Vorwort

Wenn über all die Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte nichts, aber auch gar nichts Betroffene vor psychiatrischen Übergriffen bewahren konnte, dann soll sie künftig ein   F l u c h   schützen: “Verflucht sei jeder, bis in alle Zeit, der nochmals durch schwere Neuroleptika, Lobotomie, Gehirnchirurgie oder vergleichbar schwere Körperverletzungen in das Steuerungszentrum psychisch kranker Menschen eingreift und das in immer moderneren Formen und kurioserweise oft auch noch gut gemeint.“



                     Billa S.

                             Gezeiten der Vernunft


Wahnsinn im Wandel der Zeiten
Heilung im Wandel der Zeiten
Fröhliche Psychiatrie
Schizophrenesisch
Wie erkennt man Ver-rückte
Stimmenhören
Kreuzweg der Psychose
Schizophrenie - der Psychiatrie liebstes Kind
Psychiater und Gutachter
Anstaltspsychiatrie
Sozialpsychiatrie
Verhaltensgestörte Kinder
Alter schützt vor Psychiatrie nicht
Sadismus, Mordlust, Nekrophilie
Sexualität
Recht
Die neue Kunst des Strafens
Gekaufte Freunde
Psychiatrie - Ende einer Karriere
(ausführliche Gliederung am Buchende)



              Wahnsinn im Wandel der Zeiten

„Ist ja irre...!“ Wahnsinn ist „in“. Der Jugendjargon verrät die Wiederherstellung seiner Ehre. Jahrhundertelang verharrte er ausgegrenzt in der Psychiatrie. Ein Rückblick: Wahnsinn im Wandel der Zeiten.



Körperliches Irresein

Bin ich schön? Seit 2001 erhalten Fragende die ultimative Antwort! Regensburger Psychologen erzeugten das perfekte Gesicht – eine Kreuzung aus Cleopatra, Cindy und Greta. Die Schönheitsforscher fotografierten begehrenswerte Gesichter mittels der Technik polizeilicher Fahndungsphotos und entwickelten so Schönheit aus dem Computer: ein virtuelles, ganz und gar unrealistisch makelloses Antlitz. Nachdem dieses Gesicht von Model-Agenturen für das schönste gehalten wurde, werden wir uns künftig daran messen lassen müssen, selbst wenn wir hierzu mehr Zeit beim Schönheitschirurgen als am Computer verbringen.


Unmöglich können alle wahnhaft begründbaren Schönheits-Verunstaltungen aufgezählt werden, von Kosmetik bis zur Luxuschirurgie, vom einfachen Ohrgehänge bis zur Tätowierung, vom zarten Piercing bis zur Selbstzerfleischung. Sie reichen weit in die Vergangenheit zurück!

Im alten China litten Frauen offenbar unter zu großen Füßen. Sie wurden gebrochen und von Säuglingstagen an äußerst schmerzhaft bandagiert. Das Schönheitsideal eines Frauenfußes in Kindergröße war vermutlich begründet im Wunsch nach massiver Einschränkung weiblicher Bewegungsfreiheit. Der Mann blieb auf seinen häßlichen großen Füßen sitzen, Pardon! stehen und genoß um so mehr Freiraum. Schwer zu sagen, was wahnsinniger war, das Schönheitsideal oder die Mittel zu dessen Erreichung?

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Die religiöse Gedankenpolizei legte den weiblichen Unterleib in Schuld‑ und Sühneketten. Bis heute haben wir die Folgen zu tragen! Twiggyhafte Wahnmodels zieren Modezeitschriften und lösen fortpflanzungsfreudig gerundete Formen als feminines Leitbild ab. Außerhalb der Dritten Welt, in der Leben an sich schon schlank genug macht, unterwirft sich jede zweite Frau mindestens einmal im Leben einer Schlankheitskur. Flachgehungerte Schönheit mit fragiler Figur, schmalen Hüften, festem Po, genormtem Bauch und straffen Brüsten verspricht Liebes‑ und Berufserfolg. Schlanksein fördert die Gesundheit, jedenfalls die von Schlankheitspillen-Herstellern. Die begehrte Marilyn-Monroe-Figur verkam zur Röhrenform. Gängige Konfektionsgrößen wurden zum Ladenhüter. Massenmode nimmt neu Maß!

Dem weiblichen Sieg über sich selbst folgen jedoch regelmäßige Niederlagen: anfallartiges Erstürmen von Kühlschrankreserven, gefolgt von gründlichen Brechorgien! Manches Model ißt nur das, was es am einfachsten kotzen kann, zum Beispiel Spaghetti. Heißhunger und Erbrechen wurden als „Bulimie“ zur renommierten Krankheit. Seither bemühen sich Psychiater weltweit, Menschen wieder das beizubringen, was das dümmste Tier beherrscht: essen und trinken!

Dem arglosen Zwischenhirn der Zielkonsumentin gaukeln Schlankheitspillen vor, sie hätte keinen Hunger. Schlankmacher machen aber nicht schlank, sondern um so fetter, je häufiger die käufliche Schlankheit bemüht wird. Einige Diätpillen sollen gar zum Wahnsinn führen. Hier werden Ursache und Wirkung verwechselt: Geistesstörungen sind es, die zum Kauf von Schlankheitsmitteln verleiten. Wegen ein paar lächerlicher Todesfälle wird sogar erwogen, die Abspeck-Chemie ganz zu verbieten, obwohl sie auf dem richtigen Weg ist: sterben macht schlank!

Wir fragen bei Oma nach und erfahren ein uraltes Hausrezept: solange so viele Schlankheitspillen kaufen, bis die Geldmittel erschöpft sind und zur Fettleibigkeit führende Nahrungsmittel kaum noch erworben werden können.

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Warum schrumpfen weibliche Formen zu leibfeindlichen Flachbäuchen samt martialisch über sie hinausstehenden Hüftknochen, die eher an Kriegführung gegen den männlichen Erzfeind erinnern als an Hingabe‑ und Fortpflanzungslust? Weiblich-erotische Empfindsamkeit ist nicht mehr gefragt! Geschlechtslose Samenpanscher kümmern sich um die Fortpflanzung.

Weshalb entwickeln Frauen keine gebärfreudigen Becken mehr? Der natürliche Sex-Appeal veraltet, Brutkästen der Krankenhäuser ersetzen die sekundären Geschlechtsmerkmale!

Wieso geben Frauen körpereigene Nahrungsdepots für Schwangerschaften auf? Sie brauchen sie nicht mehr, denn notwendige Fettreserven setzen Baby-Nahrungshersteller in Form dicker Gewinne an!



Sexuelles Irresein

Daß Liebe mit Wahn zu tun hat, ist bekannt. Daß Sexualität rasch ins Irrenhaus führen kann, weiß kaum jemand.




Homosexualität

Homosexualität galt als Geisteskrankheit. Lesben und Schwule waren bis vor wenigen Jahren behandlungsbedürftige Irre, die von der Psychiatrie mit besonderer Hingabe geheilt wurden.



Feuchte Träume

Im Irrenhaus fand sich vor wenigen Generationen schnell wieder, wer feuchte Träume hatte, also Orgasmen im Schlaf bekam. Aufgrund gesellschaftlicher Tabuisierung sexueller Phänomene wußten manche Jugendliche nicht, was sie von nächtlichen Ergüssen zu halten hatten und teilten sich unvorsichtigerweise mit. Wer Pech hatte, wurde als sexuelles Ungeheuer dem Irrenhaus überstellt. Die rätselhafte, pubertäre Entladung verwandelte sich in eine erklärbare, einträgliche Krankheit. Schon kurz nach der Einlieferung wußten Delinquenten, woran behandelnde Psychiater litten: an groteskem Mangel an gesundem Menschenverstand, unaustreibbarer Verdienstsucht und unheilbarer sadistischer Veranlagung.



Onanie

Onanie galt als schwere Krankheit, weibliche Masturbation als besonders schädlich! Nicht verwunderlich, handelte es sich bei Irrenhausärzten doch ausnahmslos um kompetente Männer, die sich gern mit weiblicher Sexualität befaßten. Schließlich vermittelte es mehr Genuß, an weiblichen Geschlechtsorganen irrer masturbierender Frauen behandelnd herumzufummeln, als an wahnsinnigen onanierenden Männern. Sadistische Veranlagungen ließen sich in beiden Fällen problemlos unterbringen.


Der Therapie eilte die Diagnose voraus, um die sich psychiatrische, religiöse und pädagogische Onanistenjäger gemeinsam verdient machten: Der bleiche Selbstbefriedigungs-Verbrecher wurde zur populärsten Hexe des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Noch bis weit ins letzte Jahrhundert wurde die ekelhafte Selbstbefummelung vom Beichtstuhl als Vorstufe zur Hölle eingestuft und vom Arzt als Vorzimmer des Wahnsinns diagnostiziert.

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Wahnsinn neigt stets zur Übertreibung! Onanie ist so gesellschaftsfähig geworden, daß sich vor einem millionenfach versammelten Fernsehpublikum (einschaltquoten-fördernd!) zwischen die Beine greifen darf, wer nur bekannt genug ist.

Selbst für Durchschnittsbürger hat die Vorstufe zur Hölle ihre Schrecken verloren, seit sich Beichtvater-Psychotherapeuten der an unangemessener Triebabfuhr leidenden Onanisten annehmen. Die Psychologie meint, der Onanist gehöre nicht in die Hölle, sondern auf die Couch. Der traditionelle Beichtstuhl ist über diese Entwicklung nicht gerade glücklich. Erst verbiegt man über Jahrtausende natürliche sexuelle Vorgänge, dann verliert man die undankbare Klientel an die Konkurrenz und damit den Spaß bei der Aburteilung begangener Sünden.

Der Onanist hat auch auf der Couch nichts zu lachen. Zum einen heißt es auf Orgasmen durch Selbstbefriedigung zu verzichten, zum andern bis zu 100 Euro je Analytiker-Stunde hinzulegen. (Schon mal alternativ daran gedacht, Dienstleistungen der käuflichen Liebe in Anspruch zu nehmen?)

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Wir wollen uns nicht dem Vorwurf aussetzen, das Leid übertrieben ausgeübter Onanie zu unterschätzen und helfen mit einer Schmalspur-Diagnose: Eine zu starke, unbewußte Mutter‑ oder Vaterbindung vorausgesetzt, wird Onanie innerseelisch inzestuös beglückend erlebt und bis zur Erschöpfung ausgeübt. Die von der Gesellschaft erwartete Kontaktaufnahme zu Geschlechtspartnern unterbleibt. Solch überstarke, unbewußte Bindungen einer nicht loslassen wollenden inneren Seelenwelt haben ihre Ursachen in der jahrtausendealten verfehlten religiösen und kulturellen Umgebung, insbesondere im aberwitzigen Umgang mit der Sexualität. Nur Psychosen könnten die inneren Ketten freisprengen, die eine sexuelle Öffnung nach außen ermöglichten!



Politisches Irresein

Es gibt kaum Bereiche, die ohne psychiatrische Hilfe auskommen, nicht einmal die große Politik! Demokraten wurden bis Ende des 19. Jahrhunderts für wahnsinnig gehalten, immerhin mehr als hundert Jahre nach der Französischen Revolution - und das sogar in Frankreich. Später war der nationalsozialistischen Psychiatrie die Mitgliedschaft in der KPD Beweis genug für Geisteskrankheit. So einfach kann Diagnose sein!

Die Kommunisten revanchierten sich! Psychiatrie wurde in der verblichenen DDR zum angesehenen Berufsstand. Wer die Vorteile kommunistischer Ideologie nicht einsehen konnte oder gar den besiegten Nationalsozialismus für überlegen hielt, war ver-rückt und erhielt die im Sozialismus üblichen Behandlungen auf Staatskosten.



Wissenschaftliches Irresein

An wissenschaftlichen und anderen Abartigkeiten leidenden Personen empfehlen wir, sich rechtzeitig unter das schützende Dach von Forschung und Wissenschaft zu begeben. Gestörte Triebe und destruktives Wahnerleben können ungestraft und, mit etwas Glück, auszeichnungsbeladen ausgelebt werden. Personen, die vergleichbare Straftaten außerhalb wärmender Kollegialität begehen, werden in vergleichbaren Fällen zu verachteten Bestien, ruhelosen Massenmördern, leichenfleddernden Grabräubern... Wissenschaft ist bis zum heutigen Tage von Wahnerleben geprägt. Selten beschränkt sie sich auf sich selbst!




Wahnsinn – vermessen und kartiert

Verbrecher sind leicht zu erkennen: krauser Bartwuchs, stechender Blick, vorstehendes Kinn, ausgeprägte Backenknochen, charakteristische Schädelknochen usw. Neuerdings haben Verbrecher Glück! Die Erfaßbarkeit ihrer kriminellen Persönlichkeit hat sich aus Sicht einer exakten Wissenschaft verflüchtigt, denn bei Anlegung strenger Maßstäbe müßten viele Führungskräfte in Gefängnisse umziehen.

Leider gilt das nur für Verbrecher! Psychiater dürfen ihre Klientel weiterhin vermessen und Irre mit dem Maßband aussortieren, zumindest erlauben das die gesetzlichen Grundlagen. Erstaunliches wurde zutage gefördert: Breite der durchschnittlichen Schwulenstirn, wahnverdächtige Brustwarzendurchmesser, Irrsinn verratende Beckenbreite usw. Der Körper verrät einfach alles!

Nun gibt es ein Gebiet, bei dem sich an Irren und Verbrechern arbeitende Vermessungstechniker die Hand reichen: forensische (gerichtliche) Psychiatrie. Geisteskranke Verbrecher werden psychiatrisch so erfolgreich vermessen, daß sogar branchenintern mit dem Vergleich gespottet wird, das sei wie „Benzin nach Metern“ zu verkaufen.



Irren-DIN

Damit das, was normal ist, normal bleibt und das, was ver-rückt ist, nicht länger durch modischen Wandel verwässert wird, treffen sich seit Jahren international erfolgreiche und einflußreiche Psychiater bei der Weltgesundheitsbehörde.

Die Damen und Herren, die über „normal“ und „ver-rückt“ befinden, sind um die schwierige Ausarbeitung der jeweils gültigen Irren-DIN nicht zu beneiden. Verbindliche Beurteilungskriterien für Wahnsinn werden festgelegt. Dies stellt quer über den Globus sicher, daß für das gleiche vorwerfbare Maß an Irrsinn weltweit die gleiche Menge neuroleptischer Medikamenten-Prügel bezogen wird. Eine Einigung über die lebenslange Drogenhaft durch Anlegung körpereigener Medikamentendepots konnte noch nicht erzielt werden.



Wertfreie Erkenntnisse

Die japanische Truppeneinheit 731 erforschte Milzbrand bereits Ende der Dreißiger Jahre auf besetztem chinesischem Festland in umfangreichen Menschenversuchen. Besonders wirkungsvoll erwies sich in 4.000 Metern Flughöhe ausgebrachter „Bakterienregen“. Leider hielten sich die Niederschläge, wie so oft, nicht an die Vorhersage. Wegen fehlender Zielgenauigkeit waren neben chinesischen auch viele japanische Todesopfer zu beklagen. Trotzdem wurde der Erreger im weiteren Kriegsverlauf über der Mandschurei ausgeschüttet und unter verheerenden (auch eigenen) Verlusten von Flugzeugen versprüht oder in Porzellanbomben abgeworfen.

Chinesischen Gefangenen wurden Cholera- oder Typhuserreger ins Blut gespritzt, um sie anschließend bei lebendigem Leib zu sezieren. Meist ohne Betäubung, wer schätzt schon verfälschte Ergebnisse? Daneben wurde ermittelt, wie lange Arme oder Beine benötigen, um im Eiswasser hart zu frieren, oder wieviel Blut einem Menschen abgezapft werden kann, bevor er stirbt, und vieles, vieles mehr...

Hätte es diese japanische Spezialeinheit nicht gegeben, die im Zweiten Weltkrieg von wissenschaftlicher Neugier geplagt wurde, viele wichtige Erkenntnisse wären uns verborgen geblieben. Menschen kamen zum Glück nicht zu Schaden! Die detaillierte Arbeit kostete nur 250.000 „marutas (Holzklötzen)“ das Leben; zumindest wurden die menschlichen Versuchskaninchen so genannt. Ihre verantwortungsvolle Tätigkeit nannte die Einheit „Klotz hacken“. Am Verbrauch der Holzklötze wurde nicht gespart! Schließlich sind Ergebnisse umso aussagefähiger, je umfangreicher die Versuchsreihe ist. Konsequenterweise wurde bis heute keiner der Mörder verurteilt.

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Sind Dämme erst gebrochen, ist die Flut kaum aufzuhalten. Schnell richtete sich das medizinische Auge der Jahre 1933 plus auf Forschungsbedingungen, von denen man vorher nicht einmal laut geträumt hätte. Ernst Klee beschreibt in „Irrsinn Ost, Irrsinn West, Psychiatrie in Deutschland“ (1993) die 1935 von einem Anatomen beantragte Verlegung eines Sezier-Institutes nach Potsdam: „Die Ortswahl zeigte sich so fruchtbar, weil gleichzeitig alle bildungsunfähigen Schwachsinnigen des Landes versammelt wurden, um ein ausgiebiges Studium derselben in klinischer, pathologisch-anatomischer und erbbiologischer Beziehung zu ermöglichen.“ Eine einzigartige Forschungsstätte entstand. Was noch fehlte, wurde unter höchster Lebensgefahr (für die Handelsobjekte) eingetauscht.


Menschliches Forschungsmaterial landet so oder so rasch in der Leichenkammer; die Anatomie beschäftigt sich berufsbedingt mit Toten!

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Warum etwas verkommen lassen, sagten sich Ärzte im Dritten Reich und verwendeten Blut frisch Hingerichteter für Transfusionen. Mit etwas Geduld kam mit der neuen Leiche die passende Blutgruppe vorbei. Das zeugt von gewissenhaftem Umgang mit knappen Vorräten und lehrt die Weisheit alter Sprichwörter: „Des einen Tod, des andern Brot!“ Höhere Rangabzeichen konnten sich natürlich die passende Blutgruppe im Hinrichtungsfundus der Konzentrationslager selbst besorgen.


Wir bemängeln einen gewissen Widersinn damaligen Handelns. Die deutsche Psychiatrie machte sich um den Schutz reinen deutschen Blutes durch Euthanasie, Zwangssterilisierungen und zigtausendfachen Kindermord verdient, während die medizinische Abteilung nichts Besseres zu tun hatte, als in ordentlichen Germanen gespeicherten Lebenssaft mit unreinem Blut hingerichteter Staatsfeinde zu verpanschen.

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Im Frühjahr 1943 untersuchte eine Wissenschaftlerin am KWI (Kaiser-Wilhelm-Institut) für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, in Berlin acht Zigeuner-Kinder. Es waren vier Zwillingspärchen, deren Augenpaare heterochrom waren, d.h. die Farbe der beiden Augen war unterschiedlich. Die Kinder kamen später nach Auschwitz, wo der Mitarbeiter des KWI vor Ort, Josef Mengele, diese aparte Besonderheit mindestens genauso spannend fand wie seine Berliner Kollegin. Mengele revanchierte sich und schickte auf Bestellung Augen von Leuten, die dazu eigens getötet wurden, an das KWI in Berlin.

Ein Jahr später durften auch die Augen der Kinder in sechzehn Glasbehältern zur gefälligen Weiterverwendung heimreisen. Sie stehen zweifellos noch heute, als wenige Augen unter vielen, der Forschung zur Verfügung. Man könnte die eingesperrten Augen nach Farbe sortieren und im Sinne der Wissenschaft zu passenden Augenpaaren zusammenstellen. Auf weitere wertvolle Erkenntnisse sind wir gespannt. Am KWI Berlin-Buch verließ man sich nicht allein auf die Außenstelle Auschwitz. Der Direktor kümmerte sich persönlich darum, daß „interessante“ Kinder getötet und deren Hirne anschließend im Labor untersucht wurden.

Das KWI fand bei Kriegsende, daß der Name „Max-Planck-Gesellschaft (MPG)“ besser zu ihm paßte und beschäftigte sich nach erfolgreicher fünfzigjähriger Tarnung schon 1998 energisch mit den eigenen Untaten. Noch 1974 hatte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, ein erfahrener Mitarbeiter des KWI im nationalsozialistischen Deutschland, gerichtlich die Behauptung verbieten lassen, Institute des KWI hätten im Rahmen von Euthanasie Hirnforschung betrieben. Wir zählen nach: In Berlin trafen von 1939 bis 1944 insgesamt 7.874 Hirnpräparate ein, das Institut für Psychiatrie in München registrierte in den Jahren 1940 bis 1944 immerhin 1.069 Einweck-Hirne. Es handelte sich wohl um wissenschaftliche Kleinstbestattungen, die leicht übersehen werden konnten!

2001 brach das Tabu: Die Max-Planck-Gesellschaft bekannte sich erstmals zur historischen Verantwortung und räumte die Mitarbeit des Kaiser-Wilhelm-Instituts an der biologisch-rassistischen Politik des NS-Regimes ein. Als Hauptgründe wurden „faszinierende“ Forschungsergebnisse und vermeintliche Pflichterfüllung genannt. Diese Entschuldigung ist unannehmbar, da sich die MPG angesichts der Bioethik-Debatte weiterhin für weitgehende Forschungsfreiheit ausspricht.

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Die Rivalität zwischen Wien und Berlin im deutschsprachigen Raum erledigte sich auch im Dritten Reich nicht von selbst, zumindest in wissenschaftlicher Hinsicht. In der ehemaligen Wiener Großirrenanstalt „Steinhof“ wurden mindestens 790 Buben und Mädchen, meist Juden‑ und Zigeunerkinder, mittels bestialischer, oft dauerhafter Quälereien einfallsreich umgebracht und regelrecht ausgeweidet.


Die Hirne und anderen pathologischen Präparate der kindlichen Opfer wurden emsig gesammelt. Sie dienten fortan der Forschung, die sie dringend benötigte um herauszufinden, daß kriminelle Anlagen, soziale Verwahrlosung und asoziale Prägung schon physisch im Erbgut angelegt sind. Der Beweis gelang! Nach dem Ende des II. Weltkrieges war jedermann klar, daß die damit befaßten Psychiater und Wissenschaftler nicht nur kriminell und verwahrlost, sondern auch asozial geprägt waren.

Trotzdem wurden die sterblichen Überreste dieser unglücklichen Kinder nicht beigesetzt, sondern kamen erst ein halbes Jahrhundert später unter die Erde. Gegen bürokratische und sogar „wissenschaftliche“ Widerstände wurden im April 2002 schließlich zwei symbolische Urnen in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Die anderen zogen eine unauffällige Bestattung in aller Stille vor. Ein unersetzlicher Verlust für die Forschung!

