildung das Maß möglicher Ausbeutung vorgeben!

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Um diesem zerstörerischen Treiben ein Ende zu setzen, stürzen wir die Pyramide reicher und armer Nationen um und stellen sie auf den Kopf. Reich sind ab heute Länder, die noch sauberes Trinkwasser, reine Luft, unvergiftete Böden und eine umweltverträgliche Infrastruktur besitzen; Staaten, die zum Überleben auf Mobilität nicht angewiesen sind. Arm sind hingegen Länder, die sich und andere Staaten langfristig weiter ruinieren müssen, um kurzfristig nicht zu verhungern. Darunter sind superarme und ultrareiche Nationen. Superarm sind industriell heißlaufende Wohlstandsregionen, in denen jeder zum Millionär werden möchte. Bald ist es soweit: Tränenmillionäre zuhauf! Ultrareich sind hingegen die rückständigsten Länder dieser Erde mit ihrem verbliebenen Reichtum an Tier und Pflanze. Natürlich sind sich diese Staaten ihres Reichtums genausowenig bewußt, wie die scheinbar reichen ihrer Armut. Nichts würde die Dritte Welt lieber tun, heute als morgen, als ihre Schätze gleichfalls gegen Plunder einzutauschen!

 

 

Der Funke Hoffnung

 Wir prüfen Alternativen zum bevorstehenden Welt-GAU: Luther empfahl, bei nahenden Weltuntergängen Apfelbäume zu pflanzen. Apfelbaum-Pflanzer sind klar in der Minderheit! Gläubige wie Ungläubige pflanzen lieber Hochhäuser, Produktionshallen, Atomkraftwerke, Autobahnen, Flughäfen und werden den größten denkbaren Unfall der Erde kaum abwenden. Wir entscheiden uns für einen Mittelweg: Geht morgen die Welt unter, nehmen wir heute frei. Nichts belastet die Erde mehr als Arbeit! Bleiben wir bei der Religion. Ihr Sargdeckel lastete Jahrhunderte auf Menschen, zementierte sie ein. Statt gegensätzliche Interessen durch das offene Fenster des Verstandes auszugleichen, wird es von verdummendem Glauben geschlossen, zum Nutzen Weniger und Schaden Vieler. Bröckeln schwerfällige Religionen, machen sie explodierenden, sich überschlagenden Entwicklungen Platz. Nun walzt Fortschritt alles Beständige nieder, bis die Sehnsucht nach ruhiger Entwicklung, statischen Gemeinwesen, wieder übermächtig wird. Wie jüngst im Mittelalter wird dann verspottet, wer die Gesellschaft in diabolischen Wandel, in teuflischen Fortschritt zu stürzen versucht. Kaum wahrgenommen wird, daß es dieselben destruktiven Kräfte sind, die einmal bis zur Atemnot beklemmen, dann wieder bis zur Atemlosigkeit vor sich her treiben. Zwei Seiten ein und derselben Münze! Not tun Lebensweisen, die nicht abschotten, aber auch nicht alles losmachen! Von Religionen dem Fortschritt neuerlich entgegengehaltener Glaube, die Forderung nach „Neuer Religiosität“, begräbt nur wieder unter frischen Sargdeckeln.

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Industrienationen sind die jüngsten Kulturen des Erdkreises. Sie müssen schlechte Gewohnheiten, vor allem ihre Konsum- und Wegwerfkultur ablegen und wieder zu Entwicklungsländern werden. Ältere Zivilisationen, sogenannte Primitive, die weit über die Lebensspanne einer Generation hinausdenken, dürfen sich nicht länger von der Jugend auf der Nase herumtanzen lassen. Wie kompliziert alles wurde! Als wir auf die Welt kamen, sah alles so kinderleicht aus! „Einfach betrachtet ist die Welt real und nahe. Komplex gesehen, wird sie beängstigend abstrakt und fern (Fukuoka: Der große Weg hat kein Tor).

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Nach einem neuseeländischen Märchen schlägt in der Tiefe eines auf der Nordinsel befindlichen großen Sees, dessen Wasserspiegel sich nachgewiesener‑ und unerklärtermaßen unaufhörlich um zwölf Zentimeter hebt und senkt, das Herz eines Riesen. Eine andere Geschichte erzählt, der Vulkan „Mount Taranaki“ sei ein vertriebener Liebhaber, der im Kampf um die Liebe einer schönen Frau einem anderen feuerspeienden Berg unterlegen wäre. Wie mögen Kinderseelen atmen, denen solch mystische Deutung des Erdkreises zuteil wird? Welche Verwüstungen richten wissenschaftliche Welterklärungen in dreijährigen Kinderherzen an? „Angst essen Seele auf“ (1973), titelt ein Faßbinder-Film. Wie wahr! Zudeckende und verdrängende Lebensweisen, unaufhörlicher Selbstbetrug versuchen das Leben schön zu färben. Dem steht das häßliche Antlitz aufgeschnittener, durchleuchteter Körper und mikroskopisch verzerrter Gegenstände gegenüber. Nie wußte man mehr über inneren Aufbau, über Zusammensetzung von Substanzen, nie zogen sich die Körper der Geschlechter weniger  an. Daraus resultierender Unfruchtbarkeit wird mit technischem Zeugungs‑ und Geburts-know-how begegnet, das natürliche Vorgänge von Tag zu Tag unappetitlicher macht. Wir machen die Welt wieder einfach! Der Teufel liegt in komplizierten Details, die zuhauf in Forschungseinrichtungen und technischen Universitäten lagern. Immer mehr wird über immer weniger gewußt. Die unkontrollierte Wissenswucherung muß ein Ende haben! Was dem vorletzten Jahrhundert Maschinenstürmereien waren, ist uns die Flutung aller Labors! Verzichten wir darauf, wirft uns die Wissenschaft früher oder später allesamt in rund um die Uhr zu tragende Ganzkörpergefängnisse, in astronautenähnliche Sicherheitsanzüge zum Schutz vor verdorbenem Wasser oder giftiger Luft. Der ökonomisch-technische Sündenfall wird uns vergeben, wenn die Kriegserklärung an die Natur zurückgenommen wird.

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Die Forschung wissen wir mit uns einig! Ihr Projekt „Biosphäre II“ versucht in einer schlechten Simulation dessen, was einmal natürlich war, eine glanzvolle Zukunft zu bescheren. Das Publikum staunt, wieviel Technik und Forschung beschäftigt werden kann, um herauszufinden, was jedes Schulkind weiß: Nur bei Wiederherstellung natürlicher Lebensbedingungen, ohne die Glasglocke der Wissenschaft, wird dieses Jahrhundert Anfang des nächsten seinen zweiundzwanzigsten Geburtstag feiern können! Der Probelauf von „Biosphäre II“ hat begonnen: ein gigantisches, komplexes, teures Unterfangen in Arizona. Fachleute warnen vor übertriebenem Optimismus mit der sinnigen Begründung, annähernd natürliche Lebensbedingungen seien wegen des hohen finanziellen und technischen Aufwandes nur in sehr begrenztem Umfange herzustellen. Wir warnen gleichfalls vor überspannter Zuversicht. Mit Wissenschaftlern sind die falschen Leute mit unserer Rettung vor der Rache der Erde betraut: Wer würde Kettenrauchern Luftreinhalte-Maßnahmen anvertrauen?

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Allesamt untaugliche Lösungen! Wir sind verzweifelt! Bleibt wirklich nur der Ausweg, die Menschheit wegen Selbst‑ und Fremdgefährdung auszuwildern oder, im Sinne der von Thomas Hobbes entworfenen Staatsphilosophie, einen Vertrag mit einem neuen Souverän zu schließen und uns bedingungslos einer Öko-Diktatur zu unterwerfen? Die negative Dialektik der Umweltzerstörung begründet sich darin, daß diejenigen hiervon am meisten profitieren, die den schlimmen Folgen am längsten entgehen können. Überreiche, überalterte, mit Kapital und Einfluß im Überfluß ausgestattete, also überflüssige Personenkreise können sich trotz wärmender Paradiesstrände nur mit heißen Finanzaktionen über kalte, freudlose Abende retten. Liebe kommt bei dieser Zahlenerotik nicht zu kurz und führt zu allerlei pekuniären Liebeshochzeiten und finanziellen Unternehmens-Vernunftehen. Fleißig gezeugte Tochterunternehmen zerstören letzte Paradiese! Eine bestechend einfache Lösung zeichnet sich ab! Die Mächtigsten im Lande werden ihrer Fluchtburgen beraubt und an die vorderste Front der Klimaerwärmung, Luftverschmutzung und Wasserverseuchung abkommandiert, wo sie ohne Schutzmaßnahmen ausharren müssen. Überzeugt, daß sie fortan makellose Entscheidungen treffen werden, stehen wir ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite.