Bisher wohnten die „eingemachten“ Kinder in grausigen Gläser-Batterien der Wiener Pathologie und dienten über Jahrzehnte als Studienmaterial. Die Haupttäter konnten mit dessen Hilfe die eigene geistige Erkrankung weiterhin an unbeteiligten Personen dingfest machen. Einer der Mörder wirkte in der Nachkriegszeit als Gutachter bei sage und schreibe 12.000 Urteilen mit! Zumindest die Anstalt Steinhof schämte sich und ließ sich zu „Otto-Wagner-Spital“ umtaufen. Die toten Kinder lasten bis heute als schaurige Hypothek auf Österreichs Justiz und Gesellschaft. Daß erst heute begonnen wird, sie zurückzuzahlen, ist der rührenden Protektion der ehrenwerten politischen Wiener Gesellschaft zu verdanken.

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Rassenforschung galt einst weltweit als Wissenschaft, die angesehene Persönlichkeiten versammelte. Wenige Opfer solcher Forschung überlebten Auschwitz oder andere Vernichtungsstätten. Dabei finden wir den Ansatz nicht grundsätzlich verkehrt. Zu erforschende Behinderungen und Minderwertigkeiten waren reichlich vorhanden, falsch waren nur die Forschungsobjekte! Man versäumte, die beschäftigten Wissenschaftler gründlich auf ethische Verkrüppelungen hin zu sezieren!


Leider wird bis heute nicht an der bewährten Praxis gerüttelt, ausschließlich Forschungsobjekten, ob Mensch oder Tier, ein Haar zu krümmen. Das wird so bleiben! Wichtige Unterlagen sind bis anno 2025 für die Öffentlichkeit gesperrt. Die Mörder sind noch unter uns! Zwar wurde die Frage gestellt: „Papa, was hast du im Krieg gemacht?“ Die Frage: „Großvater, wie viele Behinderte hast du ermordet?“, sollte noch gestellt werden!

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Schwachsinnige umzubringen ist das eine, sie zu beforschen das andere. 1939 verlangte die Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater die Leichenöffnung aller in öffentlichen Heil‑ und Pflegeanstalten so zahlreich versterbenden Insassen. Eine wunderbare gesetzliche „Kannbestimmung“ führte zum Ziel: Wenn dies zur Förderung der Volksgesundheit oder zur vollen Klärung der Todesursache im ganz besonderen Angehörigen-Interesse lag, war Anstaltsärzten die Leichenöffnung gestattet. Ein Schlüssel paßte immer, die nekrophilen Gelüste mußten nicht länger darben!

Welcher Widersinn! Wertlose Gehirne schwachsinniger Lebender werden, erst tot, so wertvoll, daß sie Zeitalter und Ideologien überdauern. In ihre Bestandteile zerlegte Behinderte werden gut sortiert und konserviert als Blutproben, Augen, Gehirne und anderes mehr in Einweckgläsern aufbewahrt. Mit aller Zuwendung bestrahlt, der Forscher fähig sind, werden sie von Wissenschaftsgeneration zu Wissenschaftsgeneration weitergereicht. Ihr geheimnisvoller Zauber überdauerte sogar das nationalsozialistische Größenwahn-Theater!

Werden Schwachsinnige oder solche, die dafür gehalten werden, umgebracht, fehlt denn dann nicht plötzlich jemand in der großen Menschheitsfamilie, der für ihr ausgewogenes Verhältnis unverzichtbar ist? Hochbegabten Wissenschaftlern und solchen, die dafür gehalten werden, könnte hingegen leicht entsagt werden, ohne daß ein gedeihliches Weltgeschehen ungünstig beeinflußt würde.

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Nach 1945 war an pietätvolle Bestattungen der Forschungsreste nicht zu denken. Der totale Krieg gegen den Rest der Welt endete 1945, der schrankenlose Kampf gegen Schwache und Behinderte endet nie! Die wissenschaftliche Fackel wurde an die siegreiche amerikanische und russische Wissenschaft weitergereicht. Wenige Jahre später konnten auch im Nachkriegs-Deutschland akademische Würdenträger wieder vom „wunderbaren Material“ der gesammelten Gehirne schwärmen.

Wir schauen kurz auf die Etiketten der Einweckgläser: eine gesunde Mischung ermordeter Schwachsinniger, Mißgebildeter und früh an Kinderkrankheiten verstorbener Menschen. Das Leichenwasser läuft uns im Munde zusammen, unser nekrophiles Herz schlägt höher. Endlich sind wir ver-rückt und tauglich für höhere akademische Weihen!

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Würde mancher Wissenschaftler zu Lebzeiten seziert, allerlei traurige Ergebnisse könnten vermieden werden! Der Pathologe Thomas Harvey hatte 1955 am Princeton Hospital den toten Einstein zu obduzieren und fand dies so spannend, daß er dessen Gehirn klaute. Weder er noch ein junger Pathologe, bei dem es jetzt wohnt, lüfteten bislang die Geheimnisse dieser weisen Gehirnwindungen.

Harvey ist nicht der einzige Wissenschaftler, der seine Arbeit so ernst nimmt, daß er für sie Straftaten begeht. Ein Tübinger Rechtsmediziner vergaß vorsätzlich das zum Leichnam des RAF-Mitgliedes Ulrike Meinhof gehörige Gehirn wieder einzubauen, um Zusammenhänge zwischen Hirnveränderungen und realitätsverlustigen Terrorhandlungen dingfest zu machen. Ulrikes Töchter, die erst 1992 hiervon erfuhren, glaubten stattdessen an einen Fall von „Störung der Totenruhe“ und erstatteten Strafanzeige. Zu Recht! Schließlich mußte das Gehirn von Ulrike bei diesen vergleichenden Studien neben dem ebenfalls konservierten Gehirn des wahnsinnigen Dorfschullehrers Ernst August Wagner ausharren, der 1913 zwölf Menschen umgebracht hatte.



Wer weint, geht auf der Himmelsstraße

„CANDLES“ klingt romantisch, nicht wahr? Leider hat es wenig mit dem englischen Wort für Kerzen zu tun, schon gar nicht mit Licht. Es bedeutet „Children of Auschwitz Nazi Deadly Lab Experiments Survivors (Überlebende der tödlichen Nazi-Experimente an Kindern in Auschwitz)“.

Bringen wir ein wenig Licht in dieses dunkle Kapitel pervertierter Medizin und Wissenschaft. Die rasenden Hirnforscher unserer Tage auf dem Weg zum Ruhm besitzen angesehene Vorgänger: Dr. Mengele, immer noch nicht zum Professor befördert, grämte sich und machte sich in Auschwitz an die Arbeit.

Glücklich diejenigen, die sofort in die Gaskammern geführt wurden! Wer das Unglück hatte, ein Kind zu sein oder gar mit Zwillingsbruder oder ‑schwester einzutreffen, auf den wartete ein furchtbarer Tod auf Raten. Dr. Mengele versprach sich viel von vergleichender Forschung beim Experimentieren mit Zwillingen - und er war kreativ! Geschwister wurden zu siamesischen Zwillingen zusammenoperiert, wieder getrennt usw. Manchen Eltern soll es gelungen sein, ihre Kinder zum Schutz vor weiterem Leid zu ersticken.

Man glaube nicht, alle Wissenschaftler wären herzlos, abgestumpft und unverletzbar! Herr Mengele war sehr empfindlich. Er konnte es nicht ertragen, wenn die von ihm zum eigenen Wohle und dem des Vaterlandes beforschten Kinder weinten. Wer dabei ertappt wurde, wanderte in die Gaskammer – und die Kinder wußten das. Neuankömmlinge wurden von alten Hasen gewarnt: „Wer weint, geht auf der Himmelsstraße...“

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Während die deutschen Städte im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs untergingen, machten Sprengkörper große Bögen um Auschwitz und andere Vernichtungslager, samt deren Zufahrten. Dies, obwohl die Alliierten über die Vorgänge im Bilde waren!

Wollte man den Fortgang „wichtiger“ Forschungsarbeiten nicht stören, deren bluttriefende Ergebnisse sich die Kriegsgewinner später wechselseitig abjagten? Die Sieger waren jedenfalls nicht undankbar. Deutschen Wissenschaftlern wurde kein Härchen gekrümmt! Das ist bis heute so geblieben, wenn sich Forscher im Vorhöllen-Fundus der Psychiatriegefängnisse oder in vergleichbaren Fundgruben wissenschaftlich bedienen.



Soziales Irresein

Das deutsche Volk litt bei seinen Nachbarn unter mangelhaftem Ansehen. Die ständigen Witzeleien satt, machte es seine minderwertigen Mitglieder dafür verantwortlich: fahrende Zigeuner, intelligente Asoziale, gewiefte Wohnsitzlose usw. Mit hergebrachten Diagnoseverfahren war bei diesen Personen Wahnsinn nicht nachweisbar.

Das Diagnoseschwert wurde daher neu geschliffen und schärfer: soziales Irresein. Die Psychiatrie führte eine weltweit einmalige Massensterilisierung durch. Kurze Zeit später wurde sozialer Irrsinn derart ansteckend, daß die Träger dieser Erbkrankheit in psychiatrischen Anstalten vorsorglich vernichtet wurden. Heute wissen wir, wer unter sozialem Irrsinn litt.



Moralisches Irresein

Ende des 19. Jahrhunderts unterwarfen sich tapfere junge Frauen nicht mehr den Zwängen des Patriarchats. Hexenverbrennung war aus der Mode! Lediglich „bewaffnete“, mit der Macht zur Ausstellung nachteiliger Diagnosen ausgestattete Hexenjäger gab es noch. Gegen entsprechendes Honorar zogen sie aus der Art geschlagene Frauen mit dem Befund „Moralisches Irresein“ aus dem Verkehr. Den armen Dingern hatten Geschlechtsgenossinnen nicht beigebracht, sich mit versteckter Weiberbosheit sozialverträglich gegen Männer zur Wehr zu setzen.

Anfang der Achtziger Jahre waren in italienischen Strafprozessen erstmals Ehefrauen ermordeter Mafiosi zur Aussage bereit. Italienische Richter hielten diese Frauen wegen ihres mutigen Verhaltens zunächst für geisteskrank und unglaubwürdig. Der Vorwurf moralischer Geisteskrankheit gebührt der Richterschaft!

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Wahnsinn erobert jede Gesellschaftsschicht! In gehobener Gesellschaft streift er lediglich schöne Kleider über. Bis ins letzte Jahrhundert galt es als männlich, sich aus Gründen der Ehre, wegen eines falschen Wortes, ja eines unmäßigen Blickes, zu duellieren. Wir gehen von moralischem Irresein aus, da wegen des häufig tödlichen Ausgangs nicht nur die Ehre auf der Strecke blieb. Wo viel Wahnsinn ist, ist auch viel Klarsicht! Frauen räumte das Duell die Möglichkeit ein, durch geschicktes Intrigenspiel schwachsinnige Ehrenträger zu veranlassen, sich gegenseitig aus dem Feld zu räumen.

Natürlich waren solche Phänomene nicht auf Europa beschränkt! Japanische Adelige, vor allem ruhmreiche Samurai, waren bei verletzter Ehre gezwungen, sich auf besonders grausame rituelle Art und Weise durch Harakiri, Aufschneiden des Unterleibs, zu töten.

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Weiß ist auch die Farbe des Todes. Sklavenhändler, die über den Ozean kamen, hatten eine weiße Hautfarbe. Nachdem mit ihnen reisende Sklaven nie aus dem Totenreich zurückkamen, schien Afrikanern die Verbindung „weiß“ und „Tod“ plausibel. 17 Millionen Sklaven setzten sich in den arabischen und nordafrikanischen Raum ab, 15 Millionen buchten Kreuzfahrten nach Amerika. Besonders luxuriös ging es unter Deck nicht zu: 0,4 Quadratmeter Platz pro Person. Da hieß es wertvollen Stauraum genau ausmessen! Zeitgenössische Skizzen beweisen, daß auf einem 20 Meter langen Schiff 300 Sklaven befördert wurden. Gute Auslastung war wichtig, schließlich starb auf manchen Schiffen jeder zweite bei der Überfahrt. Manche Portugiesen nannten die Schiffe Tumbeiros, sinngemäß „schwimmende Gräber“. Wer nicht essen wollte, dem machte die Peitsche Appetit. Manchmal wurden Sklaven nicht geraubt, sondern einfach von Stammeshäuptlingen gegen früheuropäischen Zivilisationsschund eingetauscht.

Bis Anfang des letzten Jahrhunderts galt Afrika wegen seiner auswanderungsfreudigen Menschen als unterbevölkert. Geburtsmedizin und Gentechnik konnten noch nicht helfen! Eine Organisation in Ghana berechnete die dem Kontinent durch Sklavenhandel entstandenen Kosten: 777 Billionen Dollar! Unglücklicherweise hatte Afrika übersehen, die Rechnung rechtzeitig zu stellen. Nun berufen sich die ehemaligen Kolonialherren auf „Verjährung“!

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Die Ressourcen des Dritten Reiches wurden ab 1939 der Kriegsmaschinerie zur Verfügung gestellt. Von psychisch Kranken baute man systematisch ein Feindbild auf, um der Bevölkerung begreiflich zu machen, daß „unwertes“ Leben anderweitig dringend benötigte Mittel verschlang. Irrenhäuser wurden zu Tötungsfabriken, zu sich verselbständigenden Mordmaschinen. Eine Generalprobe für den Holocaust! Verdiente Mitarbeiter übernahmen später die Organisation der Massenvernichtung in Konzentrationslagern.

Schloß Hartheim in Oberösterreich war die einzige Vernichtungsanstalt, die sich unmittelbar neben einer Gemeinde ausbreitete. Die Nachbarn wunderten sich, daß viele Menschen das schöne Barockschloß betraten, aber nicht mehr verließen und dieses trotzdem nicht platzte. Die Eingewiesenen machten sich im schwarzen Rauch davon, der aus einem riesigen Schornstein qualmte. Damit sich ihre Angehörigen die Todesursachen besser erklären konnten, starben die Ermordeten neben Lungenentzündung gerne an Herzschlag oder „Gehirnschwellung“. Während in der Gaskammer im Erdgeschoß viehisch gestorben wurde, hörte man in den Obergeschossen klassische Musik oder veranstaltete wüste Saufgelage - ganz nach Gusto!

„Im Dienst bin i a Sau (im Dienst bin ich ein Schwein)“, lautet sinngemäß eine wichtige österreichisch-bayerische Verwaltungsvorschrift. Dieselben Ärzte, die in Hartheim den Gashahn aufdrehten und von Anstalt zu Anstalt fuhren, um Nachschub zu rekrutieren, waren nach getaner Arbeit vorbildliche Väter, hilfsbereite Mediziner.

Der zeitgenössische Schloßbetrieb bescherte Brot und Arbeit, was der ansässigen Bevölkerung den unerträglichen Verbrennungsgestank zuträglicher machte. Tischler, Schlosser, Installateure wurden beschäftigt. Bäcker lieferten Brot, Bauern Eier, Reinigungen saubere Wäsche. Das Mordschloß wurde zum Wirtschaftsfaktor! Persönliche Bande zwischen Hartheimern und Mördern entstanden.

Zu Ermordende kamen sogar aus dem österreichischen KZ Mauthausen nahe Linz angereist, das immer niedrigere Anforderungen an das Vorliegen einer Geisteskrankheit stellte. Häftlinge, die nicht mehr im Steinbruch arbeiten konnten, wurden mit der Diagnose „Deutschhasser“ oder „Kommunist“ ins „Erholungslager“ oder „Genesungsheim“ Hartheim verschickt, falls die eigenen Verbrennungsöfen überfordert waren. Wir hätten auch eine Diagnose parat: ärztliches Irresein!

Nach dem Krieg wurde Wohnraum benötigt. Von praktischem Denken zeugt, daß selbst die ehemalige Gaskammer von Hartheim belegt wurde!

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Eine lehrreiche Episode moralischen Irreseins wird auch von einer anderen Heil‑ und Pflegeanstalt im Umgang mit Geisteskranken berichtet. Im Rahmen einer kleinen Feierstunde wurde die Ermordung und Verbrennung des zehntausendsten Opfers gewürdigt und die nackte Leiche stimmungsvoll in den Verbrennungsofen geschoben. Mit anschließendem Umzug und Tanz auf dem Klinikgelände feierte man die straflose Aufarbeitung mörderischer Instinkte und nekrophiler Neigungen.

Moralisch irr waren jene Psychiater, die nicht stillos vor sich hinmordeten, sondern sich zur Tötung eine Rote-Kreuz-Uniform überstreiften und ihre Opfer bei der Verabreichung vergifteter Getränke beschworen: „Sie müssen trinken, wenn Sie gesund werden wollen!“

Himmler, Reichsführer SS, dankte 1943 in einer Ansprache seiner Organisation für stilles Heldentum bei der Endlösung der Judenfrage. Sinngemäß: „Bei dieser diskreten Befehlsausführung aufrechte und anständige Deutsche geblieben zu sein, ist das größte Verdienst aller Angehörigen der SS!“ Wir lernen: Weder Aufrichtigkeit noch Anständigkeit schützen vor Wahnsinn!

Napoleon erklärte, er „scheiße auf das Leben einer Million französischer Soldaten“. Deng Xiaoping relativierte Vorwürfe nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, das Tausenden von Menschen das Leben kostete: „Selbst eine Million Chinesen sind wenig Menschen!“ Vor ihnen und nach ihnen, von Dschingis Khan bis Hitler, erkrankten Staatsgründer an moralischem Irrsinn. Freundlicherweise lassen Geschichtsschreiber sie meist gesunden!

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Die Weißen trafen in Neuseeland Mitte des 18. Jahrhunderts auf eine Urbevölkerung, die sich Maori nannte. Die Maori wußten auch einen Namen für die Ankömmlinge: Pakhi - die Ver-rückten. Ein kluges Volk, die Ureinwohner Neuseelands! Nach ungefähr zwei Jahrhunderten weißer Besiedlung leidet Neuseeland, wie der Rest der Welt, an Übersiedlung, Überweidung, Überfischung, kurz am üblichen Raubbau der Zivilisation.



Religiöses Irresein

Da religiöses Irresein in der Gesellschaft breiten Raum einnimmt, wurde es seiner Bedeutung gemäß vom Kapitel 11, Religion und Aberglaube, Unterkapitel „Religion und Wahnerleben“, einverleibt. Es wäre sehr zum Schaden der geistigen Untersuchung, würde auf den geistigen Konsum an der zitierten Stelle verzichtet.



Kulturelles Irresein

Ein Student, der sich von längst verstorbenen Großeltern beobachtet glaubt, ist in Afrika völlig normal. In Europa wird ihm eine herzhafte Psychose bescheinigt. Aber nicht nur afrikanische Studenten fühlen sich heimlich beobachtet, sondern auch europäische Psychiater von verstorbenen Lehrpsychiatern und Ziehvätern. Deshalb wagen sie nicht, tiefe Risse am Krankheitsbild des Wahnsinns wahrzunehmen und an jahrhundertelang transportierter Dummheit zu rütteln.

Ekstatische Bewegungen eines Medizinmannes in einem Stamm von Ureinwohnern sind Ausdruck höchster Verehrung. Hierzulande gerät nur die Psychiatrie in Ekstase: Elektroschock, Neuroleptika, gehirnchirurgische Maßnahmen... Es ist eine Frage der Macht zu bestimmen, was normal, was ver-rückt ist, stetigem Wandel der Zeiten und Kulturen unterworfen. Selbst Bluttaten, wie Menschenopfer, Duelle, Blutrache usw., können auf diese Weise verdammt, aber auch gerechtfertigt werden!

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Mit Wehmut erinnern wir an eine Zeit, in der Psychiatrie die Nähe zur Philosophie suchte, kulturelle Besonderheiten berücksichtigte und Geisteskrankheiten in Verbindung zu den Kulturkreisen brachte, in denen sie auftraten. Eskimos ist es gestattet, nach extrem aggressiven Anfällen in ein mehrstündiges Koma zu fallen. Vier von fünf Kenianern, die an Schizophrenie erkranken, sind nach wenigen Jahren geheilt, ohne je „Medikamente“ zu sich genommen zu haben. Die Großfamilie betreut sie, statt sie auszustoßen. In einer etwas weiter geschnürten Kultur-Zwangsjacke können sich psychisch Kranke im Alltag nützlich machen und ihre Seelen heilen.

Traditionelle Geistheiler erzielen Heilungsraten, die wie Zauberei anmuten. Schamanen befreien Besessene bei geradezu festlich veranstalteten Ritualen von bösen Geistern. Leider duldet das Abendland keine Gespenster! Daher ist der ganze Spuk von den armen Kranken medikamentös wegzuschlucken.



Kollektives Irresein

Vor wenigen Jahrhunderten, am Höhepunkt alchemistischer Zauberei und des Hexenaberglaubens, war Europa ein riesiges Haus der Träume und Halluzination wunderlicher, irrealer Welten. Im Hungerdelirium blühten Hexerei und Aberglaube!

Massenpsychotische Phänomene sind beeindruckend: Eine dörfliche Gemeinschaft halluziniert Marienerscheinungen auf einem Kirchturm, religiöse Eiferer erleben die Himmelfahrt eines Heiligen, Weltuntergangsjünger versammeln sich zum kollektiven Ableben auf einer Bergspitze. Niemand wollte die betroffene Bevölkerung auf Dauer ins Irrenhaus sperren, obwohl das unter Anlegung herkömmlicher psychiatrischer Maßstäbe durchaus angezeigt wäre. Jeder fühlt, daß solche Projektionen eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen und auf ihre Weise Realität besitzen.

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Kollektivem Irresein begegnen wir bei Massenpanik oder Ausbreitung von Seuchenhysterie. Wahn ist ansteckend! Das weiß man zumindest seit der Erdball vor einigen Jahren anfing, in Uhrgröße entworfene, japanische Tamagotchi-Tiere aufzuziehen oder sich ein Großteil der Weltbevölkerung nur noch mit Kinderrollern fortbewegte.

Zehn Prozent der Bevölkerung leiden am sogenannten Panik-Syndrom, an Todesangst, die Menschen angeblich grundlos befällt. Tendenz: stark steigend! Dabei sollte man, die allgemeine Entwicklung betrachtend, Anfälle von Todesangst für normaler halten als ein anfallfreies Leben. Bis sich diese Auffassung durchsetzt, vergiften sich Betroffene weiter freiwillig mit Psychopharmaka und schlucken ihre Ängste weg, um nicht im Räderwerk psychiatrischer Zwangsbehandlungen zermalmt zu werden.

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In den Achtziger Jahren häuften sich Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Katastrophenmedizin. Um Irrtümern vorzubeugen: Gemeint ist nicht die Psychiatrie, obwohl sie eine Katastrophe ist. Vielmehr bemüht sich dieser medizinische Fachbereich um gezielte Panikforschung.

Wann immer unvollkommene Wesen bei lächerlichen Gefahren wie Atomunfällen, Klimakatastrophen, Giftgaswolken und anderem in Panik geraten, muß sie jemand heilen - und wer könnte das besser als die Psychiatrie? Die notwendige Chemie, der Ängste besiegende Katastrophen-Cocktail, wurde schon gemixt - ausreichend für die ganze Bevölkerung!

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Religionsausübung ist häufig kollektiv gelebter Wahnsinn: Witwen- Einäscherung im Hinduismus, Sabbatgebote der Juden, Hexenverbrennung im Christentum, Kinderverstümmelung hinduistischer Bettlerkasten, gottgefällige Menschen- und Tieropfer usw. Kollektive Wahnsysteme schützen vor persönlichem Wahnerleben! Priesterlicher Freispruch entlastet religiös anerzogene Schuldgefühle. Abnehmende Religionsausübung begünstigt daher individuellen Wahnsinn!

Kollektiv-Wahn wird religiös und pseudoreligiös gefördert: Helden‑ und Totenkult der nationalsozialistischen Waffen‑SS, japanischer Kamikaze-Kult, islamische Selbstmordkommandos... Bei der indischen Witwenverbrennung ist unklar, ob Psychose oder Habgier überwiegt. Wir empfehlen sie sparsam wirtschaftenden Kollektiven mit knappen Rentenkassen. Die Verbrannte geht nicht leer aus! Als religiös und zeremoniell geehrte Sati erhält sie statt lebenslanger Rente einen heiligen Gedenk‑ oder Sati-Stein.

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Zieht sich Wahnsinn erst das Kleid gleichmacherischer Normalität an, hat niemand mehr etwas zu lachen! Das lehrten sowohl die nationalsozialistische Bewegung gleichgeschalteten Denkens und Handelns als auch andere totalitäre Systeme.

Kollektives Irresein begegnet uns schließlich im sich selbst überholenden, technokratischen Wahn und im ungezügelten Konsumrausch unserer Tage. Die diesen zugrunde liegenden wirtschaftlichen Heilversprechen werden einer Religion immer ähnlicher! Eine neue Dimension von Geisteskrankheit entsteht: Das Kollektiv selbst verwandelt sich in ein Irrenhaus!



              Heilung im Wandel der Zeiten

Die nachfolgend dargestellten Heilmethoden werden u.a. aus dem Buch von Peter Lehmann, „Der chemische Knebel“ (1990), auszugsweise zitiert.



Mechanik

Schlagen eines Lochs in den Schädel
Diese im Mittelalter gebräuchliche Methode diente dazu, dem bösen Geist im Kranken Gelegenheit zu geben, „zu entweichen“.

Zungenabschneiden
Damit der böse Geist nicht mehr aus Kranken sprechen konnte, wurden die Zungen entfernt.

Einsperren, Festzurren, Fixieren
Zwangsverhalten gilt als Symptom von Geisteskrankheit. Zwang in psychiatrischen Therapieformen ist sehr verbreitet: Zwangsjacke, Zwangsmuff, Zwangshemd, Zwangsstuhl, Zwangsbett, Zwangssarg, Zwangsstehen, Zwangsaufhängen, Zwangsduschen, Zwangsbad, Zwangsgurt, Zwangseinwicklung in Leintücher, Zwangskörbe mit Einschnürung, Aufziehen an Stricken, Anketten, Festketten in Brunnen, Heulen und Jammern unterdrückende Lederzwangsmasken, Kopfriemen oder Mundbirnen, Einsperren in Gitterbetten, Zwangsisolierung im Leinensack, wochenlange Totalisolation usw. Psychiatrie verdient unsere volle Anerkennung als Vorkämpfer sadomasochistischer Sexualpraktiken.


Die in „Behandlungen“ aufgearbeitete psychiatrische Zwanghaftigkeit setzt sich heute in medikamentösen Formen des Einzwängens und Einkerkerns fort. Auffälliges Heulen und Jammern kann auf diese Weise weit besser unterdrückt werden als durch Gesichtsledermasken und Mundbirnen.



Dynamik

Rotieren auf einem Brett
Die Rotation wurde so lange fortgeführt, bis Opfern Blut aus Mund, Nase und Ohren lief. Ein ähnliches Ergebnis wurde mit dem Schleuderstuhl erzielt.


Kreiselbewegungen im Käfig
Ein Käfig wurde im Kreis bewegt. Je unruhiger das darin eingesperrte Opfer wurde, desto schneller drehte sich der Käfig. In anderen Vorrichtungen hatten Kranke wie Käfigmäuse in hohlen Rädern zu laufen.


Hinterhältig verursachte Stürze
Der Geisteskranke wurde, teils an Armen und Beinen gefesselt, in einer für ihn völlig unvorhersehbaren Weise ins Wasser gestürzt. Andere Ärzte heilten ihre Kranken, indem sie diese in eigens hierfür erfundenen „Spezialhäusern“ für einige Zeit versenkten.


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Der Heilungskreativität waren keine Grenzen gesetzt: Drehstühle, Drehkäfige, Drehmaschinen, Schleuderbetten, Schleuderstühle. Selbst moderne, medikamentöse Behandlungsformen verzichten nicht auf Dynamik. In Fachzeitschriften wurde noch vor kurzer Zeit für Produkte geworben, die „den Teufel herauszuschleudern“ in der Lage waren. Mittelalterliche Teufelsaustreibungen präsentieren sich vor diesem Hintergrund vergleichsweise verständlich und konsequent.



Optik und Akustik

Opfer wurden in dunklen Zimmern, teils mit schwarzem Wandanstrich, unangenehmen Lichtquellen ausgesetzt.


Plötzliche Schießpulver-Explosionen oder chaotischer Lärm von Trommeln, Glocken, Menschenstimmen oder Tiergeheul erschreckten Wahnkranke.



Kälte und Hitze

Eisbäder bis zum Zufügen von Erfrierungen, Aufsetzen von Eismützen. Stunden- und tagelang tropfte kaltes Wasser auf Irrenköpfe.

Einsperren und Festschnallen in Hitzeboxen unter geringer Frischluftzufuhr, Steigerung des Durstes durch Salzeinspritzungen in den Körper, Verbrennen des Nackens oder der Kopfwirbel mit glühenden Eisen, Bäder in (fast) kochend heißem Wasser, Hitzekuren. Ob die dadurch aufgestaute Wut der Opfer ausgekocht werden konnte, wurde nicht überliefert.



Präpsychologie

Hineinlegen in Wanzen oder Ameisen, Ankündigung baldigen Verbrennens auf Scheiterhaufen, Glaubenmachen der Betroffenen, sie würden auf Richtplätze geführt, scheinbares Aufknüpfen am irrenhauseigenen Galgen, Beschämen durch Ausstellung am Pranger, Arbeitstherapie in Form immerwährenden Grabens und Zuschüttens von Löchern, Spannen vor Irrenwagen, Haarausreißen, Eintauchen der Körper in Wasser und Öl, Untertauchen bis zum Eintritt der Ohnmacht, Blutegelkränze um den Kopf, Einlegen in Gips, Hunger- und Durstkuren, Zwangsfütterungen bis zum Erbrechen, Scheinkastrationen, Scheinoperationen, Fliegenpulver als Reizmittel für offene Wunden und halt alles, was zur Heilung schwerer seelischer Erkrankungen notwendig ist.

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„Konfrontations‑ und Demütigungstechniken“ bezeichnen trotz moderner Namengebung Behandlungsformen, die ihre Herkunft kaum verbergen können und unmittelbar an die vorstehenden Schilderungen anknüpfen. Sie eignen sich gut zur Heilung unter Sadismus leidender Therapeuten. Wir zitieren aus dem Buch von J. M. Masson, „Die Abschaffung der Psychotherapie“ (1991):

Ein Patient glaubte, er wäre mit elektrischem Strom gefoltert worden. Unverzüglich wurde er mittels sofort angewandter Konfrontationstechnik einer solchen „Behandlung“ ausgesetzt. Eine Patientin wurde gezwungen, Erbrochenes aufzuessen, manche Psychiatrieinsassen wurden kahlgeschoren, andere mußten den Inhalt von Aschenbechern konsumieren, ein Minderjähriger hatte in ein Kondom zu masturbieren. In einer Gruppensitzung wurde eine damit nicht einverstandene Patientin gezwungen, ihre Genitalien vorzuzeigen, eine andere damit therapiert, daß auf ihre nackten Brüste eingeschlagen wurde, wieder andere wurden mit einem Stachelstock gepeinigt, mit vulgärsten Ausdrücken konfrontiert, an den Haaren gezerrt, (aus Patientensicht) glaubhaft mit dem Tode bedroht; eine Patientin hatte am After des Therapeuten zu lecken und dabei möglichst viel Faeces zu essen, wieder andere wurden zum Oral‑ oder Genitalverkehr mit anderen Patienten gezwungen; ein einfühlsamer Therapeut benutzte die Brust einer Patientin als Trampolin, um die autistische junge Frau „zum Sprechen zu bringen“ und und und...

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Die aus präpsychologischen Anfängen hervorgegangene Psychotherapie kennt gleichfalls interessante Behandlungsvarianten. Psychiater nähern sich Wahnkranken in der Gestalt, von der sie glauben, daß sich diese davor am meisten fürchten. Gespielt oder gemimt wird beispielsweise ein Teufel, wenn Patienten vor dessen Erscheinen besonders graut!

Dadurch soll das Übertragungspotential Wahnkranker getestet werden. Mit anderen Worten: Es soll festgestellt werden, ob der Patient „wirklich ver-rückt“ ist. Die wissenschaftlich ausgerichtete Psychiatrie, mit ihrem in religiöser Unfehlbarkeit behaupteten Dogma der Gehirnkrankheit, glaubt hier plötzlich doch an unbewußte Inhalte, an das Vorhandensein einer Seele, der die halluzinierten und übertragenen Wahngestalten entstammen könnten.

Nun frage man sich einmal ernsthaft, wie ein verwirrter Wahnkranker jemals die Chance zur Wiederorientierung haben soll, wenn neben all den Wahngeistern, die ihn plagen, auch noch das psychiatrische Kasperltheater ver-rückt spielt.

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Es soll Psychotherapeuten geben, die männlichen Patienten allen Ernstes empfehlen, nicht gelebte Aggressionen gegenüber Frauen durch Vergewaltigung zu trainieren. Der Therapeut vertraut vielleicht darauf, daß es nicht zur Tat kommt. Werden auf diese Weise Grenzen zwischen Schein und Realität (Teufel spielen), zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem (Frau vergewaltigen), bei Menschen in schwierigsten Lebenssituationen verwischt, sollte so manches von der Psychiatrie produzierte Ergebnis nicht verwundern!



Chemie und Biologie

Unsere Groß‑ und Urgroßeltern konnten nicht vom hohen Stand der heutigen Pharmaindustrie profitieren. Sie wurden mit Abführ-Flüssigkeiten, Brechmitteln, Tollkirschen, Eisenfeilspänen, Ekzeme-Erregern, Mottenpulver oder Kampfmixturen aus der Feuerwerkerei geheilt. Moderner, aber nicht weniger grausam war die Behandlung mit Insulin, das bei Schizophrenie künstlich erzeugte Schockzustände hervorruft.

In den letzten Jahrzehnten löste die neuroleptische Hinrichtung die gehirnchirurgische Exekution ab. Die Psychiatrie ist mit ihrem äußeren Erscheinungsbild mehr als zufrieden, denn ihre Mitarbeiter sehen nicht mehr aus wie Schlächter. Psychiater fühlen sich endlich als das, was sie immer schon sein wollten, als richtige Ärzte, als Gehirn-Internisten (siehe Unterkapitel „Die neue Kunst des Strafens“). Die Ausbildung ist denkbar einfach! Dicke Medikamentenbücher sind durchzublättern, auf deren Seiten gewissermaßen stets Gleiches steht. Nach sorgfältiger Diagnose wird immer dasselbe, nur unterschiedlich bezeichnet, verschrieben: schwere Psychopharmaka, Neuroleptika.

Die Zielgruppe ist erfreulich breit; sie umfaßt selbst Säuglinge, die sich unnormal verhalten, übermäßig weinen, toben, Grimassen schneiden oder manisch-depressiv sind. So wie die Katholische Kirche das Böse nach der Geburt durch die Taufe als „Kleinen Exorzismus“ bekämpft, hofft die Psychiatrie, frühzeitig großen Irrsinn aus kleinen Kindern auszutreiben.



Radiologie

Psychiater wollten keinesfalls die Segnungen der Radioaktivität versäumen; schließlich läßt sich Wahnsinn mit allem heilen! Speziell Schizophrenie wurde mit Radium-Spritzen behandelt. Der Erfolg gab der Psychiatrie recht: Was die Umwelt nachhaltig zerstört, ruiniert auch Menschen!



Blutaustausch

Peter Lehmann stellte in seinem Buch „Der chemische Knebel“ fest, daß Blutaustausch zur Heilung von Wahnsinn immer wieder modern wurde – ähnlich wie in der Mode Großmutters knöchellanger Rock. Erste Therapie-Berichte erreichen uns aus dem Jahre 1662: Über Tage hinweg wurde wahnsinnigen Irren verseuchtes Blut entzogen, um sie mit gesundem Lamm‑ oder Kälberblut abzufüllen. Die Tiere haben nicht überlebt, von den Irren wissen wir es nicht.


Von 1938 an wurden Wahnkranken bis zu fünf Liter arisches, psychisch gesundes Menschenblut zugeführt. Dies überrascht nicht, handelte es sich doch um die konsequente Fortführung nationalsozialistischer Blut‑ und Bodenpolitik in der Psychiatrie. Verblüffend ist jedoch der verschwenderische Umgang mit dem kostbaren Lebenssaft!

In der Nachkriegszeit vermochten Versuche bloßer Blutwäsche durch künstliche Nieren, an die Schizophrene angeschlossen wurden, Schizophrenie nicht zu besiegen.

Wie gut, wenn bewährte Behandlungsmoden, die in die Jahre kommen, rechtzeitig dem Vergessen entrissen werden und als allerneuester Schrei dankbaren Irren erhalten bleiben!



Chirurgie

Gehirnchirurgie zur Heilung von Wahnsinn hat natürlich eine Vorgeschichte. Vor gut zwei Jahrhunderten setzte man Holzbohrer hinter den Ohren an, um nachzusehen, ob da nicht doch jemand unbefugt sitzt und Stimmen abgibt, die Wahnkranke vernehmen.

Diese Vorgehensweise findet die moderne Psychiatrie prinzipiell richtig, geändert hat sich nur das chirurgische Besteck. Heute werden Kieferhöhlen angebohrt, Schilddrüsen verkleinert usw. Ein Schlaumeier portugiesischer Abstammung erfand schließlich die Leukotomie und gewann den Nobelpreis für die messerchirurgische Durchtrennung von Nerven-Faserverbindungen im Stirnhirn zur Heilung von Schizophrenie.

Der positiven Beurteilung durch die schwedische Akademie konnten sich nicht alle Behandlungsopfer anschließen. Um verschont zu werden, redeten manche Patienten vor dem Eingriff den Psychiatern verzweifelt nach dem Munde. Geholfen hat es freilich nichts, geschlachtet wurden sie trotzdem!

Manchmal kommt Gott im Irrenhaus vorbei. Im Jahre 1949 wurde der Erfinder der Leukotomie von einem geheilten Patienten durch Schußwaffengebrauch lebensgefährlich verletzt. Er überlebte, arbeitete weiter und führte im Alter von 81 Jahren seinen allerletzten heilchirurgischen Eingriff durch. Dieser „letzte Fall“ prügelte ihn regelrecht zu Tode.

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Gehirnchirurgische Maßnahmen zur Heilung von Schizophrenie wurden sowohl in der Bundesrepublik als auch in der ehemaligen DDR durchgeführt. Interessante Gedankengänge gingen bei der Psychiatrie Ost einer Patientenschlachtung voraus: Wer als Querulant auffällt, ist psychisch krank, wer psychisch krank ist, leidet unter einer organischen Gehirnerkrankung, wer organisch gehirnkrank ist, bedarf der Gehirnoperation und wer nach dem Eingriff noch immer psychisch krank ist (Regelfall), bedarf der erneuten Gehirnoperation. Heute wird Leukotomie chemisch durchgeführt und fällt außer durch die unvermeidbare Nebenwirkung eines frühen Todes kaum noch auf.

Dank höherer Behandlungstransparenz und wachsamerem Auge der Öffentlichkeit lag für die Psychiatrie West die Heilungs-Hemmschwelle bei Querulanten etwas höher. Erfolgreicher war der Staatskapitalismus ferner beim Ausschlachten geheilter Toter zur Beschaffung von Organspenden!



Elektroschock

Natürlich gehen auch an der Psychiatrie technische Neuerungen nicht spurlos vorüber. Die Erfindung des elektrischen Stuhls inspirierte zur Heilung durch Elektroschock, dem elektrischen Stuhl für das Gehirn.


Die Geburtsstunde des Elektroschockverfahrens schlug im Schlachthaus. Cerletti, ein Schüler des berühmten Psychiaters Kraeplin, beobachtete, daß Schweine nach Betäubung durch Stromschläge ruhiger wurden und leichter geschlachtet werden konnten. Der Vergleich zwischen schlachtreifen Tieren und Patienten drängte sich ihm dergestalt auf, daß solche Behandlungen eine ziemliche Schweinerei sind.

Trotz ihrer niederen Herkunft hat die Elektrokrampfbehandlung im vergangenen Jahrhundert einen einzigartigen Siegeszug angetreten. Erst vor wenigen Jahrzehnten gelang die Erfindung einer noch grausameren Behandlungsform, die den Elektroschock, den Marterpfahl des 20. Jahrhunderts, ablöste: schwere Neuroleptika!

Beim Elektroschockverfahren handelt es sich um eine Art psychiatrisch-elektrischem Knüppel aus dem Sack, den arrogante Gangliendompteure gegen aufsässige Gehirnzellen einsetzen. Dieser extrem schmerzhaften Behandlungsmethode wurden - welch Zufall – etwa zu achtzig Prozent Frauen ausgesetzt, während - welch Fügung – fast ausschließlich Männer Psychiater waren. Nachdem jetzt auch Frauen Zugang zum psychiatrischen Heilberuf haben, wird sich das Verhältnis zwischen gequälten Frauen und ruinierten Männern allmählich einpendeln, ohne daß der Gesetzgeber zur Einführung einer Quotenregelung für die geschlechtsspezifische Schreckensverteilung gezwungen wäre.

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Elektroschocks vernichten unzählige Gehirnzellen! Aus diesem Grund ist das Verfahren letztlich ein Kompliment für Geisteskranke. Die Psychiatrie ist der Auffassung, dieser Personenkreis hat nicht zu wenig, sondern zu viel Verstand. Wer Pech hat, stirbt erst nach dem dreihundertfünfundfünfzigsten weltrekord-verdächtigen Elektroschock, wie ihn etwa der Psychiater Hartwig Heyck heilend dem Gehirn eines Schizophrenen zufügte. Der Geheilte machte sich bei der letzten Behandlung untadelig aus dem Staub. Selbstverständlich starb er keineswegs per Elektroschock, sondern eines natürlichen Todes: Herzversagen!

Medikamente wirken nur, wenn sie nach ärztlicher Anordnung gewissenhaft über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Bereits entlassene Psychiatrie-Patienten hatten sich daher weitere Erhaltungsschocks abzuholen, wollten sie dauerhaftem Einschluß im Psychiatriegefängnis entgehen.

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Psychiater stehen stets an der Front! In Friedenszeiten wehren sie an der Gefechtslinie der Volksgesundheit erbliche, innere Feinde des Volkskörpers durch Elektroschocks ab. In Kriegszeiten ist das Elektroschock-Verfahren besonders wertvoll, sieht man von Heilungen einmal ab: Disziplinierungsinstrument von unschätzbarem Wert, innerhalb und außerhalb psychiatrischer Mauern!

Kriegsunwilligkeit war eine bei Soldaten noch vor wenigen Jahrzehnten bekannte und gefürchtete Geisteskrankheit. Kriegsgegner wurden insbesondere zu Beginn des Ersten Weltkriegs für ver-rückt gehalten. Die Zeitgenossen hielten die Vernunft, das eigene Leben und das anderer zu schützen, nicht aus. Der Psychiater Eugen Bleuler diagnostizierte das Verhalten unzähliger Kriegsdienstverweigerer als Unterform der Schizophrenie.

Ein einziger handwerklich geschickter Psychiater, der den Abschreckungseffekt der Elektrokrampf-Therapie gekonnt auszunutzen wußte, ersetzte zu Kriegszeiten ein ganzes Bataillon militärischer Schleifknechte. Bei Behandlungen suchte er Publikum und griff sich der Einfachheit halber gleich mehrere Kriegsdienstverweigerer im selben Behandlungsraum = Aufenthaltsraum = Schlafraum, in dem sich blankes Entsetzen ausbreitete. Die verabreichten Elektroschocks führten zu hundertprozentigen Heilungen!

Das soll nicht heißen, dass Psychiater alle Patienten heilen konnten. Zartbesaitete Offiziere, die auf Kriegsgreuel der Weltkriege mit Zittern und Lähmungen reagierten, wurden nicht unter Elektrodeneinsatz zurück ins feindliche Trommelfeuer geschickt, sondern als Neurastheniker mit der Diagnose „nervöse Erschöpfung“ privilegiert.

Eine aufgeschreckte Öffentlichkeit zwingt heute zu diskretem Vorgehen. Schock-Anwärter werden nicht vorzeitig wegen auf sie zukommender „Behandlungen“ beunruhigt. Die Fürsorge geht so weit, daß die Verabreichung in lärmschutzisolierten Zellen, ja unter Narkose erfolgt. Man wartet nur noch auf Hinrichtungen unter örtlicher Betäubung!

Die Psychiatrie tröstete die arglose Öffentlichkeit damit, der Elektroschock sei Ultima ratio (letztes Mittel). In Wahrheit war das Elektrokrampfverfahren über Jahrzehnte der hohe einleitende Standard psychiatrischer Behandlungskultur, das Rizinusöl der Psychiatrie!

Die Bezeichnung wurde in der Nachkriegszeit frisch angemalt. Seither nähert sich der Elektroschock dem Patienten anbiedernd als „künstlich verabreichter Schlaganfall“ oder „bewußt ausgelöster epileptischer Anfall“.

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Das Verfahren blieb zeitlebens umstritten! Kaum ein Psychiater wagte den Selbstversuch, um sich sachkundig zu machen. Allerdings entzogen sich nicht wenige einer drohenden Behandlung durch Suizid, wurde ihnen die in dieser Berufsgruppe nicht seltene Diagnose „schizophren“ gestellt.

Die Psychiatrie überzeugt aber mit ihrer Behauptung der Ungefährlichkeit. Nicht ein einziger Fall wurde bekannt, bei dem sich ein Psychiater bei Anwendung des Elektroschock-Heilverfahrens verletzt hätte. Für die Opfer gilt dies nur eingeschränkt: Knochen- und Wirbelbrüche, schwere Verletzungen waren an der Tagesordnung; insbesondere bei Patienten, die sich wehrten, da sie nicht glauben wollten, wie sehr ihnen geholfen wurde.