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Eingeborene erschrecken vor ihrem Spiegelbild! Grund zur Furcht vor sich selbst und dem, was angerichtet wird, besteht durchaus! Tiger, selbst Hunde, die Menschenfleisch gefressen haben, werden zur Gefahr. Sie müssen getötet werden! Können wir von wissenschaftlichem Besäufnis und industriellem Fressen wirklich erst lassen, wenn man uns totschlägt, kollektiv unter die Erde bringt? Warum gerät aller Fortschritt zum Fluch? Weshalb führen selbst segensreiche, intelligente, hoffnungsvolle Erfindungen und Entdeckungen zu negativen Entwicklungen? Aus welchem Grunde sehen wir in verdorrenden Visionen Zukunft, statt sokratisch zu staunen, wie viele Dinge es gibt, die man nicht braucht. Warum bauen wir Kindern keine kleine, überschaubare Welt, die in ihr Herz paßt? Wer verkündigt die neue Religion „mindert euch!“, bevor die zwangsweise Gesundschrumpfung der Weltbevölkerung auf Null verordnet wird? Weniger Menschen, die weniger verbrauchen, weniger mobil sind! Einfache Menschen, die Frieden schließen mit der Natur und all ihren Lebewesen. Wann erhält die Schlange, ausgestattet mit aller Weisheit der Kreatur, ihr Ansehen zurück? Warum fürchten wir den Todeskuß der Technik weniger als den giftigen Biß der Kobra?

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Jede erfolgversprechende Tat beginnt mit einem Traum! Hoffen ist nicht verboten, die Hoffnung stirbt zuletzt. Vorwärts, wir müssen zurück! Nur Ochsen drehen sich von selbst im Kreis, wenn sie lange genug ein Mühlrad bewegt haben. Wieviel Kraft und Ressourcen werden unnütz für wirtschaftlichen Firlefanz verschleudert, wissenschaftlichen Schwachsinn verjubelt, medizinischen Unfug verpulvert, modischen Tand vergeudet, künstlerischen Ramsch verschwendet, unselig gekoppelt an Einkommen und Lebensunterhalt, statt zur Selbstrettung verwendet zu werden. Wer entwickelt einen „Marshallplan“ zur Befreiung der sich langsam verschließenden Zukunft? Grundrechenarten genügen sowohl zur Erkenntnis, daß es so nicht weiter geht, als auch zur Ermittlung dessen, was zu tun ist. Beherzte Wissenschaftler rücken dem schleichenden Untergang per Rechenschieber zu Leibe: Wie viele Menschen dürfen wieviel verbrauchen, um noch wie viele Jahre zu leben? Was kostet es, die Rodung des Regenwaldes zu stoppen? Wieviel muß für die Wiederaufforstung der Sahara hingelegt werden? Sind die Weltmeere bis zum Jahre 2020 erfolgreich zu entgiften? Halten wir eine durchschnittliche Jahrestemperatur von 49 Grad Celsius aus? Knacken Wirbelstürme Betonmauern von 1 Meter Stärke? Angesichts der hohen Eile des Fortschritts wird der Bremsweg beträchtlich sein!

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Lösungen liegen zuhauf in Schubladen, allen voran solche für eine ökologisch verbesserte Energiebilanz: Solarheizungen, Photovoltaik, Biomasse, Windräder, Erdwärmepumpen, Gezeitenkraftwerke... Leider zu „teuer“! Diese Erklärung finden wir zu „billig“ und sind für jeden Beitrag dankbar. In der Schweiz werden seit Jahren wieder alte Weizensorten angebaut, die keiner chemischen Pflanzenschutzmittel bedürfen und mit einem Viertel des üblichen Kunstdüngerzusatzes auskommen. Der sich halbierende Ertrag stört kaum, denn für unvergifteten Weizen wird bereits das Doppelte bezahlt. Fädelt man es richtig ein, lassen sich Umwelt, Tier und Pflanze erfolgreich beschirmen. Eine Handvoll Delphinschützer am Earth Island Institute in San Francisco kontrolliert seit einem Jahrzehnt den Markt für Dosenthunfisch im Jahreswert von zwei Milliarden Dollar. Firmen, die mit Delphinen im Netz erwischt werden, riskieren ihren Lebensunterhalt! Nach erfolgloser Abmahnung verschwinden sie auf der monatlich vom Institut verbreiteten Liste seriöser Unternehmen. Gleichzeitig wird in ganzseitigen Anzeigen diskret auf diese Zusammenhänge hingewiesen. Thunfischdosen solcher Gesellschaften lassen sich anschließend weder mit noch ohne Delphinbeigaben vermarkten. Achtbare oder achtbar gewordene Firmen spielen „freiwillig“ Hilfssheriff und versorgen das Earth Island Institute mit Hinweisen auf Bösewichte.

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Das Zurückdrehen des Entwicklungsrades wird weit härter sein als vergangene Rangeleien um bessere und beste Plätze: übervorteilen, berauben, bekriegen. Der Kater nach dem Vermehrungs-Rausch wird beträchtlich sein! Kollektiv wie privat stellen wir den Kopf wieder auf die Beine und fangen ganz unten an: Vertrauen in kleinsten Zirkeln aufbauen, selbst gepflanzte Nahrung essen, unvergiftete Kleidung tragen, Waren mit vertrauenswürdigen Personen tauschen, sich allenfalls auf überschaubare, solidarische, genossenschaftlich organisierte Gemeinschaften einlassen. Weder Recht und Gesetz, noch Ethik und Moral vermögen offenbar darüber hinaus reichende Gemeinwesen vor Durchseuchung mit Lug und Trug zu bewahren.

 

Es gäbe so viel zu tun  ...

Reaktoren endlagern, Atommanager in radioaktives Harakiri treiben, Pinkel-Happenings gegen Wasserklosetts organisieren, Stöpsel auf Autovergaser stecken, Flugzeugen Kerosinlassen verbieten, in Sandwüsten Reservate für chemische Werke errichten, Käfigtieren Zyankali zum Freitod zustecken, Massentierhalter gut portioniert in Legebatterien sperren, Versuchstiere heimlich gegen Schwarze Mambas austauschen, Pelzherstellern die oberste Hautschicht abziehen, Kampfhundezüchter auf Zwergpinschergröße verkleinern, Täter- und Opfer-Rollentausch bei Vivisektionen fördern, betonfressende Ratten züchten, Fußballfans umweltfreundliche Nebelgranaten verkaufen, Tropenholz in Schrebergärten anpflanzen, Behinderte quälende Skinheads in Rollstühle einbetonieren, medikamentös orientierte Psychiater mit Verstand auffüllen, Wissenschaftler in Formeln ertränken, Düngemittel-Hersteller zu Lebenslänglich in Stickstoffbehältern verurteilen, Gentechniker in embryonale Stammzellen verzaubern, Garnelen gegen die Algenpest impfen, kilometerlange Löcher in Schleppnetze schneiden, einheimische Algenfresser tiefenpsychologisch betreuen, Erdöl in Bohrlöcher zurückfüllen, von oben in Industrieschornsteine blasen, die in Reihenhausketten gelegte Landschaft befreien, sterbende Pflanzen grün anstreichen, baumlos gewordene Gegenden überdachen, Astronauten zum Mülleinfangen in den Weltraum schicken, gestrandete Walfische ins Meer zurückwerfen, Aktienkurse bei der Talfahrt anschieben, Frauen vor künstlicher Besamung retten, den Austritt der Katholischen Kirche aus der Bevölkerung beantragen, EU-Verordnungen zu Konfetti stanzen, Flugzeugstartbahnen verminen, beleidigende Briefe an die Weltbank schreiben, Windräder bauen, aktive Sterbehilfe für Wälder beenden... - oder soll die Erde nur noch unser Grab sein?