Solche Patienten wurden mitunter durch Lähmungsgifte, insbesondere dem indianischen Pfeilgift Curare, wunderbar ruhig gestellt, manchmal zu Tode ruhig. Wo gehobelt wird, fallen Späne! Die Psychiatrie zieht ihren Joker und zerschmettert den Vorwurf einer strafbaren Vergiftung mit den „anerkannten Regeln der ärztlichen Heilkunst“.

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Wir lernen gerne dazu und wollen die eifrigsten Förderer der Elektroschock-Behandlung sein, wenn uns „Behandelte“ vorgestellt werden, die die Behandlung als „befreiend“ erlebten, ja geradezu in einen euphorischen Zustand versetzt wurden, wie die Psychiatrie behauptet. Allein das zur Verfügung stehende Bildmaterial über einzelne Opfer ist so gräßlich, daß sich die bloße Behauptung, die Behandlung wirke entladend und befreiend, als blanker Zynismus entlarvt.


Allerdings ist das Gegenteil gut beweisbar! Patienten äußern sich vernichtend über die ihnen zugefügten Quälereien. Insassen einer italienischen Großirrenanstalt in Triest spannten in den Siebziger Jahren riesige Transparente über die Straße mit der Aufforderung an Passanten: „Bitte kommen Sie vorbei und holen Sie sich einen Elektroschock.“

Man kann aber auch nicht sagen, solche Behandlungen wirkten in keiner Weise befreiend. Für bewußt oder unbewußt an Sadismus leidende Psychiater und vergleichbar erkranktes Hilfspersonal ist die Heilung entspannend genug.

Wer glaubt, der Elektroschock hätte nun wenigstens im Jahr 2020 endlich seine Karriere an den Nagel gehängt, irrt! Ist der Patient uneinsichtig genug, ihn zu verweigern, wird ihm gerne ein Betreuer bestellt, der einsichtig genug ist, die Genehmigung zu erteilen. Es wäre aber auch zu schade, bräche diese einträgliche Einnahmequelle weg, die sich so angenehm in der Abteilung „Heilung“ unterbringen lässt. Die Krankenkassen übernehmen seit 2018 die Kosten pro Elektroschock ab 297 Euro aufwärts. Im Dutzend wird es durch ein geschicktes Anreizsystem billiger. Wir versichern, nun wirklich keinen Elektroschock mehr zu benötigen, wir sind auch so ausreichend geschockt.



Zwangssterilisation und Euthanasie

Vorbeugung ist die beste Heilung! Je nach Zeitgeist hatten jeweils für geisteskrank gehaltene Bevölkerungsgruppen ziemlich ungünstige Aussichten auf Nachwuchs. Sie wurden zwangssterilisiert!

In den Dreißiger Jahren wurde die diagnostische Kriegführung gegen die damals gerade für ver-rückt gehaltenen Personen deutlich verbessert. Mit Hilfe nationalsozialistischer Sterilisierungsgesetze wurden zahlreiche Irre zuverlässig erfaßt und unfruchtbar gemacht. Nicht länger sollten erbliche Psychosen, depressive Irre und schizophrene Ver-rückte die Volksgesundheit beleidigen!

Das waren noch Zeiten, in denen man sich weniger damit beschäftigte, individuelle Krankheiten zu heilen, sondern gleich den ganzen Volkskörper gesunden ließ. Massensterilisierungen gelten als Erbsünde der deutschen Psychiatrie! Kinder von Müttern, die so unklug waren, einer Zwangssterilisation auszuweichen, hatten bald Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen. Kaum auf der Welt, wurden sie unaufgefordert von einem Euthanasie-Programm gebührenfrei umgebracht.



Veränderung des Persönlichkeitskerns

Die unglückliche kulturelle und religiöse Vergangenheit, insbesondere der Sexualität, führte zu Eltern, zu Müttern und Vätern, die im Erbgut ihrer Kinder den jeweils gegengeschlechtlichen Teil in unbewußtem Haß am liebsten „ausradieren“ möchten. Dies keineswegs durch rohe Gewalt, sondern durch die nicht minder effektive sanfte Macht des Verdrehens, Vertauschens, Wegspiegelns oder Hinzulügens von positiven bzw. negativen Eigenschaften.

Unsere Gesellschaft kennt eine Berufsgruppe, die in wahnkranken Menschen ebenfalls gerne herumradiert. Psychiater brüsten sich damit, den sogenannten Persönlichkeitskern auszulöschen und „Patienten medikamentös in die Kindheit zurückzubomben, um auf leere Menschenblätter zu schreiben wie auf unbeschriebene Seiten“! Allmachtsphantasien, durch die eine brandneue Schöpfungsgeschichte schimmert: der neue Mensch, nicht aus Lehm, sondern in Körper, Geist und Seele aus Neuroleptika geformt. Gerät die Psychiatrie unter Beschuß, wird aus der beabsichtigten Persönlichkeitsveränderung allerdings flugs eine unerwünschte Nebenwirkung!

Wie haben wir uns veränderte Persönlichkeitskerne vorzustellen? Werden die Geheilten gläubige Psychiatrie-Anhänger? Uns wundert weniger psychiatrischer Größenwahn als die Geschwindigkeit, mit der der Wandel vonstatten gehen soll. Was Jahrmillionen geschaffen haben, was ein ganzes Leben an Prägung durch die Umwelt bereit hielt, soll mit einigen neuroleptischen Federstrichen in etwas verwandelt werden, was die Psychiatrie für normal hält?

Vielleicht hätte die Psychiatrie im Nebenfach Physik belegen sollen. Kerne lassen sich eher spalten als verändern! Die Spaltung von Atomkernen hat nicht gerade zum Fortschritt der Menschheit beigetragen. Zum Seelentrost für erfolglose Psychiater: Die Zerstörung von Menschen ist, streng genommen, auch eine Persönlichkeitsveränderung!

Vergebung können wir nicht empfehlen, denn Psychiater wissen was sie tun! Krankhafter Ehrgeiz, wissenschaftliche Besessenheit, gewissenlose Erfolgssucht verleiten zu solchen Behandlungen, die sich durch ein extremes Maß an Erfolglosigkeit, Dummheit, Grausamkeit und Sadismus auszeichnen.



Heilung sexueller Außenseiter

In „Autobiographie eines Entkommenen“ berichtet ein Homosexueller über seine Elektroschock-Heilbehandlung: „...dann kamen zwei Pfleger und steckten mir ein Stück Gummi in den Mund und Kopfhörer über die Ohren. Der „Arzt“ kam und schaltete den elektrischen Strom ein. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie weh das tut. Dann sagte der Arzt: „Zieh dich aus!“ Und dann sah ich, wie sie die beiden Kabel an meine Geschlechtsteile legten und den Strom einschalteten. Diese entsetzlichen Folterungen gingen noch mehrere Vormittage weiter. Vor Angst mußte ich jedesmal hinausgehen und mich übergeben. Jedesmal wenn der Arzt kam, fiel ich vor ihm auf die Knie und bat ihn, mich zu verschonen. Aber es machte ihm nichts aus. Als es vorbei war, konnte ich vor Schmerzen nicht mehr gehen und ich dachte, sie würden nie damit aufhören. Im Grunde begreife ich nicht, warum sie einen so quälen. Auch wenn ein Mensch krank ist, verdient er ein wenig Achtung. Ihr wißt nicht, wie weh es tut und daß es einen Menschen für das ganze Leben ruinieren kann. Wenn ich nur davon reden höre, werde ich weiß im Gesicht und es geht mir schlecht. Ich kann es heute noch nicht vergessen. Das ist ein Haß, der mir geblieben ist.“


Wir beantworten wenigstens die Frage des Behandlungsopfers, „warum sie einen so quälen“: sadistische Befriedigung, latente Homosexualität, unbewußte Aufarbeitung eigener sexueller Perversionen, therapeutische Vergewaltigung der Behandlungsopfer, ungestrafte Manipulation fremder Geschlechtsteile, Befriedigung unbewußter Kastrationswünsche und anderes mehr.

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Die Heilung durch Elektroschock-Konditionierung hat sich bewährt. Schwule, Lesben, Onanisten wurden durch Elektroschocks an delikaten Körperstellen lustvoll gekreuzigt. Das Verfahren war umfassend einsetzbar, an Brustwarzen wie an Geschlechtsteilen. Natürlich umfaßte das ganze Sammelsurium der Heilbehandlungen weit mehr: Fieberspritzen, Fesselung und Züchtigung, Schlagen von Patientinnen-Brüsten, massives Beschießen der Geschlechtsteile mit Wasser, Kaltwassereinspritzungen in die Scheide,
Klistiere, Durchtrennung weiblicher Klitorisnerven usw.

Natürlich konnte die Wissenschaft nicht immer und ewig auf der Stelle treten, auch wenn sie das hier zur Befriedigung sadistischer Gelüste gern getan hätte. Schließlich gab es vereinzelt Kollegen, die an Kastrationssucht litten und eigene Forschungen vorantrieben. Sie fanden heraus, daß in schweren Fällen weiblicher Onanie aus medizinisch-irrenhausärztlicher Sicht eine Eierstockspaltung oder ‑entfernung, die Zerstörung der Geschlechtsteile durch Brenn- und Ätzmittel oder eine chirurgische Entfernung der Klitoris geboten war. Männern wurde die Penisnerv-Durchtrennung oder eine Vollkastration empfohlen. Eine angemessene westliche Antwort auf orientalisch-afrikanische Beschneidungs-Riten!

Eiswasser-Darmeinläufe oder Entfernung von Dickdarm-Gewebsstücken lassen neben Sadismus auf anal fixierte Psychiater schließen. Die scharfe Grenze zwischen ernsthafter Behandlungsabsicht und spätpubertärem Doktorspiel verwischt!

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Wo sonst können Sadismus und Kastrationswünsche so kreativ, lukrativ, lustvoll und legal ausgelebt werden wie im Irrenhaus? Daraus lernen wir: Niemand ist unnütz, nicht einmal onanierende Ver-rückte oder masturbierende Wahnsinnige. Sie können immer noch Psychiatern und Nervenärzten als Behandlungsopfer dienen!

Bis der Nachschub wieder besser rollt, wird sich der psychiatrische Behandlungsschwerpunkt auf eine schwerkranke Tiergruppe richten müssen. Uns verwandte Tiere, in jedem Zoo zu beobachtende Schimpansen, onanieren derart vulgär in der Öffentlichkeit, daß sie zweifellos darunter leiden und heilender Behandlungen bedürfen.

So beweist die Psychiatrie, daß alles und jedes in letzter Konsequenz auf den Sexualtrieb, dessen Sublimierung oder Pervertierung, zurückzuführen ist. Leider werden Psychiater, trotz der Behandlungsvielfalt, nicht dauerhaft von sexuellen Defiziten geheilt und bedürfen kontinuierlicher Neuzugänge.

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Homosexuelle ereilte 1973 eine globale Spontan-Heilung. Professor Spitzer der Columbia-University postulierte, Homosexualität sei keine Geisteskrankheit. Der Psychiatrie brach eine wichtige Operationsbasis weg. Schwule und Lesben galten von einem Tag auf den andern als mental gesund und treten nicht mehr zur Zwangsheilung an, die bis Anfang der Sechziger Jahre Realität und, zumindest auf Seiten der Behandelnden, recht abwechslungsreich war. Wer glaubt, die Folter war in der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit abgeschafft, irrt! Die begangenen Behandlungs-Verbrechen könnten noch bestraft werden!

Homosexualität als Geisteskrankheit steht eine Renaissance ins Haus. Im Frühjahr 2001 hielt Professor Spitzer Schwule und Lesben plötzlich wieder für heilbar. Hoch motivierte Homosexuelle sollen in der Lage sein, heterosexuell zu werden. Ein Aufschrei des Entsetzens erschütterte die Schwulenverbände. Zu Recht! Auf die vorgeschlagenen Heilungsmethoden dürfen sie gespannt sein!



Kreativität

Die vorstehende Auflistung gängiger Heilmethoden erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Die Kreativität, mit der Psychiater ihren geisteskranken Rohstoff behandeln, legt den Schluß nahe, daß wir es weniger mit Ärzten als mit Künstlern zu tun haben. Für Vorschläge neuer, intelligenter und phantasievoller Behandlungsvarianten ist die Psychiatrie stets dankbar.




                 Fröhliche Psychiatrie

Der Psychiatrie wird immer wieder vorgeworfen, sie sei humorlos. Nachfolgend wird versucht, dieses unberechtigte Vorurteil zu widerlegen. Dabei wird erneut auf Zitate aus dem Buch von Peter Lehmann, „Der chemische Knebel“, zurückgegriffen.

Die zu Heilzwecken produzierten Leiden und Körperverletzungen nehmen mitunter auffällige Ausdrucksformen an. Psychiater gehen daran nicht achtlos vorüber, sondern versuchen dem Leiden Sinn zu geben. Dabei vergessen sie nicht, daß Humor der Sonnenschein der Seele ist!

Verspannen sich nach Behandlungen mit schweren Neuroleptika die Körper der Opfer bogenförmig, wird das gefühlvoll „Himmelsbogen“ genannt. Ruinieren sich nach Neuroleptika-Behandlungen die Patienten-Kiefer mit schmatzenden, unaufhörlich gegeneinander arbeitenden Mahlbewegungen, ist das ein lustiges „Häschen-Syndrom“. Kommt es hingegen zu Zwangsbewegungen der Gehwerkzeuge, wurde der Psychiatrie-Gefangene um das „Gefühl der lustigen Beine“ bereichert.

Bei Parkinson-Patienten bedarf Neuroleptika-Einsatz der Feinabstimmung. Hierzu läßt man nicht stillos irgendeinen Zeitungstext abschreiben, sondern etwas Fröhliches wie „Der Mai ist gekommen“ oder „Üb immer Treu und Redlichkeit“. Findet der Patient das schon ein bißchen lustig, wird dies durch Herabsetzung der Tagesdosis gedankt.

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Ja, unsere Psychiatrie, immer fröhlich, gut gelaunt, einen Scherz auf den Lippen, ganz der Tradition verpflichtet. Spielte nicht in Auschwitz eine heitere Stimmung verbreitende Lagerkapelle auf? Die Geschichte der fröhlichen Psychiatrie beginnt weit früher, wie ja selten etwas aus sich selbst heraus entsteht, ohne auf vorbereitende Entwicklungen zurückzugreifen. Wie beschwingt waren altertümliche Heilungsmaschinen konstruiert, von Drehsitzen bis zu Schleudermaschinen; fast so schön wie Achterbahnfahren!

Fröhlich geht es auch bei psychiatrischen Patienten-Kaffeekränzchen zu. In entspannter Atmosphäre, wenn Psychiater und Personal so tun als wären sie gutgelaunt, können weniger mißtrauischen Patienten die Pillen fast nebenbei eingeworfen werden. Dies ist nicht so unpersönlich wie morgendliches Anstehen vor dem Stationszimmer, bei dem die Einnahme der passenden Suizid-Dosis griesgrämig überwacht werden muß.

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Studentendasein ist oft grau und vermitteltes Wissen farblos. Hierzu Heiteres aus dem Psychiatrie-Zirkus! Innovative Professoren brachten fidele Anschaulichkeit in Hörsäle und begannen in psychiatrischen Vorlesungen Wahnkranke auszustellen, was hohen Unterhaltungswert genießt. Hierzu wird ein verschreckter, überredeter oder sonstwie vorgeführter Irrer in das akademische Zirkuszelt geführt. Seine Wahnvorstellungen wurden sorgsam konserviert, damit sie nicht zur Unzeit, etwa bei der Aufführung, verblassen.

„Wahnsinn“, oder was man dafür hält, wird durch kunstgerechtes Fragen scheinheilig herausgelockt. Dabei wird nicht vergessen, mit einem Auge beifallheischenden Kontakt zum Publikum zu halten, um zu signalisieren, wann sich der Höhepunkt der Vorstellung nähert. Das ist der Fall, wenn der arglose Kranke über Wahnvorstellungen berichtet, oder, welch Glücksfall, diese auf anwesende Personen oder Gegenstände überträgt.

Wer als Nachschlag noch Kostproben einer verworrenen, schizophrenen Sprache serviert bekommt, erlebt eine psychiatrische Sternstunde. Dies ist die Sprache einer im Unbewußten versinkenden Persönlichkeit, die versucht, für ihr Erleben Worte zu formen. Je mehr sich der Irre äußert, um so belustigtere Ablehnung erfährt er durch die Zuhörer. Der Persönlichkeitsverfall beschleunigt sich!

Wirklich verständige Seelenärzte, die um die Macht des inneren Universums wissen, würden Wahnkranken niemals ein solch entwürdigendes Schauspiel auf offener Bühne zumuten.



                 Schizophrenesisch

Nicht nur Wahnkranke bereichern die Sprache, auch psychiatrische Sprachschöpfungen können sich durchaus sehen lassen:

manischer Stupor, psychoreaktive Charakterneurose, Psychopathologie der Oligophrenien, sekundäre Verrücktheit, akuter katatonischer Auftritt, hypochondrische Hebephrenie, schizoaffektive Mischpsychose, neurasthenisches Syndrom, Psychohygiene des Epileptikers, larvierte Depression usw.

Wir gehen systematisch vor, schlagen im Sachverzeichnis eines epochalen Lehrbuchs nach und beginnen bei „A“: Abänderungsstereotypie, artefizieller Abort, Acedicon, Acidum diaethylbarbituricum, ADIE-Syndrom, adrenocorticotropes Hormon, Agardiffusions-Test, Agranulocytosen, Ahornsirup-Krankheit, Akrocephalus, amaurotische Idiotie, amnestisches Psychosyndrom, Amniocentese, Anencephalie, paralytische Anfälle, Antihistaminica und so weiter, tausendfünfhundert Begriffe lang. Alles kapiert? Wer immer noch nicht gesundet, wird sich in das siebenhundertseitige, eng beschriebene Lehrbuch vertiefen müssen.

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So sehr sich die Psychiatrie um Katalogisierung bemüht, Wahnerleben wird aus einem endlosen, inneren Universum gespeist. Eine lückenlose Registrierung gelänge nicht einmal auf einer in Gigabyte speichernden Festplatte. Die filigran aufgefächerten Sprachbeiträge der Psychiatrie sind nicht sinnlos, sieht man von deren fehlender Bedeutung für Diagnose und Therapie einmal ab. Gerade die Vielfalt der beschriebenen Erkrankungen verschleiert den pseudoreligiösen Inhalt der psychiatrischen Kampfsprache, mit der Wahnkranke wie Gesunde mühelos zu erlegen sind.

Kommt der eine mit seiner „abnormen Persönlichkeit“ noch halbwegs gut weg, muß sich ein zweiter schon die Einstufung „chronisch paranoid-halluzinatorische Schizophrenie“ gefallen lassen. Andere wieder haben das Vergnügen einer aktenkundig gemachten „paranoiden, fanatischen Persönlichkeit“, eines „paranoischen Querulantenwahns“, einer „psychopathischen Charakterstruktur“ usw. Irgendein Wortmonster, das sich erfolgreich um die Prämierung als Unwort des Jahres bewerben kann, läßt sich jedem Wahnkranken anhängen!

Das einzige, was zuverlässig diagnostizierbar ist, sind Orientierungs- und Verhaltensstörungen unterschiedlicher Dauer und Heftigkeit. Ob die psychiatrische Filigran-Diagnose zutrifft oder nicht, spielt jedoch keine Rolle, da sie notfalls durch das Obergutachten eines Ferngutachters bestätigt wird. Die kühnen Sprachschöpfungen könnten nahelegen, Psychose und Schizophrenie existierten erst seit Erfindung der Psychiatrie.

Irrtümer bei der Diagnose belasten den Heilungsprozeß kaum. So vielfältig die Diagnosen, so einfältig die Heilung durch gleichartige Behandlungen: viel Bettwärme, Chemie und Elektroschock - wenig Frischluft, Alltagskontakt und gesunde Ernährung!

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Die Psychiatrie wähnt, bei ihrer medizinisch-psychiatrischen Fachsprache handle es sich um eine besonders elitäre Ausstattung. Wir schlagen im Lehrbuch nach und diagnostizieren „Paraphrasie“: eine Geisteskrankheit, die sich durch übermäßige Wortschöpfungen und ‑abwandlungen äußert!

Nicht immer ist die Psychiatrie mit ihren Sprachschöpfungen zufrieden. Weil „Elektroschock“ gar so garstig klingt, wurde er zunächst verniedlichend auf „Elektrokrampfbehandlung“ umgetauft und mutierte gar zur „Reizstrom-Therapie“. Das erinnert an eine unverdächtige orthopädische Behandlung zur besseren Kniedurchblutung. Konsequent weitergedacht würde eine Enthauptung als „reizvolle Körperverkürzung“ unter die Leute gebracht.

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Nichts spricht dagegen, dem Bedürfnis nach Entwicklung einer Fach‑ oder Kunstsprache dort nachzugeben, wo die Alltagssprache komplexe Sachverhalte nicht mehr exakt beschreiben kann. Ein entsprechendes psychiatrisches Bedürfnis darf bezweifelt werden, bedenkt man, wie klar und verständlich sich berühmte Seelenärzte auszudrücken wußten.

Wer aber im Umgang mit Menschen über Fachlatein seine Alltagssprache vergißt, ist seinen geistigen Spezialkenntnissen nicht gewachsen und unterhalb der Tierwelt angelangt, die sich über eine überraschend reiche Lautvielfalt verständigt.



             Wie erkennt man Ver-rückte

Baugleichheit

Lange vor unserer Zeit gab es Ver-rückte: Mythen und Sagen erzählen von Drachenkämpfern, Unholden, Nymphen und Sirenen; es folgten Kreuzzüge, Ablaßzettel, Inquisition und Hexenverbrennung; die jüngere Vergangenheit bescherte Kolonisation, Patriotismus, Duelle, Rassenwahn und vieles mehr.

Unglücklicherweise ist es mit Ver-rückten wie mit Straftätern! Ein Bruchteil wird eingefangen, viele laufen unerkannt herum, tummeln sich bis in höchste Staatsämter. Das ist besonders unbefriedigend, wenn mehr Irrenhaus-Betten als Ver-rückte zur Verfügung stehen. Dann werden Testmethoden verbessert, der Hang zum Denunziantentum gefördert, Zubringerdienste angespornt, die gutachterliche Tätigkeit gestrafft. Schon macht die Auslastung der Bettenkapazität dem Krankenhausträger wieder Freude!

Fürsorglich ermunterte Ende 2001 ein Aktionskreis aus Psychiatern und Hausärzten die Bürger, über Auffälligkeiten ihrer Mitmenschen Rat einzuholen. Vorsorglich wurden 30.000 abrufbare Formulare zum Eintragen von Beobachtungen bereitgestellt. Wir haben erhebliche Zweifel, daß damit alle Geisteskranken dingfest gemacht werden können.