 

 

Lost in time, lost in space, lost in meaning ...

resümiert das generationsübergreifende Filmepos „Rocky Horror Picture Show“ über den Weg der Menschheit: verloren in Zeit, verloren im Raum, verloren in Suche nach Sinnfindung! Wir prüfen die Aussage bezüglich der Zeit und räumen ein, daß uns vernünftiger Umgang mit ihr unmöglich scheint. Die einen überschlagen sich im Lebenstempo, andern wird Zeit so zur Last, daß sie mit Zeitvertreib vertrieben wird. Beides untaugliche Versuche, den Qualen des in die Leere der Zeit gehängten Lebens zu entgehen. Pessimisten halten Leben sowieso für reine Zeitvergeudung! Verloren im Raum sind wir gewiß! War früher jedem Volk sein Geburtsort heilig, Mittelpunkt der Erde, Drehkreuz des Universums, wird modernem Verständnis der Heimatplanet mit jedem Tag zum unwichtigeren Punkt im All. Verloren in Sinnfindung? Der delphische Orakelspruch „Erkenne dich selbst“ führte nicht zu stabilem Wissen, sondern zur Selbstdemontage, ohne die eigentlich gestellte Aufgabe zu bewältigen. Kenntnis von und Umgang mit der inneren Welt sind auf einen Tiefpunkt gesunken, von dem sich Geister‑ und Dämonenglaube früherer Zeiten strahlend abheben.

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Das Orakel ist der Notschrei einer zu Tode verwundeten, sich an ihr tiefstes Wesen heranleidenden Menschheitsseele! Zu viel vom Baum der Erkenntnis zu essen, ist ihr nicht gut bekommen! „Erkenne dich selbst“ ist ein letzter Akt der biblisch überlieferten Vertreibung aus dem Paradies, des Verlustes der unversehrten körperlichen und seelischen Welt, einhergehend mit dem Ende aller Geborgenheit im urmütterlichen Ganzen. Hinterfragt wird nur Leid! Ohne Leid, kein Bewußtsein! Das geistig-analytische Seziermesser des Orakels wollte die Seele nicht zu weiterer Erkenntnis aufschneiden, sondern krankes Bewußtsein entfernen, uns um den marternden Verstand bringen, im Unbewußten Heilung verheißend.

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„Überhaupt wird zur Entdeckung der wichtigsten Wahrheiten nicht die Beobachtung der seltenen, verborgenen, nur durch Experimente darstellbaren Erscheinungen führen; sondern die der offen daliegenden, jedem zugänglichen Phänomene. Daher ist die Aufgabe, nicht sowohl zu sehen, was noch keiner gesehen hat, als bei dem, was jeder sieht, zu denken, was noch keiner gedacht hat...“ Also sprach Schopenhauer, in Band V, § 76, S. 131. Der Philosoph hatte es gut! Im 19. Jahrhundert konnte bei dem, was man sah, vielversprechend überlegt werden, wie der Planet zu ruinieren wäre – und man besorgte das gründlich! „Philosophie heute“ kann nur Abrißbirne sein zur Zerstörung dessen, was zerstört!

 

 

Sanfte Verbrecher – sanfte Verbrechen

Sanfte Verbrechen werden nicht geahndet. Parzellierte Verantwortungsbereiche lassen weich ruhen. Sanfte Verbrecher sind nicht einzelne, nicht viele, sondern alle: vorsätzlich oder fahrlässig, bewußt oder unbewußt, normal oder ver-rückt, Reiche, Arme, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Produzenten, Konsumenten, Vorgesetzte, Untergebene, Machthaber, Mitläufer, Wegseher, Mitschweiger und Weghörer! Der Gegensatz zwischen schuldig und unschuldig löst sich in Kollektivschuld auf. Das Rückgrat des Gewissens liegt frei, die größten Stücke fehlen. Jeder glaubt sich schuldfrei, obwohl er irgendwo irgendwie profitiert! Wir haben unsere Seele verloren, verkauft für Geld und scheinbaren Wohlstand. Stellvertretende Bestrafung einzelner für die Verworfenheit aller wird der Kollektivseele nur noch für einen Übergangszeitraum Erleichterung verschaffen. Allzulang Gäste der Natur, ahnte diese nicht, daß sie Plünderer eingeladen hatte, die sie nur um den Preis des eigenen Untergangs wieder auszuladen vermag: die größten Räuber, die die Erde je gesehen hat, sich noch am eigenen Erbgut vergreifend! Verbrecher? Nein, wir sind gar keine richtigen Verbrecher, nur Galgenvögel! Verbrecher haben wenigstens eine Perspektive, ein Konzept für geraubtes Gut.