Großzügige finanzielle Ausstattung vorausgesetzt, käme man rasch auf die gesamte Bevölkerung und ersparte den Bau weiterer Psychiatriegefängnisse. Wir wären ein einzigartiges Irrenhaus: Alkohol-, Nikotin-, Spielsüchtige; Medikamenten‑, Drogen-, Konsumsüchtige; Mager-, Fett-, Geschwindigkeitssüchtige; Macht-, Gewalt-, Kriegssüchtige; Sportwahnsinnige, Forschungsirre, Wissenschafts-Verrückte; an Katastrophenängsten, Aberglauben, Zwangsvorstellungen Leidende; sozialverträglich früh an Arbeitssucht Sterbende und weitere Personen, die auf irgendeine Weise normal sind.

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Die Baugleichheit alltäglicher Ver-rücktheiten mit Verhalten, das in Psychiatrie-Gefängnisse wirft, ist augenfällig. Am Vergleich des Wechsels von Aggregatszuständen wird dies deutlich: Friert Wasser zu Eis, sieht man ihm seine Herkunft nicht mehr an. Trotzdem besteht ein Eisberg aus nichts anderem als Wasser! Der Psychose merkt man nicht an, daß sie aus gebündelten Ver-rücktheiten, Verwirrungen, Vertauschungen und Verdrehungen besteht, kurz aus dem Stoff, der uns alle unbewußt fest im Griff hat. Boten künden davon, wenn sie uns mit entlarvenden „Freudschen Versprechern, Verhörern oder Verschreibern“ enttarnen.



Traum und Unbewußtes

Träume kommen von Gott

Bewußtwerdung der Menschheit, Entstehung von Bewußtsein, setzte die Abspaltung der bewußten von der unbewußten Seelenwelt voraus. Seither teilen wir uns in zwei Welten. Nacht für Nacht kehren wir in eine Welt andersartiger Realität und eigener Logik zurück. Mächtig streckt sie ihre Arme bis ins Bewußtsein des Tages aus, meldet sich in Traum, Halluzination und Wahnvorstellung eindrucksvoll zu Wort. Das Gleichnis von der Vertreibung aus dem Paradies des Unbewußten klagt allegorisch an, daß sich diese Welten nicht Gegensatz, sondern Feind wurden!

Trauminhalte und Wahnerleben sind Blutsverwandte! Manchmal sind Träume so intensiv, daß wir uns erwachend noch in dieser fremden Welt glauben und Tagesrealität erst nach einiger Zeit wieder vertraut wird. In Träumen erleiden wir ziemlich realistische Qualen, müssen kämpfen oder uns verteidigen. Wir verrichten unsere Notdurft an unmöglichen Orten, sagen obszöne Worte, die wir am Tage nicht in den Mund nehmen würden, kurz, wir erleben und tun viele ganz absonderliche Dinge.

Wahnkranke gibt die Welt der Träume auch nach dem Erwachen nicht mehr frei! Sie handeln fremd und unverständlich, einer anderen Ordnung gehorchend, die nicht weniger existent ist als vertraute Realität. Ihnen ergeht es wie Fieberkranken oder Sterbenden, die die Kraft einer fremden Wirklichkeit spüren, oder wie Menschen, die im ewigen Eis oder in großer Höhe unterwegs sind und in Grenzsituationen seltsames Erleben halluzinieren.

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In Träumen geht es chaotisch, ja ver-rückt zu! Kein Wunder, daß sie wenig Achtung erfahren, vom kurzen Ausflug der Psychoanalyse abgesehen. Wenige Jahrzehnte nach Freud ist ihre Bedeutung auf die Aufarbeitung von Tagesereignissen reduziert. Für die Wissenschaft sind sie gerade einmal das Stoffwechselprodukt einer schlechten Verdauung. Vergessen wird, daß Träume auch körpereigene und körperfremde Störungen schlafschützend ins Traumerleben einarbeiten, was sie noch verworrener macht.

Solcher Hochmut beschränkt sich auf den modernen Menschen! Alte Kulturen wußten um die Macht der Seele, die sich in Träumen offenbart. Das Alte Testament mahnt, Träume kämen von Gott! Kaum ein Eingeborenenstamm, dem sie nicht heilig wären. Zwangschristianisierungen wurden notwendig, da Träume die Eingeborenen vor der Destruktivität des Christentums warnten.

Mehr Respekt wäre angezeigt! Nur ein winziger Firnis von Bewußtsein umschließt die mächtige, unbewußte Welt, aus der Träume stammen, vergleichbar dem dünnen Sauerstoffmantel, der die Erde umgibt oder ähnlich einer Haut, die Wasser vor Verdunstung bewahrt.

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Angstträume sind Hausaufgaben, die der Schlaf zur Heilung zerstörter Seelen aufgibt, aber wer lernt schon seine Lektionen? Traumtiere und ‑pflanzen sind manchem zum Todfeind geworden und töten im Unbewußten. Mancher Träumer muß um sein nacktes Leben kämpfen!

Feindlich gesinnte Traumtiere und –pflanzen sind ursächlich für seelisch begründbare Allergien! Harmloser Samenflug von Wiesenblumen schickt Menschen in schiere Atemnot oder gar in den Tod! Bakterien und Viren wurden lebensbedrohlich, weil unsere unbewußte Welt mit ihnen kooperiert, anstatt seelische Abwehrstoffe zu bilden. Systematische Traumforschung führte zur Linderung jener Krankheiten, deren psychosomatische Qualität unstreitig ist.

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Die innere Welt, zu der wir über Träume Zugang haben, beherbergt den gesamten Erfahrungsschatz der Menschheit und birgt mehr Wissen als alle Bibliotheken der Erde zusammen - eine Welt die jedem zugänglich ist und niemanden ausschließt. Es bedarf lebensbegleitender Beschäftigung mit Träumen, insbesondere in Zeiten existentieller Krisen. Daß die Sprache dieser Welt kaum mehr jemand versteht, ist nicht ihr anzulasten, sondern jenen, die glauben, sich nicht länger mit ihrer inneren Welt auseinandersetzen zu müssen.

Stattdessen trocknen Bildschirm-Superstars unsere Märchen, Mythen, Sagen aus. Mit achtlos weggeworfenen Träumen gehen letzte seelische Wasserstellen verloren. Der moderne Mensch glaubt allen Ernstes, er könnte im Zeitraffertempo einer einzigen Generation solche Schätze über Bord werfen und seine Seele mit pseudo-erzieherischen Micky-Maus-Gags laben, die ihm zwischen Werbespots in den Mund geschoben werden.



Geöffnete Körper – versiegelte Seelen

Verdrängung versiegelt kranke Seelen! Statt sie freizulegen, werden gesunde Körper aufgeschnitten und verbissen seziert! Glitzerndem Seelenbetrug steht das häßliche Gegenstück geöffneter Leiber und durchleuchteter Organe gegenüber! Kaum ein Gegenstand, der nicht mikroskopisch und chemisch in letzte Einzelteile zerlegt würde. Bis ins Detail analysierte Stoffe begünstigen betrügerische Manipulationen in nie gekannter Weise. Wie häßlich und schal alles geworden ist! Lohnend wären analytische Seelenöffnungen, denn letztlich gründen alle Krankheiten in, beruht jede gestörte Beziehung zur Umwelt auf falschem Denken.


Die gnadenlose Entdeckungsjagd nach letzten Geheimnissen der belebten und unbelebten Natur verstößt grotesk gegen die biblische Mahnung, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Jedes neue Wissen zwingt zur Entscheidung: brauchbar oder unbrauchbar, nützlich oder unnütz, stellt die Frage nach Gut und Böse, öffnet neuem Irrtum Tür und Tor!

Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir? Diese bildhaft gestellte Frage des französischen Malers Gauguin wird selbst hartnäckiges Zertrümmern intakter Körper nicht beantworten. Natur und Schöpfung werden auch von Wissenschaftlern und Psychiatern nicht übertroffen! Heilung verspricht der Versuch, die Seele einfacher, unverletzter Dinge des Alltags wieder zu erkennen. Macht außer Rand und Band geratener Wissensdurst krank, führt weniger Erleuchtung zu mehr Gesundheit. Wird diese Empfehlung nicht berücksichtigt, ist zumindest die dritte Frage des Malers „wohin gehen wir“ bald beantwortet!



Archetypen

Menschliche Grunderlebnisse sind uns Archetyp (Urbild) geworden und tausendfache Wiederholung reicherte diese urtümlichen Bilder mit großer Kraft an. Die innerseelische Machtverteilung stellt bis in letzte archaische Urtiefen ein getreues entwicklungsgeschichtliches Abbild hiervon dar. Mühelos erschreckt die mächtige Seele Träumer mit friedlichen Insekten, ungefährlichen Spinnen und harmlosen Schlangen, weil sie uns irgendwann auf dem Weg durch die Jahrmillionen zu Tode bedrohten.


Was mögen Traumbilder energiegeladener Schlangen von einer Religion halten, die in ihrem Schöpfungsbericht behauptet, Gott habe Feindschaft gesetzt zwischen der Schlange und dem Menschen? Welch einzigartigem Gleichnis begegnen wir hingegen im Uroboros, der kreisförmigen, sich in den Schwanz beißenden Schlange, den ewigen Kreislauf des Lebens symbolisierend!

Man kann sich solcher Seelenenergie noch dümmer nähern als die Religion. Hochwissenschaftlich vermißt die Psychiatrie nicht nur Kopfformen, sondern mittels eines Elektroenzephalogramms (EEG) darin gespeicherte Energie. Wehe, es zeichnet für krank gehaltene Ausschläge nach oben oder unten, die Börsenkursen zu Boom‑ und Crashzeiten ähneln: Ein neuer Irrer wird dingfest gemacht! Mag die gespeicherte Seelenenergie für ihre atypische Zusammensetzung auch noch so triftige Gründe haben, Energie und Kopf des Ausreißers werden notfalls mit gehirnchirurgischen Maßnahmen und anderen Eingriffen auf Kurs getrimmt.



Krieg beginnt in Köpfen

Nach jedem verlorenen Krieg wird gewarnt, er beginne in den Köpfen! Allerdings beginnt er weniger im Denken als bei verdrängten, destruktiv gewordenen Trieben des Unbewußten, die sich des Verstandes bedienen. Niemand beweist dies besser als die Psychiatrie, die einen Behandlungs‑ und Vernichtungskrieg gegen Wahnkranke führt.

Solange Psychiater eigene unbewußte Destruktivität nicht aufarbeiten, werden ihre Behandlungsmethoden das eingangs geschilderte, perverse Gesicht nicht verlieren. Verdrängte, destruktive Triebe legen ihnen grausame Heilpraktiken als logisch, helfend, hochwissenschaftlich nahe, gelangen so zur Befriedigung.



Räumliches Sehen

Einäugiges Sehen mittels zweier seitlich angeordneter Augen, die automatisch den Blick zurück erlauben, wird als Hinweis auf die Primitivität eines Tiers gewertet. Zwei Millionen Jahre benötigten die Augen unserer Vorfahren, so weit nach vorne zu wandern, daß sie räumliches Sehen ermöglichten. Dieser Vorteil wird verspielt, wenn man nur nach vorne sieht, nur „fortschrittlich“ ist.

Höhere Tiere, die aufgrund ihres räumlichen Sehvermögens ebenso wie der Mensch nicht mehr in der Lage sind, rückwärtige Sehfelder zu erfassen, achten mit höchster Aufmerksamkeit auf das, was sich hinter ihrem Rücken tut; man denke an die ständig in Bewegung befindlichen Ohren! Der Mensch wäre gut beraten, wieder von Tierahnen zu lernen, sich auch rückwärts zu orientieren.

Die Menschheit blickt nur nach vorne, befindet sich auf dem Weg zu den Sternen, vom Sog verbrennender Wissensquellen erfaßt. Projektionen gaukeln mangels Rückschau eine Zukunft vor, die es nicht gibt, während die Brücke zu Tier und Pflanze einstürzt! Moderne Menschen ähneln Kindern, die viel zu früh den mäßigenden Einfluß ihrer Eltern verloren haben. Ungebändigte Phantasie lockt sie zu weit entfernten Zielen, bis hin zum Glanz fremder Gestirne. Die Sterne am Wissenschaftshimmel leuchten so verlockend schön, daß sich ihnen niemand mehr bedächtig nähern mag.

Nachdem Tiere mit seitlich angeordneten Augen nach vorne und hinten sehen können, höhere Tiere nach rückwärts lauschen, lebt nur ein einziges wahrhaft einäugiges Lebewesen auf unserem Planeten. Wir sind zu Einaugen geworden und blicken in die falsche Richtung, nach vorne statt zurück! Der Mensch wird gerade in vermeintlicher Modernität eingeholt von seinen Urahnen, den mythischen Einaugen, vor denen sich schon im Altertum Menschen, die sich auf innere Seelenreisen zu begeben hatten, so sehr fürchteten.



Grenzpsychotisches Erleben, Tabu, Zauberei

In früheren Kulturen versetzten sich ausgewählte Mitglieder in grenzpsychotische Zustände, um von Erfahrungen im Unbewußten zu berichten. Dies geschah, in gesellschaftlichem Konsens, durch Fasten oder Einnahme von Drogen. Ein Weg, unbewußte, kollektive Wahninhalte zu erfassen und deren Bearbeitung zu ermöglichen!


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Dian Fossey berichtet in „Gorillas im Nebel“ über ihr Leben im afrikanischen Regenwald zur Rettung der Berggorillas. Anfangs verlor sie einige ihrer besten Mitarbeiter, da sie nicht glauben wollte, daß diese von einem Medizinmann „verzaubert“ worden waren. Sie weigerte sich, käuflichen Gegenzauber anderer Medizinmänner zu bezahlen. Die Männer zogen ihre besten Kleider an, betteten sich zum Sterben und waren Tage später tot. Fortan bezahlte Fossey den Gegenzauber; den Verdacht übelster Geschäftemacherei wurde sie nie los!

Es sind Fälle bekannt, in denen Eingeborene unwissentlich ein von Geburt an auferlegtes Tabu brachen und innerhalb von Minuten starben, nachdem sie erfuhren, daß sie beispielsweise eine für sie verbotene Frucht gegessen hatten. Der Tod trat nicht zum Zeitpunkt ein, an dem die Frucht verspeist wurde, sondern der Todeskampf begann, als die betreffenden Stammesmitglieder erfuhren, daß sie ihr Tabu gebrochen hatten.

Andere Eingeborene lernen von frühester Kindheit an, niemals von der Speise des Häuptlings zu essen. Sie würden daran sterben! Ein Junge ißt zufällig von Essensresten des Häuptlings. Nachdem er erfährt, von wessen Teller er aß, stirbt er!

Nachgewiesen wurde, daß die betreffenden Eingeborenen an massiven Stoffwechsel-Veränderungen im Gehirn zugrunde gingen, nicht selten innerhalb kürzester Zeit. Das mag absurd erscheinen, aber führen nicht auch winzige Bazillen gefürchteter Krankheiten zum Tod? Warum sollten negative Energieladungen destruktiver Gedankenströme nicht töten können?

Produzieren geistige Prozesse Stoffwechsel, die zum Tod führen, kann der naive Wunderglaube an die Heilung von Geisteskrankheiten durch „Medikamente“ endgültig aufgegeben werden. Die Psychiatrie verhält sich primitiver als die zitierten Eingeborenenstämme!

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Waren die Betroffenen geistesgestört? Ist ein ganzer Kontinent ver-rückt? Die Phänomene sind erklärbar, die Grundmuster gleich, unabhängig von Rasse und Kultur! Ausbeutende Medizinmänner oder Priesterkasten bauten über Jahrtausende in Gläubigen nicht nur psychotische Ängste und negative, töten könnende, in Gedanken gespeicherte Energien auf, sondern auch den Glauben an rettenden Gegenzauber.

Tabus sind leicht durchschaubar, sichern sie doch der Oberschicht, Häuptling und Medizinmann, weltlichen und religiösen Würdenträgern, höchste Macht! Jedes Stammesmitglied kann getötet werden, bringt man es nur geschickt dazu, sein Tabu zu verletzen, z.B. durch unwissentlichen Verzehr verbotener Früchte oder unerlaubtes Essen vom Teller des Häuptlings. Dieses Grundprinzip beherrschen alle Religionen! Sie erniedrigen Anhänger durch emotionale Tyrannei so erfolgreich, daß Selbsthaß übermächtig wird und Schuld lindernde Spenden um so freudiger fließen.



Prominente Wahnkranke

Hermann Hesse landete im Alter von fünfzehn Jahren im Irrenhaus, weil er „mit unnatürlichen und ungesunden Gedanken angefüllt war“. Hätte er diese verdrängt, statt sie zu äußern, wäre ihm das Abenteuer Irrenhaus erspart geblieben. Dort lernte der junge Hesse fürs Leben, daß man stinkenden Gedankenunrat nur in untadeliger Wortverpackung straffrei los wird. Seither reißen sich gebildete Menschen um seine unnatürlichen und ungesunden Gedanken im Steppenwolf, Glasperlenspiel und in anderen Werken. Nicht alle lernen so schnell wie Hesse und müssen daher im Irrenhaus weiterbrummen!

Ernest Hemingway entzog sich 1961 durch Selbstmord den Nachstellungen der Psychiatrie und erschoß sich nach zwei Elektroschock-Serien. Er wollte nicht länger sein Gehirn ruinieren und das Gedächtnis ausradieren lassen: sein ganzes Leben, sein ganzes Kapital! Mit seinem Tod wurden die psychiatrischen Heilungs-Verbrechen durch Elektroschocks erstmals von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Die Psychiatrie begann auf unauffälligere Behandlungsmethoden auszuweichen!

König Ludwig II. von Bayern verbot Ärzten die Anwendung von Elektroschocks bei seinem nervenkranken Bruder Otto und darüber hinaus die Anwendung von Gewalt. Nicht jeder hat einen König zum Bruder, der vor Nervenärzten schützt. Bis heute dürfen bayerische und andere Psychiater mit Ver-rückten machen, was der jeweils modische Behandlungswahn empfiehlt!



Irre sind immer die andern

Ver-rückte und Irre sind immer die andern! Ein trügerischer Glaube! Wer an Irrenhaus denkt, meint Anstaltspsychiatrie und vergißt das kollektive Irrenhaus, an dem emsig gebaut wird. Für traditionell Ver-rückte bleibt kaum Platz! Potentielle Geisteskranke werden neuerdings durch sogenannte Marker der Fortpflanzungsmedizin (quasi gentechnische Judensterne) frühzeitig aussortiert. Bald gibt es keine normalen Geisteskranken mehr, oder besser, fast keine! Der eine oder andere wird sich auch in einigen Jahren noch länger als einige Minuten natürlichen Sonnenstrahlen aussetzen, was ziemlich ver-rückt sein wird.

Nach diesen Vorbemerkungen können wir uns mit angesehenen Wahnformen auseinandersetzen: Stimmenhören, Psychose, Schizophrenie usw. Wir bedauern die psychiatrische Zerschlagung des Wahnerlebens in einzelne Krankheiten! Allen Wahnformen liegt ein- und dieselbe innere Welt zugrunde, die unbesiegbar eigenen Gesetzen folgt und das äußere Leben prägt. Geisteskrankheit gleicht mystischem Erleben. Mythos wurde zum Wahnsinn, da einseitige Diesseits-Orientierung von seinem Lebensquell abschnitt!

Die Anmerkungen zum Wahnerleben folgen teils der psychiatrischen Einteilung in geistige Modekrankheiten. Überschneidungen bei einzelnen Wahnformen sind für das Verständnis unverzichtbar!



                    Stimmenhören

Stimmenhören und Ver-rücktsein gehören so sehr zusammen, daß dieses Phänomen ein eigenes Unterkapitel verdient. Nicht immer war Stimmenhören mit Abschiebehaft im Irrenhaus verbunden!


Die Geschichte ist voll davon! Eine Stimme im brennenden Dornbusch beauftragte Moses, die Israeliten aus Ägypten heimzuführen. Stimmen forderten Jeanne d'Arc auf: „Jeanne, du mußt dem König zu Hilfe kommen, um Frankreich zu retten.“ In jüngerer Zeit wurde Stimmenhören so beliebt, daß man deren Empfänger vorsorglich im Irrenhaus versammelt. Als ein kanadischer Psychiater im Fernsehen gar Stimmenhören im Alltag für normal erklärte, konnte sich der Sender vor Anrufern kaum retten, die gleichfalls Stimmen zu hören glaubten. Günstig war es selten, Stimmen zu vernehmen, deren Herkunft nicht eindeutig nachweisbar war. Selbst Jeanne d'Arc starb auf dem Scheiterhaufen, obwohl Orleans befreit wurde.
Hören hat Tradition: Be-hör-den fürchten wir bis heute. Unge-hor-sam ist, wer nicht zuhört. Gescholten wird, wer sich unge-hör‑ig verhält. Mit Gebeten bittet man um Er-hör‑ung, wer zuviel auf andere hört, wird hör‑ig.

Innere Stimmen begleiten die Menschheit seit alters her, schützend, mahnend, plagend. Wahnkranke erliegen dem Irrtum, halluzinierte Stimmen kämen von außen. Unabhängig davon müssen sie zuhören, sich mit ihnen auseinandersetzen, ob sie wollen oder nicht!

                               ***       

Wirklich ver-rückt sind nur Stimmen, die weder von innen noch von außen kommen, sondern phantasievoll erfunden werden. Das gelingt Religionen seit Jahrtausenden! Unter Berufung auf die Stimme Gottes wird die Gläubigenschar eingestimmt und beherrscht. Bis in die Beichtstühle hinein wird geflüstert und für Gläubige das Phänomen des Stimmenhörens nachgeahmt. Bis zur Erfindung der heiliggesprochenen Schrift wurden Wissen und Glaube mündlich überliefert.

Mutter und Kind hören einander, nehmen Herzschläge wahr, erkennen sich an der Stimme und bauen am Fundament der Kommunikation. Das kleine Kind hört auf Eltern, Verwandte, Lehrer und verinnerlicht Ge‑ und Verbote durch Hören. Kein Wunder, daß sich die Seele mit Stimmen zu Wort meldet! Mit der komplexen Psyche des Menschen werden sie von Generation zu Generation vererbt und im Gedächtnis der Seele aufbewahrt. Die Kräfte des Unbewußten benutzen diese Stimmen für Botschaften an die Tagwelt, mag ihr Inhalt auch noch so fremd und verworren erscheinen. Gute oder böse Stimmen, wer wollte diese Frage beantworten? Diese Phänomene existierten kaum, hätten nicht zu viele blinde Seelenflecken über verdrängtes, destruktives Gewaltpotential etwas mitzuteilen. Vielleicht ruft die ererbte Wut von Generationen?