Trotzdem, das letzte Wort ist nicht gesprochen. Man muß mit allem rechnen, selbst mit mehr Verstand!

 

 

Nachwort

Der Vorwurf der Nestbeschmutzung trifft zu! Lore Lorentz, die Große Dame des deutschen Nachkriegskabaretts, quittierte solch grausame Vorhaltungen einmal mit der Bemerkung, es wäre schließlich nicht der eigene Dreck gewesen, mit dem sie geworfen hätte. Um zeitraubende Verfahren abzukürzen, wird die Richtigkeit negativer Vorurteile eingeräumt. Anschuldigungen großer Heuchelei sind berechtigt! Lebensbewältigung durch Zynismus wird einer asketischen Lebensführung vorgezogen. Dies erlaubt, von Annehmlichkeiten der Konsumgesellschaft zu profitieren, sie aber gleichzeitig zu verdammen. Sollten sich natürliche oder juristische Personen ungerecht beurteilt oder beleidigt fühlen, wird dies bedauert. Beanstandete Passagen werden in begründeten Einzelfällen selbst dann widerrufen, wenn sie in diesem Buch gar nicht enthalten sind.


Wahrheitssucher

Wenn man gründlich sucht, kommen schon so einige Wahrheiten zusammen. Leider widersprechen sie sich gar oft, allem voran im religiösen Bereich!

 

 

Traumdeuter

 
Wer sich ausreichend viele Träume bewusst gemacht hat, weiß um die Macht dieses fremden unbewussten Reiches. Eine Ahnung mag vermitteln, was Großträume zuweilen ins Wachbewusstsein mancher Menschen spülen, deren Alltag angesichts übermächtiger Seelenbilder und innerlich tobender Gewalten dann unbedeutend und klein wird: Ungezähmte Wildwasser, ertränkende Strudel, ergreifende Springfluten, verschlingende Erdspalten, breitflüssige Muren, zerstörungswütige Erdbeben, sengende Feuersbrünste, verzehrende Glutherde, feuerspeiende Vulkane, vernichtende Wirbelstürme, todbringende Anziehungskräfte, zerstörerische Riesenlawinen, irrgartenartige Gletscherbrüche, wuchernde Pflanzen, archaische Urtiere, furchterregende Einaugen, titanische Riesen, ungebändigte Technik, außer Kontrolle geratende Maschinen, tödliche Starkstromleitungen, gigantische Explosionen, entsetzende Kriegsgreuel, endzeitliche Atomkriege, kilometerhohe Plattformen, ziellose Raumschiffe, übermächtige Verfolger, kämpfende Götter, abstürzende Planeten; all das und noch vieles mehr macht sie zum mutwilligen Spielball von Urkräften.

Die Bewusstwerdung der Menschheit, Entstehung von Bewusstsein, setzte die Abspaltung der bewussten von der unbewussten Seelenwelt voraus. Seither teilen wir uns in zwei Welten. Nacht für Nacht kehren wir in eine Welt andersartiger Realität und eigener Logik zurück. Mächtig streckt sie ihre Arme bis ins Bewusstsein des Tages aus, meldet sich in Traum, Halluzination und Wahnvorstellung eindrucksvoll zu Wort. Das Gleichnis von der Vertreibung aus dem Paradies des Unbewussten klagt allegorisch an, dass sich diese Welten nicht Gegensatz, sondern Feind wurden und nach Versöhnung schreien!

Trauminhalte und Wahnerleben sind Blutsverwandte! Manchmal sind Träume so intensiv, dass wir uns erwachend noch in dieser fremden Welt glauben und Tagesrealität erst nach einiger Zeit wieder vertraut wird. In Träumen erleiden wir ziemlich realistische Qualen, müssen kämpfen oder uns verteidigen. Wir verrichten unsere Notdurft an unmöglichen Orten, sagen obszöne Worte, die wir am Tage nicht in den Mund nehmen würden, kurz, wir erleben und tun viele ganz absonderliche Dinge.