Obwohl die meisten Menschen zeitlebens keine inneren Stimmen hören, ist die Fähigkeit hierzu latent vorhanden. Dies beweist schon die ungeheure, ja psychotische Berührungsangst, die Menschen im Umgang mit Wahnkranken erfaßt. Ureigenstes Übertragungspotential wird berührt, Ansteckungsgefahr gewittert!

                               ***       

Die Bibel, heilig oder nicht, hält Stimmen, die Propheten hören, für göttlich. Nicht jeder kann zum Propheten werden, um dem Einschluß im Irrenhaus zu entgehen. Vom Propheten wird erwartet, absolut wahrheitsgemäß über Äußerungen Gottes zu berichten, ohne dessen Botschaften zur Wahrung eigener Interessen zu verfälschen. Angesichts der Unzulänglichkeit menschlicher Natur gelingt dies freilich selten!

Beim Geisteskranken kehrt sich diese Forderung in ihr Gegenteil! Je wahrheitsgemäßer er berichtet, um so sicherer wird er in der Psychiatrie endgelagert. Verdrängte, destruktive, über Generationen vererbte Triebe melden sich zu Wort. Was sie zu sagen haben, wird nicht gerne gehört, sprechen sie doch davon, was man nicht denkt, sagt oder gar tut. Kurz, die Stimmen der Psychose kippen das aus, was Gesellschaft, Kultur und Religion dem höheren Menschen vergeblich einzuhämmern versuchen. Dies führt zu Verdrängungen ins Unbewußte, die sich beim Stimmenhören kraftvoll zu Wort melden. Korrekte Berichterstattung ließe leibhaftige Propheten auf der Stelle in Ungnade fallen!

Der Zunge war Nacktheit im Umgang mit Worten niemals gestattet! Gründlicher als heute haben sich Menschen nie und nimmer angelogen als mit Keep smiling auf Abonnement. Kein Wunder, daß sich hin und wieder die Zunge auszieht und während einer Psychose Unverzeihliches aussprudelt. Die moderne Psychiatrie begnügt sich nicht mehr mit barbarischem Zungenabschneiden, sondern ruiniert zugehörige Körper gleichfalls.

Lassen wir offen, ob die Stimmen, die uns besetzen, von Gott, Geistern oder Ahnen stammen oder ob eine kreative Seele sie nach dem Baukastenprinzip kunstvoll zusammensetzt. Jedenfalls sind sie Repräsentanten unbewältigter, individueller und kollektiver Lebensgestaltung!

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Eine Mutter wirft ihr Kind aus dem Fenster, eine Stimme hat es ihr befohlen. Das ist ver-rückt! Ihr winkt eine lebenslange Freiheitsstrafe im Psychiatriegefängnis, obwohl sie kein weiteres Kind hat und eine Wiederholungsgefahr praktisch ausgeschlossen ist.

Eine neunzehnjährige Mutter wirft ihr Baby in einen Bach, da sie Angst hat, im Leben etwas zu versäumen. Sie ist nicht ver-rückt! Gesellschaft, Richterschaft und Psychiatrie können das verstehen, selbst besorgt, zu kurz zu kommen. Die junge Frau kommt mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung davon.

Eine andere Mutter prügelt ihr Kind tot. Das mißbilligt das Strafrecht, hält es aber für noch normal. Je nach den Begleitumständen bleibt es bei einer Bewährungsstrafe.

Manchmal kommt angeblich Gott persönlich und befiehlt blutige Straftaten. Wir erinnern an Abraham, der auf Befehl Gottes seinen Sohn töten sollte.

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Niedrige Instinkte machen sich überall in der Gesellschaft breit. Projektionen dieser Seelenlüste kommen uns längst entgegen in Form unzähliger Fernseh- und Filmmorde, ergötzlicher Katastrophen-Berichterstattung, blutdürstigem Schaupublikum bei Unfällen, genüßlichem Studieren von Todesanzeigen usw. Das ist die seelische Heimat, der Stimmen und Befehle entstammen!

Woher mag es kommen, daß Menschen „Stimmen“ bedingungslos gehorchen und Straftaten begehen? Es müssen Personen sein, die von frühester Jugend an lernten, alles und jedes unhinterfragt zu tun, was auch immer befohlen wurde. Ein Übersoll an Pflichterfüllung, das schaudern läßt!

Bei Aburteilung so begangener Straftaten sitzt neben dem versagenden Elternhaus (genauso erzogen) das gesellschaftliche Erziehungskollektiv, das so gute, ergebene Staatsbürger hervorbringt, mit auf der Anklagebank. Vielleicht bemüht sich die Gesellschaft so hartnäckig um die Schuldunfähigkeit wahnkranker Straftäter, weil sie ihre Mitschuld fühlt. Das Endergebnis stimmt sie allemal zufrieden: Der wahnkranke Straftäter wird durch Einschluß im Psychiatriegefängnis härter bestraft als der normale Kriminelle!

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Wie reagieren Betroffene auf das Phänomen des Stimmenhörens? Es handelt sich um Menschen, die sich übertrieben angepaßt verhalten. Ureigenste Bedürfnisse konnten nicht gelebt werden, überzogene Anforderungen ließen sie nie sie selbst sein. Die Stimmen ängstigen sie, insbesondere wenn sie zur Begehung strafbarer Handlungen auffordern!

Wahnkranke registrieren durchaus, daß ihr Wahnerleben weit von der Norm abweicht, eben „ver-rückt“ ist. Bei all der Scheu, der Ablehnung, der Ausgrenzung, die dem Umgang mit Stimmenhören anhaftet, ist es schwierig, sich jemandem anzuvertrauen. Viele meiden Kontakt zu anderen, weil sie fürchten, sie könnten diesen oder sich selbst etwas antun.

Unglücklicherweise vertrauen sich Betroffene der Psychiatrie an, die ununterbrochen im Dienste der geistigen Volksgesundheit tätig ist. Stimmenhören ist, wie alle Geisteskrankheiten, leicht heilbar: Pillenschlucken, Neuroleptika-Spritzen, Elektroschocks, gehirnchirurgische Korrekturen...

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Moderne Heilungsansätze existieren jedoch auch! Ein namhafter US-Psychiater geht Stimmenhören und Geistersehen immer auf den Grund. Behaupten Patienten, in einem bestimmten Raum befänden sich Geister, befiehlt er ihnen, sofort hinzugehen und nachzusehen. Natürlich sind dort entweder keine wahrnehmbaren Geister oder Patient und Psychiater sind geteilter Meinung über deren Anwesenheit.

Dieser Therapeut hat nicht begriffen, zwischen der gegenständlichen Welt und einem seelischen Universum, das sich seinem primitiven Rationalismus entzieht, zu unterscheiden. Für Wahnkranke sind halluzinierte Phänomene so real wie die äußere Welt. Kluge Betroffene sollten behaupten, ihre Stimmen seien auf dem Gipfel des Mount Everest zu hören oder die Hausgeister träfen sich auf der Mondoberfläche am ersten Krater links. Die beschriebene Therapie kann dies nicht nachprüfen. Wahnkranken blieben derartige Behandlungsmethoden erspart!

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Interessante Therapie-Ansätze gab es im Altertum: Priester beeinflußten in ehrfurchtheischender Umgebung, durch Simulierung geflüsterter göttlicher Botschaften, das Seelenleben hilfesuchender Menschen.

Unter Verzicht auf medikamentöses Geisterschlucken oder müßiges „Geh-hin-sieh-nach-Spiel“ ist jedenfalls eine gesprächsweise Bearbeitung zu empfehlen, nachdem sich die Geister schon die Mühe machen, in unserer Sprache zu sprechen. So dumm, Menschen, die Stimmen hören, medikamentös zu behandeln, quasi chemisch zu liquidieren, hat sich noch kein Zeitalter diesen Phänomenen genähert. Die sich um solche Erscheinungen rankenden Riten angeblich primitiver Völker muten im Vergleich an wie Lichtblicke in der Polarnacht!

Mehr Respekt in der Begegnung mit uralten Seelenmächten wäre angebracht, vermochten sie auch manchem Psychiater und anderen, die sich das vorher nicht hätten träumen lassen, das magere Bewußtseinslicht auszublasen!

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Die Seele hat mit dem Menschen Lesen und Schreiben gelernt und ist zur Kommunikation nicht auf „Stimmenhören“ beschränkt. Heilige Bücher berichten von „Schriften an der Wand“. Wahnerleben fordert zum Lesen phantasierter Schriften auf. Die Größe des Erlebens hilft der Seele freilich nicht, von der Zivilisation einzementierte Tabus aufzubrechen. Phänomene des Stimmenhörens etc. werden weiterhin für mechanisch zu behandelnde Krankheiten gehalten!



                 Kreuzweg der Psychose

Spiegel der Gesellschaft

Im Karneval trägt der Mensch eine Maske aus Pappe auf seiner Larve, so ein französisches Sprichwort. Wer an einer Psychose erkrankt, legt auch die Larve ab und verliert sein soziales Gesicht. Er erhält es nicht zurück, selbst wenn er seine Larve fortan besonders sorgfältig aufsetzt.


Es gibt Spiegel, in die man gerne schaut („Spieglein, Spieglein an der Wand...“), und es gibt Spiegel, in die sieht keiner, selbst wenn sie direkt vor die Nase gehalten werden. Solch ein Spiegel ist die Psychose. Sie bildet die Gesellschaft ab, die das nicht einmal bemerkt! Psychose und Irrenhaus sind für viele etwas hinter dem Berg, wo noch keiner war. Wie unter dem Brennglas spiegelt Psychose die gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Misere, das ganze kollektive Wahnverhalten wider. Seit geraumer Zeit wird die Zukunft bestohlen und beispielloser Raubbau an Mensch, Tier und Pflanze betrieben, in sinnloser Ersatzbefriedigung für fehlende Wärme, vermißte Geborgenheit, unbefriedigte Sexualität.

Wer in den Spiegel der Psychose schaut, mag nicht glauben, daß er in das abstoßende Gesicht der Menschheit blickt. Über Generationen unterdrückte Gefühle explodieren, eine unbeherrschbare Springflut an Gedanken überschwemmt das Bewußtsein. Zu viele Generationen bedienten sich bei der nächsten; die Letzten beißen die Hunde, respektive die Psychosen! Dies insbesondere, wenn fehlende Kinder oder zu tretende Untergebene die Weitergabe ererbter, aufgestauter, ohnmächtiger Wut verhindern.

Die Psychose spiegelt Wahninhalte jener Religionen und Kulturen wider, die blühende Gemeinwesen in Leichenhallen verwandeln, Leben auf Friedhöfen versprechen, Menschen mit selbstschädigenden Geboten einsperren, natürliche Lebenstriebe deformieren, Liebe und Sexualität, die Menschen heilig sein müssen, mit Schmutz bewerfen.

All das, was an Triebverzicht und ‑verdrängung über Generationen geleistet werden mußte, quillt nicht mehr beiläufig als Unrat gesellschaftlicher Perversionen hervor, sondern verselbständigt sich in der Psychose und überwältigt ihre Träger.

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In der Psychose begegnen Betroffene entfesselten Kräften einer uralten Welt. Die Seele verfügt über unbeschränkte Vorstellungskraft, nichts ist unmöglich! Eine Ahnung mag vermitteln, was Großträume ins Wachbewußtsein mancher Menschen spülen.

Angesichts übermächtiger Seelenbilder und innerlich tobender Gewalten wird der Alltag unbedeutend und klein: ungezähmte Wildwasser, ertränkende Strudel, ergreifende Springfluten, verschlingende Erdspalten, breitflüssige Muren, zerstörungswütige Erdbeben, sengende Feuersbrünste, verzehrende Glutherde, feuerspeiende Vulkane, vernichtende Wirbelstürme, todbringende Anziehungskräfte, zerstörerische Riesenlawinen, irrgartenartige Gletscherbrüche, wuchernde Pflanzen, archaische Urtiere, furchterregende Einaugen, titanische Riesen, ungebändigte Technik, außer Kontrolle geratende Maschinen, tödliche Starkstromleitungen, gigantische Explosionen, entsetzende Kriegsgreuel, endzeitliche Atomkriege, kilometerhohe Plattformen, ziellose Raumschiffe, übermächtige Verfolger, kämpfende Götter, abstürzende Planeten; all das und noch vieles mehr macht Wahnkranke zum mutwilligen Spielball der Urkräfte.

Wahnhaft verzerrtes Erleben beeinflußt Körperempfindungen! Wahnkranke nehmen ihre Körper verändert wahr, halluzinieren Gerüche, fühlen sich als Riesen oder Zwerge, werden schwerelos oder bleischwer, laufen heiß bis hin zu Gefühlen des Verbrennens, erkalten bis zur völligen Erstarrung, erleben sich rasend motorisch, aber auch völlig kraftlos, glauben an Personen festzukleben, Gegenstände abzustoßen... Sie erfahren völlig andere Dimensionen von Zeit und Raum und bedürfen keiner massenpsychotischen Aufarbeitung solcher Phänomene in Science-fiction-Darstellungen wie die Normalbevölkerung.

Es scheint, als stiegen in uns selbst Wahn- und Rachegeister auf, weil wir die Erde berauben, gegen natürliche Kräfte leben und nicht erneuerbare Schätze verschleudern. Wir haben verlernt mit dem Wind zu treiben, auf Flüssen zu gleiten und natürliches Licht oder naturhafte Wärme zu nutzen. Stattdessen wird verbissen gegen organisch gewachsene Kräfte gesteuert, mit Naturschätzen, die unnatürlich erschlossen und verbraucht werden.

Psychosen führen an die Schwelle einer fremden Welt, an die auch Sterbende gelangen! Sie warnen als geistiges Fegefeuer vor der Fortsetzung dessen, was gute Menschen in bester Absicht sich selbst und anderen, Mensch, Tier und Pflanze, ja der Erde tagaus tagein antun. Eine lebendige Mahnung, daß nicht alles und jedes straflos verbrochen werden kann und wir uns vor der Rache einer jenseitigen Welt, außerhalb der uns zu Lebzeiten zugänglichen Realität, fürchten sollten.

Die ungeheure Menge an verdrängtem Seelenmaterial entlädt sich in der akuten Psychose, malt unverständliche, wirre Seelenbilder! Archaisches, Erlebtes und Phantastisches brechen so sintflutartig ins Bewußtsein ein, daß weder Betroffene, geschweige denn wenige Minuten hierfür erübrigende Psychiater, sich ausreichend damit beschäftigen können.

Mit dem bißchen aufgesetzte Kultur gehen die Urmächte der Psychose wenig feinfühlig um. Das Gehirn bekommt Durchfall und erbricht den lebensfeindlichen Schwachsinn, der über Erziehung und Vererbung durch die Generationen gereicht wird. Verlogene Kultur und bestehlender Glaube werden rücksichtslos ausgeschissen. Das kann angesichts lebenslangen Sammelns natürlich dauern!

Die Urnatur holt ihre Kinder zurück, die sie Familie, Gesellschaft und Religion nicht mehr anvertrauen mag. Es ist kein Zufall, daß Psychosen insbesondere fromme „Wahrheiten“ und sexuelle Umgangsformen zerfetzen. Sexualität soll in die Zukunft transportieren; stattdessen wurde sie religiös und kulturell bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet.

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Das innere Universum ist nicht weniger unendlich als die äußere Welt, die wir unmittelbar vor Augen haben und die einzige wähnen. Die Quantenphysik hat jenen Baustein, der lange Zeit als innerster galt, das Atom, zertrümmert. Winzige Energieteile, sogenannte „Strings“, sollen als kleinste Bauteile die Materie ausmachen und untereinander energetischen Austausch pflegen. Sie werden das Schicksal des Atoms teilen und nur Plattform neuer Forschungs-Vorstöße sein.

Kant wies nach, daß die für gültig gehaltene Realität auf inwendigen Annahmen beruht, die uns Sensationen und Wahrnehmungen ordnen und katalogisieren lassen. Innere Naturgesetze erschaffen die vorgestellte Welt aus der Datenvielfalt, die uns Sinnesorgane vermitteln. Einstein hat die von Geschwindigkeit abhängige Relativität von Zeit und Raum postuliert. Warum sollte es keine grenzenlose Kollektivseele geben, die anderen Gesetzen von Zeit und Raum folgt, als sie das Tagleben kennt, und alle Lebewesen, alle Materie energetisch verkettet?

So darf die Erschütterung gültiger Annahmen nicht wundern, sobald archaische Mächte in uns nur husten. Wer die Existenz einer Seele leugnet, wird zumindest nicht bestreiten, daß ältere Gehirnschichten auf ihre Weise mächtig sind, mögen sie noch so archaisch und primitiv erscheinen. Es muß kühnsten Rationalisten zu denken geben, daß Menschen harmlose Tiere fürchten oder völlig ungiftige Pflanzen zu lebensbedrohlichen Allergien führen.

Obwohl aller Umgang miteinander, alle bewußte Orientierung, alles Erinnern, alles über Generationen gesammelte ererbte oder weitergegebene Wissen, ja alle Kulturleistung schlechthin nur hauchdünne Hülle einer in jedem einzelnen Menschen urmächtigen inneren Welt sind, wird sie kaum ernst genommen. Zarteste Erschütterungen dieses inneren Erdkreises bringen all die verwegen befestigten Gedankengebäude so mühelos und schnell zum Einsturz, wie ein Festplatten-Virus, der Bildschirm-Darstellungen in Lichtgeschwindigkeit zusammenfallen läßt.

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Was könnte mehr ängstigen, in einer sich so rational gebärdenden und durch messerscharfe Logik die eigenen Lebensquellen verschüttenden Welt, als das von psychotischem Erleben transportierte Chaos Wahnkranker?

Dabei ist Psychose von innen, aus der Sicht Wahnkranker betrachtet, logisch. Wahnkranke Menschen verhalten sich innerhalb der von ihnen vorgestellten Welt nicht weniger vernünftig und folgerichtig als andere. Wem halluzinativ Gefahr durch Naturgewalten droht, entflieht diesen, wer sich von phantasierten Tieren angegriffen glaubt, schreit und schlägt zur Abwehr der Gefahr wild um sich. Manche glauben, die ganze Menschheit retten zu müssen; entsprechend vorgestellte Gefahren legen dies nahe! Vielleicht ist solche Notwendigkeit von der Realität weniger weit entfernt als viele mutmaßen?

Dritte, die weder bedrohliche Naturgewalten noch wilde Tiere sehen, können dieses Verhalten freilich nicht verstehen, glauben sich angegriffen und werden es mitunter auch. So verhalten sich alle Beteiligten auf ihre Weise logisch, mit Ausnahme der Psychiatrie, die ohne Beachtung innerer Zusammenhänge Wahnkranke als zerfahren, desorientiert, abgehoben usw. beschreibt.

Die Psychose bedient sich der Kräfte äußerer Gesetzmäßigkeit und bezwingt nicht selten Menschen durch Vernunft, Folgerichtigkeit und Beweise. Zur wirklichen Gefahr wird Irrationalität jenseits der Psychose, im ganz normalen Alltag, wenn sie sich unerkannt als verläßliche, logische Kraft andienert und auf ihre Weise Glaubenssätze speist oder Ideologien durchdringt. An dieser Stelle wird sie jedoch selten bearbeitet und kaum bekämpft!

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Psychotische Schübe bilden sich selbst zurück, vorausgesetzt Wahnkranke werden nicht aus ihrer gewachsenen sozialen Umgebung gerissen und so viehisch behandelt wie bis zum heutigen Tag. Innere Reisen führen nicht nur in seelische Gefangenschaft auf Zeit, wie Mythen unserer Vorfahren berichten, sondern in psychiatrische Gefangenschaft auf Dauer.

Flußfahrer fürchten weniger natürliche Gefahren der Wasserwege, wie Stromschnellen oder Hochwasser, als künstlich geschaffene Bedrohungen, wie Verbauungen oder Einleitungen. Geradeso verhält es sich bei Seelenreisen! Natürliche Schrecken der Psychose nehmen sich klein aus gegen die künstlichen Greuel psychiatrischer „Behandlungen“.

Die scheinbare Irrationalität der Psychose erlebt ihr Gegenstück in der unerkannten Irrationalität ihrer Behandlung. Wehrlose Wahnkranke werden neuzeitlichen Folterungen wie Elektroschock, gehirnchirurgischen Maßnahmen oder Neuroleptika-Behandlungen ausgesetzt. Solche „Heilungen“ minimieren jedoch nur ärgerliche Betriebsstörungen im gesellschaftlichen Alltag, schützen ganz normalen Wahnsinn dieser Tage, bewahren die Gesellschaft davor, ihre Häßlichkeit im Spiegel der Psychose zu schauen und erlauben einem renommierten Täterkreis strafloses Ausleben unzähliger Perversionen.

Gerade in der scheinbaren Rationalität sogenannten modernen Lebens äußert sich die ganze irrationale Macht, wird die dunkle Seite des Lebens erfahren. Verbrecherisch gewordener Forscher‑ und Wissenschaftsgeist zwingt mit Gesetzen der Logik zur Selbstdemontage, zur Selbstzerstörung, ja zur Vernichtung unserer Lebensgrundlagen, individuell und kollektiv!

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Der Ver-rückte, vom Hofnarr bis zum Dorfdepp, war nicht zu allen Zeiten widerwärtiges, gesellschaftlich ausgegrenztes Anhängsel, sondern facettenreicher Bestandteil des öffentlichen Lebens. Bizarre Persönlichkeitsstrukturen trugen auf ihre Weise korrigierend zum Gemeinwesen bei. Wahnerkrankungen bildeten sich über die alles heilende Zeit zurück!


Kuriose Charaktere mußten verbliebenen Humor nicht immer damit verschwenden, Fixierungen, Elektroschocks, gehirnchirurgische Eingriffe, Neuroleptika-Spritzen oder gleichermaßen begnadete Behandlungsformen lustig zu finden.



Grenzfälle

In der sogenannten Grenzfallpsychose prallen innerseelische Gegensätze nicht minder unversöhnlich aufeinander! Erbgut und Umwelt, über Generationen überlieferte, untragbare familiäre und gesellschaftliche Lebensformen stellen an Grenzfall-Psychotiker oder Borderline-Patienten in der inneren und äußeren Welt Forderungen, die zu erfüllen kein Gott imstande wäre.

Wer den Inhalt, den eine handfeste Psychose ausmacht, nicht konkret erlebt, sondern nur träumt, besitzt ein Beobachter- oder Grenzfall-Ich und gilt als sogenannter Borderline-Patient der Psychiatrie als halb ver-rückt. Freundliche Psychiater hängen das Beobachter-Ich in Lehrbüchern dem Kapitel „schwere Neurosen“ an, während feindlich gesonnene Nervenärzte es als Grenzfallpsychose bei den Geisteskrankheiten anschwärzen.

Das Beobachter-Ich wird zu Unrecht diffamiert. Betroffenen bedeutet es Hilfe in höchster Not! Wer stellt sich schon freiwillig in geträumte Springfluten, Riesenlawinen, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Feuersbrünste, Wirbelstürme usw., wenn er eine seelische Fluchtburg besitzt?

Grenzpsychotisches Erleben weist einen entscheidenden Unterschied zur akuten Psychose auf. Das Bewußtsein rettet sich im Traum mit einem Kunstgriff aus tödlicher Gefahr. Es spaltet sich sozusagen vom Erleben ab und zieht sich auf eine Beobachterposition zurück in der Hoffnung, eine Erklärung für das stürmische Erleben zu finden und die inwendigen Gewalten zu besänftigen. Sorgsam wird beobachtet, wer und was sich in der Seele breit macht und unzulässig Raum beansprucht.

Klug ist der Rückzug auf einen Beobachterstandpunkt nicht nur bei entfesselten Naturgewalten, sondern auch auf der Flucht vor vernichtenden Verfolgergestalten, die Träumer gnadenlos so lange durch die seelische Nacht jagen, bis diese herausgefunden haben, daß es das eigene ungelebte Leben ist, daß es bestohlene Generationen sind, die sie verfolgen (siehe „Verfolgungswahn“). Manche Menschen fliehen bis in den Alltag hinein. Höchste Unruhe und ständige Augenbewegungen signalisieren Riesenängste vor unbewußtem Erleben. Irgendwann wird der Ausbruch einer Psychose unausweichlich!

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Beim Beobachter-Ich handelt es sich um ein normales, durch seelisches Erleben geschwächtes Ich. Werden äußere und innere Lebenssituation untragbar und das Ich weiter entmachtet, weicht es nicht mehr auf eine Beobachterposition aus, sondern flüchtet entweder nach innen, in äußerlich fast unangreifbaren Autismus (ichbezogene, teilnahmslose Flucht in die eigene Phantasiewelt) oder nach außen, in die Psychose. Nichts fördert diesen Mechanismus erfolgreicher als psychiatrischer Heilungs- und Behandlungswahn.

In beiden Fällen gerät das Ich immer tiefer in die Gewalt innerseelischer Mächte und ist von außen kaum noch ansprechbar. Die innere Welt, mit der es sich auseinanderzusetzen hat, läßt äußere und innere Realität verschwimmen: fesselnde Urmenschen, reißende Tiere, undurchdringliche Pflanzengefängnisse, einstürzende Gebirge, unkontrollierbare Riesenmaschinen und all das, was sonst eine Psychose ausmacht.

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Wer Märchen zu lesen versteht, erkennt deren wichtigste Botschaft: Mahnung und Warnung längst vergangener Generationen vor der Macht des Unbewußten. Zeitgenössischer, unterhaltsam aufbereiteter Film‑ und Theaterstoff befaßt sich gelegentlich mit denselben unbewußten Ängsten, ohne sich darüber klar zu sein. Im Theaterstück „Little Shop of Horrors (Kleiner Horrorladen)“ kommt eine Pflanze auf den Geschmack von Menschenblut und läßt sich, immer gefräßiger werdend, damit füttern. Während sich über den vor schwarzem Humor triefenden Inhalt des Bühnenwerks gut lachen läßt, erzählt das Stück in Wahrheit, wie leicht uns Vegetatives, Pflanzliches, das Unbewußte schlechthin, gefräßig verzehren kann...

Was uns Science-fiction-Themen als Zukunft andrehen, sind hochtechnisch verunstaltete archaische Inhalte des Unbewußten, die aufgrund dramatisch wuchernder Film‑ und Video-Produktionen als kollektive Grenzfallpsychose gedeutet werden müssen. Massenpsychotisches Erleben wird in der westlich orientierten Welt nicht mehr lange auf sich warten lassen und, streng genommen, ist der Anfangszustand bereits erreicht.

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Ist das Beobachter-Ich zur Mitteilung über innere Vorgänge nicht mehr fähig oder willens, wurde vermutlich zuvor versucht, den Patienten mit viehisch-bestialischen Behandlungsmethoden zu „heilen“. Betroffene ziehen sich fortan in die innere Emigration zurück. Natürlich hält die Psychiatrie für dieses Verhalten wieder unzählige Krankheitsbilder bereit.

Manchmal gelingt es, Kontakt herzustellen! Dies ist geduldigen Psychiatern zu verdanken, die jahrelang warten, bis sich in seelisch Schwerkranken wieder Fenster nach außen öffnen und bewachende Seelenmächte sie allmählich freigeben. Vorsichtig kehren sie aus innerer Gefangenschaft zurück und beginnen zu sprechen. Mitarbeiter der traditionell behandelnden Psychiatrie sind hiervon seelische Lichtjahre entfernt.



Exogene und endogene Psychosen

Bei der Einteilung von Psychosen in exogene, durch äußerliche Einflüsse begründbare, und endogene, durch innere Ursachen entstehende, folgt die Psychiatrie konsequent ihrem System kreativer Sprachverwirrung.

Exogene Psychosen werden bei Heilbehandlungen privilegiert. Als entschuldbare Geisteskrankheiten, die sozusagen jedem passieren können, werden sie für heilbar gehalten, ohne den Delinquenten umzubringen. Wirklich Ver-rückte leiden hingegen unter endogenen, inneren Ursachen folgenden Geisteskrankheiten. Bei ihnen funktioniert das Gehirn nicht so, wie das die Psychiatrie von der Schöpfung erwarten darf. Betroffene werden mit Arzneien und Therapien „geheilt“, die weit schlimmer sind als die Krankheit!

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Wen Alkohol- oder Suchtmittelkonsum auf die Geisterbahn der Psychose schicken, hat gute Aussichten. Die Alkoholpsychose erfreut sich in der Säufergesellschaft hoher Akzeptanz, wird der exogen begründbaren Familie zugerechnet und gilt mit Hilfe von analytischen Gesprächen als heilbar.

Zum Ausgleich trifft die als endogen mißverstandenen Psychosen die ganze Härte psychiatrischen Strafvollzugs. Während vorgegeben wird zu heilen, werden die Betroffenen grausam eingesperrt und mechanisch, medikamentös oder sonstwie außer Gefecht gesetzt!

Mit endogenen Psychosen hat die Psychiatrie ihre liebe Not! Dies, obwohl gründliche Nachforschung durchaus äußerliche Auslöser zutage förderte, wie den Tod naher Verwandter, das Ende einer Liebesbeziehung oder zerbrochene Zukunftsträume. Psychiatrie führt vom System her zu Gefühlsverarmung! Man denke nur an psychiatrische Beobachtungsstationen oder „Trockenzellen“-Experimente, wie jene im Strafvollzug Straubing, Niederbayern (siehe unten). Einer sachgerechten Ursachenforschung fehlt das notwendige Mitgefühl.

Weniger Ferndiagnostik und Beobachtung, jedoch mehr zwischenmenschliche Gespräche und Anamnese (Vorgeschichte einer Krankheit nach Angaben des Kranken) führten zur Erkenntnis, daß einer enttäuschten Liebesbeziehung oder anderen Ursachen der Ausbruch einer Psychose nicht auf dem Fuße folgen muß. Auslösende Erlebnisse fressen sich mitunter über Jahre und Jahrzehnte an die Seelenoberfläche. Erst dann bricht sich psychotisches Erleben die Bahn. Umgekehrt könnten bei äußerlich begründbaren Psychosen Wahnvorstellungen kaum ins Bewußtsein gespült werden, wären sie nicht latent vorhanden!

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Manchmal müßte die Psychiatrie zur Ortung äußerer Ursachen für endogen gehaltene Psychosen nicht weit gehen. Straubinger Häftlinge, die ihre Zellenwände beschmierten, auf den Boden spuckten oder nicht den richtigen Umgangston zum betreuenden Personal fanden, hielt die gefängnisinterne Psychiatrie für gehirnkrank. Jedenfalls diente dieses Verhalten der Begründung von Experimenten in der Todeszone sogenannter Trockenzellen, über die noch zu berichten sein wird.

Wir lassen offen, ob so geringfügiges Fehlverhalten die Annahme einer Psychose rechtfertigt und fragen nach möglichen äußeren Ursachen. Offenbar war Straubinger Psychiatern ein Gefängnisaufenthalt die normalste Sache der Welt. Andernfalls hätten sie erkannt, daß manche Gefangene zu Irren hinter Gittern werden und äußerliche, durch den Einschluß begründbare, Psychosen diagnostiziert. Die Psychiatrie befindet sich insoweit im Einklang mit der Volksseele, die in regelmäßigen Abständen vermeldet, daß es Gefängnisinsassen in gemütlichen Vier-Quadratmeter-Zellen schon besser hätten als die Menschen draußen. Was sollte begrenztem Verstand also die äußere Ursache für eine als endogen eingestufte Psychose begründen?

Das psychiatrische Kompetenzdefizit beklagend schlagen wir vor: Psychiater sollten sich grundsätzlich durch eigenes Erleben sachkundig machen, insbesondere Trockenzellen vor der Inbetriebnahme durch persönliche Medikamenteneinnahme und eigenen Wasserentzug testen. Dann wüßten sie wieder, was man Menschen nicht antun darf und darüber hinaus, was exogene Ursachen sind.

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Akut Wahnkranke können zur Anamnese wenig beitragen und ihren Anspruch auf eine exogene Variante ihrer Psychose nicht überzeugend vortragen. Ihre Wahnerkrankung bleibt unerklärlich und wird zur endogenen Gehirnkrankheit verdammt. Das freut die endogenen Psychosen, die ungern aussterben möchten und an ihrer standesgemäßen Vermehrung im Rahmen des medikamentös-psychiatrischen Ansatzes interessiert sind!

Der gehirnorganische Erklärungsansatz der Geisteskrankheit nimmt Staatswesen und Psychiatrie unzählige Probleme ab, von der Anamnese über die Diagnose bis hin zur Therapie. Ein gutes Geschäft für die Beteiligten, von der Pharmaindustrie bis zum Irrenhaus, ist es obendrein!

Was zur Betreuung wahnkranker Menschen langfristig wahre Herkulesarbeit erfordern würde, erledigt kurzfristig sauber und vorzeigbar dreimal täglich Haldol (schweres Neuroleptika zur „Behandlung“ von Psychosen, eingesetzt bei Mensch und Tier). Wahnkranke können während der Behandlung in distanzierenden Beobachtungsstationen aufbewahrt werden. Aufwendige, zeitweise nicht ungefährliche direkte Begegnungen bleiben erspart. Dieser Tage zählen nur Kurzzeiterfolge, selbst wenn es sich dabei um einen frühen Tod handelt!



Populäre Wahnformen

Verfolgung

Jemand sieht sich ständig um, sichtlich verstört, obwohl weit und breit niemand zu sehen ist. Ein anderer interpretiert völlig neutrale Ereignisse als konsequente Versuche zu seiner Vernichtung. Einem Dritten ist es unmöglich, die Zeitung zu lesen, ohne den Inhalt in irgendeiner Form gegen sich gerichtet auszulegen. Diagnose: Verfolgungswahn!


Das auf medikamentösem Aberglauben beruhende psychiatrische Krankheitsbild, das Verfolgungswahn zur heilbaren Stoffwechselstörung erklärt, ist uns zu einfach. Wir forschen nach ernsthaften Ursachen! Wie konnten Verfolgungsängste ihre Wurzeln so tief in die Seele betroffener Menschen graben?

Fangen wir bei Adam und Eva an: Unsere Tier‑ und Menschenahnen taten gut daran, sich verfolgt zu fühlen, denn an Feinden fehlte es nicht. Wer die Befürchtung, bedroht oder verfolgt zu sein, nicht auf unzählige Situationen übertrug, dürfte seine Erbmasse kaum erfolgreich weitergegeben haben. Was die jüngere Menschheitsgeschichte berichtet, macht auch nicht gerade Mut. Im Prinzip jagte jeder jeden: Der Mensch ist des Menschen Wolf! Die Psychiatrie sollte in Geschichtsbüchern blättern statt Gehirnschichten abzutragen.

Offenkundig hat Verfolgungswahn seinen Grund in tiefem, über Generationen aufgebautem und weitergegebenem Mißtrauen. Das erklärt noch nicht, warum der eine den Glauben an die Menschheit behält, während der andere ihn verliert durch Mißtrauen und Verfolgungsängste seiner inneren Welt.

Menschen sind nicht gleich, in Herkunft, in Lebensumständen. Alles, zwischen sich ständig verfolgt fühlen und höchster Sorglosigkeit ist möglich. Bestehen über Generationen ungünstige Lebensverhältnisse, werden Verfolgungsängste über Erbgut und Erziehung weitergegeben. Dabei können Bedrohungen subtiler sein, als die Medikamentenpsychiatrie sich das vorstellt. Um was wurden Menschen nicht schon betrogen?

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Verfolgungswahn ist nach Eintreffen im Irrenhaus leicht heilbar. Wahnkranke sind lediglich davon zu überzeugen, daß ihr Verfolgungswahn überflüssig wurde. Der Wahn ist Wirklichkeit geworden, von nun an werden sie flächendeckend verfolgt!

Innerhalb psychiatrischer Hallen genügen geringe Abweichungen vom Normverhalten für heilende Verfolgung. Verbaler Warnschuß der Stationsschwester: „....sonst setzt es eine Spritze!“ Entkommen Wahnkranke, werden sie „helfend“ und gegebenenfalls unter Bemühung der gesamten Staatsmacht gejagt: „Der 46‑jährige A, bekleidet mit blauer Hose und weißem Hemd, irrt hilflos umher und bedarf dringend ärztlicher Hilfe.“ Im Klartext: „Uns ist ein Irrer entkommen. Es wird gebeten, beim Wiedereinfangen behilflich zu sein, damit wir ihm die Spritze geben.“

Unter milden Formen von Verfolgungsängsten leiden viele. Wem sie zum Wahn werden, der verdankt das vernichtenden Verfolgergestalten im Unbewußten. Niemand kümmerten Verfolgungsängste, beschäftigten sich Betroffene ausschließlich selbst damit. Akut Wahnkranke übertragen allerdings Verfolgungsängste auf Dritte und fühlen sich von ihnen verfolgt und zwar in Situationen, die dies keineswegs nahelegen, und gegenüber Menschen, die ihnen nichts Böses wollen. Es kommt noch schlimmer: Im akuten Erleben der Psychose können auch die Seiten wechseln: Verfolgungswahn überwältigt Wahnkranke, die ihrerseits Verfolger spielen und Mitmenschen jagen.

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Die Psychiatrie hat Verfolgungswahn nicht erfunden, macht sich aber um Vertiefung durch Heilung verdient:

Pharmazeutisches Heilverfahren
Der Fortschritt der Pharmazie eröffnet kühne Schnellheilungs-Perspektiven. Psychiatrische Wunderheiler verabreichen Pillen, lassen Verfolgungswahn wegschlucken. Wunderheilungen, die nicht wundern sollten. Geheilte sind außerstande, mit verbliebenem Verfolgungswahn Dritten auf die Nerven zu gehen, da sie sich vor Nebenwirkungen kaum auf den Beinen halten können. Sie werden zu geistigen und körperlichen Pflegefällen.


Nicht anders als Heroin & Co., stopft die Psychiatrie Löcher der Seele mit als Medikamenten maskierten Drogen; jeweils bis zum nächsten Schuß! Obwohl die Heilmittel gut verträgliche Namen tragen, ruinieren sie Körper und Geist nicht weniger als illegale Suchtmittel. Allerdings wird dem erwirtschafteten Gewinn eine erfreulich ärztliche Richtung gegeben, die Pharma-Lobby geht beim Drogengeschäft nicht länger leer aus.

Psychoanalytisches Heilverfahren
Psychiater wissen, daß die Medikamentenpsychiatrie falschen Fährten folgt und erzielbare Einkünfte wie Sargdeckel auf Irrenhäusern ruhen. Im Rahmen bescheidener Möglichkeiten bemühen sich manche bei Verfolgungsängsten und Verfolgungswahn um gesprächsweisen Heilungsansatz.


Der Gesprächsfaden führt bei Verfolgungswahn bis zur Vertreibung aus dem Paradies. So sind Widerstände des Wahnerlebens bei Analytikerstunden zum kalkulierten Selbstkostenpreis von 70 Euro aufwärts kaum zu knacken. Im Irrenhaus ist es nicht anders als im richtigen Leben: Ein Auto, das reparierbar wäre, aber dessen Reparatur zu viel kostet, ist nicht total kaputt, sondern endgültig hin. Was des Autos wirtschaftlicher Totalschaden ist, heißt beim Wahnkranken „Behandlungsresistenz“. Die Psychiatrie hält Betroffene der Einfachheit halber für nicht therapierbar. Sie stellt sich damit den Persilschein aus, es sei nicht ihre Schuld, wenn die Instandsetzung wahnkranker Menschen wegen faktischen Totalschadens nicht lohnt.

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Das Lebens‑ und Veränderungstempo beschleunigt sich weltweit: weiter, höher, schneller! Das legt die Vermutung nahe, die christlich-abendländisch geprägte Menschheit fühlt sich kollektiv verfolgt. Diesem Verfolger durch höheres Lebenstempo zu entkommen, wird vergebens gehofft. Die Begegnung mit der Verfolgergestalt ist unausweichlich und wird sich eines Tages in massenpsychotischen Erscheinungen ungeahnten Ausmaßes zeigen. An Vorboten fehlt es indes nicht!



Vergiftung

Die Behauptung Wahnkranker, sie würden von Verwandten, Freunden, Nachbarn u.a. vergiftet, beruht auf Vorgaben ihrer inneren Welt und ist regelmäßig falsch. Beziehen sie sich dabei auf Wälder und Felder, Wasser und Luft und äußern, alles sei vergiftet, haben sie ungewollt recht. Warum sollte Wahnerleben nicht auf seine Weise, mit authentischen Mitteln einer inneren Welt, auch darauf aufmerksam machen?

Die Giftliste, die wir auf Nahrungsmittel-Verpackungen lesen, wird immer länger. Obst und Gemüse werden so oft gespritzt, daß man rätselt, ob sie nun außen oder innen giftiger sind. Wer Wassergenuß ohne keimtötenden Chlorzusatz überlebt, ist ein Glückspilz. Weltweit gibt es kaum ein Gewässer, in das nicht einer pißt oder kackt, Gülle einleitet oder es mit Industrieabwässern anreichert! Nie wurde mehr sauberes Wasser verunreinigt, um sich persil-sauber oder ariel-rein zu fühlen. Die Atemluft unserer Wohnhöhlen weist weltrekord-verdächtige Giftwerte auf!

Wer realitätsferne Vergiftungsängste äußert, behält durchaus recht! Im Dritten Reich mischten Psychiater während der Euthanasieprogramme Heilanstalt-Insassen Gift ins Essen, damit die Verköstigten den Volkskörper nicht länger vergiften konnten. Heute werden Wahnkranke weniger auffällig vergiftet: durch Nebenwirkungen zwangsweise zu konsumierender Medikamente!

Vergiftungswahn existiert auch seitenverkehrt: Viele Zeitgenossen leiden unter dem Wahn, Lebensmittel seien unbedenklich genießbar und schmeckten nach etwas. Wer hingegen argwöhnt, sie seien verseucht, gilt als krank und behandlungsbedürftig. Die Heilung wird der Psychiatrie überlassen, die in Fragen des Behandlungsgeschmacks nicht minder verwirrt ist als das delegierende Kollektiv. Zum Nachweis wurden eingangs einige Geschmacksproben aus dem reichhaltigen Fundus psychiatrischer Behandlungsmethoden vorgelegt.



Größenwahn

Größenwahn läßt Menschen sich für Napoleon halten, den amerikanischen Präsidenten, eine Filmdiva, den Papst, eine Operngöttin oder sonst bedeutende Persönlichkeiten. Manche halten sich für übermächtig, unermeßlich reich oder das größte Genie der Weltgeschichte. Andere halten Erfolge nicht aus und nehmen sich wichtiger als sie sind. Nicht umsonst wurden siegreiche römische Heerführer beim Triumphzug in Rom von ständigen Einflüsterungen begleitet: „Vergiß nicht, daß du kein Gott bist!“ Die Ursachen sind einfach aufzuspüren. Wer in Minderwertigkeitsängsten ertrinkt, wird in solch realitätsfremden Vorstellungen seinen Rettungsanker finden.


Die innere Welt hält wahnkranke Menschen zum Narren und stattet sie mit Vorstellungen aus, die ihnen in der Außenwelt nicht zukommen. Wir sehen milde über derlei menschliche Schwächen hinweg und beanstanden nur größenwahnsinnige Religionen, die göttliche Unfehlbarkeit für sich in Anspruch nehmen, wenn dies angesichts unzähliger Irrtümer nicht einmal der Schöpfer selbst tun würde.



Unerklärliche Krankheiten

Ver-rückte Leiden

Epilepsie, Phobien, Alzheimer, Parkinson, Autismus, Multiple Sklerose, Krebs, Burn-out-Syndrom: Menschheitsgeißeln am Scheideweg zwischen Körper, Seele und Geist. Die Komplexität dieser Krankheiten verschleiert ihren seelisch-geistigen Anteil, während ihre leichter nachweisbaren körperlichen Abnormitäten dazu verleiten, sie rein stofflich zu deuten und zu behandeln.

Nicht wenige unerklärliche Krankheiten beruhen auf sonderbar veränderten, außer Kontrolle geratenden Zellfunktionen, für die der Begriff „Verwirrung“ in Betracht kommt. Warum sollte Wahnerleben nicht im Kleinsten und Innersten bewirken, was es, den Menschen insgesamt erfassend, im Großen an Mächtigkeit beweist? Die Kräfte der Psychose werden innen, in der Verdrängung, punktuell zerstörerisch wirksam.

Seelische Erkrankungen werden noch weit tragischere Krankheiten verursachen und unerklärlichere Rätsel aufgeben müssen, bis sie als Kommunikationsangebot einer mächtigen Urseele wahrgenommen werden. Die Psyche kommuniziert in der Sprache der Krankheit auf sehr schmerzhafte und fatale Weise!



Epilepsie

Gewitter im linken Schläfenlappen werden heute als Epilepsie, Unterform der Geisteskrankheit, behandelt, während sie dem Altertum als „heilige Krankheit“ galt. Der auf der Reise nach Damaskus vom Blitz getroffene Saulus litt unter solchen Unwettern und wandelte sich zu Paulus. Die Stimmen, die Johanna von Orleans vernahm, werden mit epileptischen Anfällen in Zusammenhang gebracht.

Bei Epilepsie ist die Nähe zur Psychose spürbar! Psychiater ordnen epileptische Anfälle einseitig körperlich nachweisbaren Ursachen zu und behandeln sie entsprechend, bis hin zur Entnahme von Gehirngewebe. Wer epileptische Anfälle beobachtet, wird eine im Zeitraffer ablaufende Psychose, einen sich in Sekundenschnelle abspielenden, psychotischen Schub nicht verneinen können.