Wahnkranke gibt die Welt der Träume auch nach dem Erwachen nicht mehr frei! Sie handeln fremd und unverständlich, einer anderen Ordnung gehorchend, die nicht weniger existent ist als die uns vertraute Realität. Ihnen ergeht es wie Fieberkranken oder Sterbenden, die die Kraft einer fremden Wirklichkeit spüren, oder wie Menschen, die im ewigen Eis oder in großer Höhe unterwegs sind und in Grenzsituationen seltsames Erleben halluzinieren.

In Träumen geht es chaotisch, ja ver-rückt zu! Kein Wunder, dass sie wenig Achtung erfahren, vom kurzen Ausflug der Freudschen Psychoanalyse einmal abgesehen. Wenige Jahrzehnte nach Freud ist ihre Bedeutung häufig wieder auf die Aufarbeitung von Tagesereignissen reduziert. Für die Wissenschaft sind sie gerade einmal das Stoffwechselprodukt einer schlechten Verdauung. Vergessen wird, dass Träume auch körpereigene und körperfremde Störungen schlafschützend ins Traumerleben einarbeiten, was sie noch verworrener macht.

Solcher Hochmut beschränkt sich auf den modernen Menschen! Alte Kulturen wussten um die Macht der Seele, die sich in Träumen offenbart. Das Alte Testament mahnt, Träume kämen von Gott! Kaum ein Eingeborenenstamm, dem sie nicht heilig wären. Zwangschristianisierungen wurden notwendig, da Träume die Eingeborenen vor der Destruktivität des Christentums warnten.

Mehr Respekt wäre angezeigt! Nur ein winziger Firnis von Bewusstsein umschließt die mächtige, unbewusste Welt, aus der Träume stammen, vergleichbar dem dünnen Sauerstoffmantel, der die Erde umgibt oder ähnlich einer Haut, die Wasser vor Verdunstung bewahrt.

Die innere Welt, zu der wir über Träume Zugang haben, beherbergt den gesamten Erfahrungsschatz der Menschheit und birgt mehr Wissen als alle Bibliotheken der Erde zusammen - eine Welt die jedem zugänglich ist und niemanden ausschließt. Es bedarf lebensbegleitender Beschäftigung mit Träumen, insbesondere in Zeiten existentieller Krisen. Dass die Sprache dieser Welt kaum mehr jemand versteht, ist nicht ihr anzulasten, sondern jenen, die glauben, sich nicht länger mit ihrer inneren Welt auseinandersetzen zu müssen.

Stattdessen trocknen Bildschirm-Superstars unsere Märchen, Mythen, Sagen aus. Mit achtlos weggeworfenen Träumen gehen letzte seelische Wasserstellen verloren. Der moderne Mensch glaubt allen Ernstes, er könnte im Zeitraffertempo weniger Generationen solche Schätze über Bord werfen und seine Seele mit pseudo-erzieherischen Micky-Maus-Gags laben, die ihm zwischen Werbespots in den Mund geschoben werden.

Man kann sich solcher Seelenenergie noch dümmer nähern als die Religion. Hochwissenschaftlich vermisst die Psychiatrie nicht nur Kopfformen, sondern mittels eines Elektroenzephalogramms (EEG) die darin gespeicherte Energie. Wehe, es zeichnet für krank gehaltene Ausschläge nach oben oder unten, die Börsenkursen zu Boom‑ und Crashzeiten ähneln: Ein neuer Irrer wird dingfest gemacht! Mag die gespeicherte Seelenenergie für ihre atypische Zusammensetzung auch noch so triftige Gründe haben, Energie und Kopf des Ausreißers werden notfalls mit gehirnchirurgischen Maßnahmen und anderen Eingriffen auf Kurs getrimmt.

zitiert aus Sterbehilfe für Planeten, ab S. 652, Billa S. ,
Eigentümer von ca. 100.000 aufgezeichneten Träumen

 

Flaschengeist

Beabsichtigt ist, nach Lösung der Weltformel die Weltherrschaft zu übernehmen...