Gewaltig sind die Kräfte, die sich des Epileptikers bemächtigen! Persönlichkeitsfremde Kräfte packen Betroffene und bewegen sie wie Puppenspieler ihre Puppen. Epileptiker halluzinieren Gerüche, nehmen eigene Körper verändert wahr: größer, kleiner usw. Epilepsie heizt Körper auf, Eisbäder müssen sie kühlen, führt zu tagelanger Körperstarre, aus der Kranke wie aus einem Totenschlaf erwachen. So unheimlich sie kommen, so unerklärlich bilden sich epileptische Anfälle gelegentlich zurück.

Gleichartig an Psychose und Epilepsie ist, daß sowohl der epileptische Anfall (über jeweils kurze Zeiträume) als auch der psychotische Schub (über längere Zeitabschnitte) Erkrankte niederwirft. Derselbe „Stoff“ meldet sich zu Wort, in Halluzinationen und Wahnwahrnehmungen der Psychose einerseits, in epileptischen Anfällen andererseits: destruktiv verformte, verdrängte geistig-seelische Energie jahrtausendealter, lebensfeindlicher Triebbewältigung!

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Zusammenhänge zwischen Wahnerkrankungen und Epilepsie fielen auch der Psychiatrie auf, die aus richtigen Wahrnehmungen falsche Schlüsse zog. Der Epileptiker fühlt sich, bei allem Leid kleiner und großer Anfälle, anschließend entspannt, ja nicht selten gut bis euphorisch. Steht jemand innerseelisch unter Hochspannung, wäre es grotesk, würde er sich nicht nach der Entladung, nach dem Anfall, besser fühlen.

Die Entspannung des Epileptikers nach einem natürlichen Anfall wollte die Psychiatrie Wahnkranken nicht vorenthalten und bildete „künstlich hervorgerufene, epileptische Anfälle“ per Elektrokrampf-Behandlung nach. Man wünschte, die beim Epileptiker beobachtbare Erleichterung ließe sich auch nach diesen künstlichen Anfällen wahrnehmen. Von Entspannung oder gar Euphorie ist nach der Elektrokrampf-Behandlung jedoch wenig zu bemerken. Sichtbar wird ein sich aufbäumender Körper, von Schmerzen verdreht! Trifft es zu, daß in beiden Fällen Gehirnzellen vernichtet werden, sollte bezüglich der richtigen Auswahl dem natürlichen epileptischen Anfall mehr zugetraut werden als der künstlich per Elektroschock getroffenen psychiatrischen Zufallsauswahl.

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Während die Psychiatrie Wahnkranke mit künstlichen, durch Elektroschock erzeugten und angeblich entlastenden „epileptischen Anfällen“ martert, wird der Epileptiker, der die Entlastungsmöglichkeit des Anfalls braucht, darum gebracht. Gehirnchirurgische Maßnahmen heilen Epileptiker mit der üblichen Trefferquote „Null“. Erst die Amputation ganzer Gehirnzweigstellen schneidet destruktiver Energie den Weg ab!

Das Leid, das epileptische Anfälle hervorrufen, sei nicht verkannt, wenngleich es die modernen Lebensweisen sind, die Anfälle so problematisch gestalten. Ausbleibende Anfälle erleichtern allerdings die Betreuung schwerer Fälle.

Verkannt wird, daß es sich bei beiden Krankheitsphänomenen, bei Epilepsie und Psychose, um gleichartige, psychotische Entladungen handelt, was der Zeitraffer-Charakter des epileptischen Anfalls überdeckt. Erst Eindringen in seelische Inhalte epileptischer Anfälle verspräche wirkliche Heilungschancen. Anknüpfungspunkte hierfür könnten Träume und Gedanken sein. Das mag weiter scheinen als der Weg zum Mond. Wirkliche Alternativen gibt es nicht!



Phobien

„Rätselhafte“ Tierphobien? Immer mehr Menschen ängstigen sich vor harmlosen Tieren! Unzählige Träumer fühlen sich im Schlaf von ungefährlichen Tieren bedroht! Ist es nicht absurd, wenn der bloße Gedanke an gutartige Tiere Todesängste freisetzt?



Alzheimer und Parkinson

Obwohl Medizin und Psychiatrie bei modernen Alterskrankheiten wie Alzheimer oder Parkinson verbissen Hirnschichten vergiften, aufbohren oder abtragen, erkennen wir Vorgänge aus der Familie der Psychosen: Orientierungsverlust in der eigenen Straße, nicht mehr Zurechtfinden in der eigenen Wohnung, verloren gehende Kontrolle über simple Körperbewegungen. Man ahnt zumindest, was sich unbewußt in der inneren Vorstellungswelt abspielen könnte, die auf ihre Weise ängstigt und zu zitternden Gliedmaßen beiträgt.

Mancher Parkinson-Patient leidet unter dem gefürchteten Symptom des Erstarrens. Nachdem bereits Psychosen, oder besser deren Träger, durch Elektroschocks erfolgreich bekämpft werden konnten, lag psychiatrisches Hantieren mit Elektrizität auch bei krankheitsbedingter Parkinson-Starre nahe.

Wie bei einer Psychose spielen Dritte, Angehörige oder zufällig mit den Betroffenen verbundene Personen, ihre eigene Rolle in einem dialektischen (in Gegensätzen wirkenden) Prozeß, Phänomene auslösend, verstärkend oder entspannend. Die Symptomatik moderner Alterskrankheiten läßt vermuten, daß Betroffene in neue Formen der Orientierung, in jenseitige Realitäten gedrängt werden, die ihnen nicht mehr erlauben, sich diesseitig zurechtzufinden. Vielleicht nimmt der Tod zu Lebzeiten Rache dafür, daß seinem Reich in einem jeder Vernunft widersprechenden Maße entgegengewirkt wird.



Autismus

Unerklärliche Alterskrankheiten finden ihr Gegenstück in autistischen Kindern, denen schon die eigenen Eltern Fremde sind. Daß manchmal alte Menschen weise werden, ist bekannt. Wenige wissen, daß bereits Kinder gelehrt sein können. Ihre innere Natur verrät kleinen Autisten, daß es nicht lohnt, mit der Zivilisation Kontakt aufzunehmen!


Psychiater sperren autistische Kinder mit Medikamenten ein. Dabei sind sie schon Eingeschlossene, Gefangene einer Vorstellungswelt, die wir aus archaischen Träumen kennen! Ihr inneres Erleben ist von Naturgefahren und ‑gewalten bestimmt, aber auch von realitätsfremder Geborgenheit erfüllt. Aufgrund gesellschaftlicher, religiöser und kultureller Verhältnisse hält die Urseele sie in frühen Entwicklungsstufen gefangen und erlaubt ihren Seelen nicht mehr, an die äußere Realität heran zu reifen. Der Bau einer Verständnisbrücke zur Umwelt wird unterbunden! Daher fehlt der seelische Korridor für mitteilbare Träume und Gedanken, die ein Nachreifen erlaubten.

Kinder durchlaufen im Mutterleib die körperlich-seelische Entwicklung der gesamten Tier‑ und Menschheitsgeschichte im Zeitraffer. Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch seelische Frühgeburten! Zu früh geboren, bräuchten sie noch Tiermütter oder jedenfalls Mütter, die zu ihrer eigenen, animalischen Natur liebevollen Zugang besitzen, damit Kinderseelen nachreifen. Die gesellschaftlich-kulturellen Verhältnisse, ganz zu schweigen von der Religion, fördern solch fürsorgliche Fähigkeiten nicht gerade! Müttern autistischer Kinder war regelmäßig selbst keine günstige seelische Entwicklung vergönnt.

Delphinarien melden Therapie-Erfolge: Autistische Kinder gewinnen im Spiel mit Delphinen an Selbstvertrauen! Die Wissenschaft mischt sich ein und behauptet, Delphine könnten mit Ultraschalltönen, Schallwellen bis 130.000 Hertz in der Sekunde, das zentrale Nervensystem und die Gehirnströme von Menschen stimulieren. Das sich noch im Wachstum befindliche Gehirn von Kindern würde dadurch erfolgreich beeinflußt.

Wir glauben weniger an Hertz als an Tiere, die Geist, Körper und Seele günstig beeinflussen. Manche Kinder beginnen sogar zu sprechen! Informationen, die Meeressäuger per Hochfrequenz den Kinderpatienten mit auf die Lebensreise geben, sind offenbar lebensnäher als das, was sie bisher von Mitmenschen erlernten.

Liebe Pharmazie, verehrte Psychiatrie, keine Panik! Derzeit stehen für ganz Mexiko nur zwei Delphin-Therapeuten zur Verfügung, in vielen Ländern überhaupt keine. Unzähligen autistischen Kindern können weiterhin gewinnbringend „Medikamente“ verschrieben werden!



Multiple Sklerose

Der ebenso unerklärlichen wie furchtbaren Krankheit Multiple Sklerose werden seelische Ursachen zumindest nicht völlig abgestritten. Es mag weit hergeholt sein, aber warum sollten nicht im Unbewußten äußerst destruktive Kräfte existieren, die Menschen in seelischen Schüben, ähnlich denen einer Psychose, schleichend zermalmen. Damit einhergehen könnte der zu beobachtende tragische körperliche Verfall. Aus dieser Perspektive betrachtet, würden psychotische Kräfte nicht nach außen frei, sondern implodierten stattdessen (Implosion = plötzliche Zertrümmerung eines Gefäßes durch äußeren Überdruck)!

Kranke fallen bisweilen durch sich ständig in Bewegung, ja „auf der Flucht“ befindliche Augen auf. Vielleicht plagt auch sie im Unbewußten eine Verfolgergestalt, wie sie aus Träumen von an Psychosen erkrankenden Menschen bekannt ist. Möglicherweise verloren sie eines Tages die Kraft, vor diesem Verfolger zu fliehen, gelähmt von seelischen Kräften, die sie nicht mehr freigeben, ohne daß Betroffene sich jemals darüber bewußt werden. Das klingt unwahrscheinlich, aber rätselhaft ist das Leben nun einmal hinter der logischen Fassade, mit der es angestrichen wird.



Krebs

Der früh an Krebs gestorbene Schweizer Fritz Zorn, aufgewachsen an der „Goldküste“ des Züricher Sees, inmitten der Reichsten der Reichen, beschreibt in seinem Buch „Mars“ (1979) Krebs als ohnmächtige Wut, als kalten Zorn eines jungen Mannes. Ein Deckel der Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit lastete auf ihm und seiner Welt, eine undurchdringliche, beherrschte, kühle Oberfläche. Darunter zerfraß ihn langsam aber sicher der Krebs.

Seelische Ursachen und Mitursachen von Krebserkrankungen sind glaubhaft. Psychoanalytisch begleitete Krebskranke leben statistisch deutlich länger. Vorbeugen könnte freilich nur die Überarbeitung moderner Lebensweisen.



Burn-out-Syndrom

Menschen, kraftvoll in ihrer Lebensmitte, schlägt immer öfter das „Burn-out-Syndrom (sich ausgebrannt fühlen)“. Motoren, die zu schnell drehen, fangen leicht Feuer und brennen aus. Modernes Leben zwingt Menschen zu überhöhten Drehzahlen, zu unvermeidbarer, rascher seelischer wie körperlicher Erschöpfung. Vorzeitig ausgebrannt liegen sie danieder, ohne weitere Lebensorientierung und Sinnfindung. Hauptbetroffene sind Menschen, die es immer und überall möglichst allen recht machen wollen: ideale Kandidaten für eine psychiatrische Entsorgung!

Das Burn-out-Syndrom macht unter anderem im Bildungswesen fette Beute. Lehrer fühlen sich überfordert und flüchten vorzeitig in den Ruhestand. Ihr Beispiel spornt den Nachwuchs an, gleichfalls früh auszubrennen. Phänomene, die einander zuarbeiten! Pädagogen können Schüler nicht mehr bändigen: „Handy ausschalten, Privatgespräche beenden, Handgreiflichkeiten stoppen, Hinsetzen, Zuhören...“ Ermahnungen ohne Verstärker sind von vornherein erfolglos: „Das ist meine letzte Warnung!“ „...sonst fliegst du raus!“



Geschlossene Wahnsysteme

Wahnerleben ist aus der Sicht Kranker höchst real und besitzt nicht weniger Existenz als die Außenwelt, weil es in diese projiziert und gleichermaßen als Äußeres, als Realität, erlebt wird. Betroffenen wäre es unmöglich, nicht darauf zu reagieren. Natürlich wird Erlebtes bearbeitet, versucht, ihm Sinn zu geben. So vermischen sich äußere und innere Phänomene, ohne im Sinne äußerer Realität folgerichtig zu sein. Gelingt es Dritten nicht, die sich in Wahnkranken entwickelnde Logik in Frage zu stellen, bildet sich ein geschlossenes, in sich schlüssiges, unangreifbares Wahnsystem.


Psychiatrische Behandlungsmethoden begünstigen die Ausbildung geschlossener Wahnsysteme auf ganz besondere Weise:
„Eine Patientin argwöhnt, ihre Familie und ihr soziales Umfeld hätten sich zu einer Art mafiahaften Verschwörung komplotthaft gegen sie zusammengefunden. Ihrer Umgebung mißtraut sie zutiefst, glaubt aber mit professioneller Hilfe über unaufhörlich plagendes Mißtrauen hinweg zu kommen. Sie begibt sich freiwillig in eine psychiatrische Klinik und stellt entsetzt fest, daß sie auf eine geschlossene Station gebracht wird, die sie nicht mehr verlassen darf. Das ehrliche Anvertrauen ihrer Wahngedanken führt zum Einschluß und die professionelle Antwort der Psychiatrie besteht in medikamentöser Behandlung. Daher entschließt sie sich zur Lüge. Obwohl sie ihr Mißtrauen keineswegs verliert, erzählt sie den behandelnden Psychiatern, sie hätte sich geirrt. Diese reagieren erfreut, ein weiteres Mal von der Unübertrefflichkeit ihrer medikamentösen Wunderwaffen überzeugt. Die Patientin kommt nach kurzer Zeit frei.“

Wir wissen nichts über ihr weiteres Lebensschicksal, wagen aber die Prognose, daß nun die Psychiatrie in die Komplott-Vermutungen mit einbezogen wird. Bis zur Überlegung, der komplette Staat, die ganze Welt habe sich gegen sie verschworen, ist nur ein gedanklicher Schritt. Psychiatrisches Eingreifen baut ihr tiefes Mißtrauen in eine nahezu unangreifbare Wahnfestung um!

Wie fühlt jemand, der sich freiwillig in die Hände der Psychiatrie begibt und feststellt, daß die Türen verschlossen werden? Was denken Menschen, die vom Pflegepersonal heimlich überwältigt, auf ein Bett fixiert und abgespritzt werden? Wie empfinden Wahnkranke, die, schon orientierungslos genug, fortan durch fremde, kahle Räume irren? Welche Schlüsse ziehen Betroffene, wenn Psychiater sie durch eigenes Ver-rücktspielen auf vorhandenes Übertragungspotential testen?

Der äußeren Welt wird zu Recht nichts mehr, der inneren Welt zu Unrecht alles zugetraut! Verfolgt, betrogen, ausgetrickst wurden Betroffene schon oft, bei der Psychiatrie jedoch am gründlichsten. Von nun an betrügt Wahnkranke ihr hauseigenes Wahnsystem, das sie gefangen nimmt. Niemandem wird mehr vertraut, außer eigenen Gedanken und Schlußfolgerungen. Jetzt regiert das Unbewußte, tanzen ureigenste Einbildungen. Wahnkranke treiben immer tiefer in ihre innere Welt, von außen als Persönlichkeitsverfall diagnostiziert.

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Während Wahnkranke ohne Psychiatrie, Elektroschocks, Neuroleptika oder gehirnchirurgische Maßnahmen gut zurechtkämen, ist die Psychiatrie von Wahnkranken, insbesondere geschlossenen Wahnsystemen, abhängig. Nichts eignet sich zum Nachweis psychiatrischer Notwendigkeit überzeugender als Menschen mit Wahngedanken, die sich zu geschlossenen Systemen formten.

Auf illustrative Weise wird dem Rest der Bevölkerung der Bedarf kompetenter Fachleute vor Augen geführt: Spezialisten, die mit Beknackten umgehen, sie „behandeln“ können und, vor allem, sie der Normalbevölkerung vom Leibe halten!



Kunst und Philosophie

Es sind psychotische Inhalte, die moderne Kunst, insbesondere im Surrealismus, aufarbeitet, Unbewußtes und Traumhaftes sichtbar machend. Durch lebensverneinendes Denken verdrängte Triebe werden vom Künstler als abgestorbene, zerfressene Leiber bildhaft gemacht. Das Reich der Toten bricht ein als Antwort auf verfehlte Triebbewältigung, die schon zu Lebzeiten sterben läßt. Vielleicht stören wir das Totenreich nicht minder als dieses uns!

Gefühle des Nichts, Ahnung von Leere, erfassen nicht nur Wahnkranke, Philosophen und Künstler, sondern immer mehr Menschen. Unsere Seelen, nicht mehr in Tier- und Menschenahnen eingebettet, werden sich selbst zum Feind. Fehlende innere Verankerung spült Empfinden absoluter Leere, von Nichts, Nichtsein an die Oberfläche, nur einen Steinwurf vom Ausbruch der Psychose entfernt.

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Philosophie und Irrsinn glauben wir an entgegengesetzten Polen; gleichwohl kommen sich beide in der Existenzphilosophie nahe. Mag Existentialismus das Geworfensein ins Dasein, große Leere, das Nichts beschreiben, Wahnkranke durchbrechen es im inneren Weltuntergang der Psychose. Scheinbare Leere ist mit Archetypen, Urgewalten und Verdrängtem angefüllt, die in der Psychose als Halluzinationen und Wahnvorstellungen hervorquellen.

Ein bekannter Existenzphilosoph fütterte innere Leere mit noch leereren Worten und ließ etwa das „Nichts nichten“. Generationen von Heidegger-Schülern dankten es, auch wenn sie wenig verstanden. Sie fühlten sich schon durch das Atmen nach unten abgrenzender elitär-intellektueller Philosophie-Luft ausreichend entschädigt.

Nur weil einfache Menschen mit geringer Ausbildung halluzinative Erlebnisse und wahnhafte Vorstellungen in einfache Worte kleiden, heißt das nicht, es handle sich um kein den Inhalten der Existenzphilosophie verwandtes Erleben. Bei Psychose und Existenzphilosophie ist lediglich eine Zweiklassengesellschaft anzutreffen.

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Unlängst fragte eine Nietzsche-Betrachtung, „wo der Philosoph sei, der endzeitliche Menschheitsängste, Umweltzerstörung, Bevölkerungsexplosion, Hybridtechnik, riesige Migrationsbewegungen usw. auf allen soziologischen, ökologischen, kulturellen Ebenen zusammenführt und bis in die zartesten Verästelungen von Anstand, Stolz und Würde überdenkt?“ Der Autor fühlte sich selbst angesprochen und antwortete mit einer weiteren Frage: „Wo ist der Furchtlose, der mit allen Konsequenzen ausspricht, was alle wissen, daß die Menschheit wieder dezimiert werden muß! Von einem so freien Geist ist in letzter Zeit nichts bekannt geworden.“

Weniger Menschen werden, die weniger verbrauchen – ein Muß, das jedermann klar ist! Kaum anzunehmen, daß das, was jeder weiß, zeitgenössische Berücksichtigung findet. Endzeitliche Katastrophen und kollektive Psychosen haben das letzte Wort!



Normal ist

Mancher Leser wird seine liebe Not haben, Irrsinn zu erkennen. Wenigstens wissen wir, was normal ist:

Normal ist, Plutonium über die Ozeane zu schippern und den Weltraum mit Müll aufzufüllen.

Normal ist, Atommüll und chemische Kampfstoffe im Meer zu verklappen, um sie schon wenige Jahrzehnte später zum Tausendfachen der ursprünglichen Kosten bergen und entsorgen zu müssen.

Normal ist, dreimal so viel Atommüll wie notwendig zu produzieren, da zwei Drittel der erzeugten Wärme aus Kühltürmen ungenutzt entweichen.

Normal ist, die Welt so grell zu beleuchten, daß bereits ein Fünftel der Weltbevölkerung nicht mehr die Milchstraße am Himmel sehen kann und die hierzu erforderliche Energie mit Atomkraftwerken zu produzieren.

Normal ist, immer mehr radioaktive Strahlung freizusetzen und gleichzeitig nachzuweisen, daß Radioaktivität Krebs verursacht, der wiederum mit radioaktiven Behandlungen geheilt wird.

Normal ist eine Weltordnung, in der sich ein Fünftel der Menschheit das gesundheitsschädigend anfrißt, was die restlichen vier Fünftel durch Unterernährung krank macht.

Normal ist die Veranstaltung von Wettessen, bei denen der erfolgreichste Spaghetti–Verschlinger, Hamburger-Vertilger oder Pommes-Vernichter geehrt wird.

Normal sind Herstellung und Einsatz von Waffensystemen, die den Besitzer weit mehr bedrohen als den potentiellen Feind. Dies beginnt im „modernen“ Haushalt, in dem umweltschonendste Haushalts-Chemie langfristig mehr gefährdet als alle Bakterienfeinde zusammen.

Normal ist, Landminen zu produzieren, die Beine ausreißen, und künstliche Gliedmaßen, mit denen man stattdessen laufen kann.

Normal ist, „billige“ schmutzige Energiequellen bis zur Neige zu leeren, statt auf „teure“ erneuerbare Energien umzusteigen, obwohl dem Planeten schon so warm geworden ist, daß in Kürze „alternative“ Energien alles andere als alternativ sein werden.

Normal sind Produktionsmethoden, die trotz Treibhauseffekt und Energiekrise bei der Gewinnung von Erdöl freiwerdendes Erdgas einfach „abfackeln“.

Normal sind Völker, die nach Fußball-Länderspielen ungünstige Ergebnisse durch Fußballkriege korrigieren.

Normal ist, Abwasser ungeklärt in Gewässer aller Art einzuleiten und Grundwasser durch Gülle, Pflanzenschutzmittel und Überdüngung zu vergiften, um es anschließend wieder teuer aufzubereiten.

Normal ist, nur wenige Gramm schwere, kranke Frühgeburten in Brutkästen zu stecken und aus gesunden, abgetriebenen Kindern Medikamente herzustellen.

Normal ist, mit Aufzucht kränkster Kinder einerseits und Sterbebett-Chirurgie andererseits das Volkseinkommen an die Apparatemedizin zu verfüttern.

Normal ist, umweltgeschädigten, an Asthma leidenden Kindern mit ärztlich betreuten „Atemübungen“ zu helfen, anstatt sich ökologisch neu zu orientieren.

Normal ist, immer mehr Bürgern durch Straßen‑, Flug‑ und Freizeitlärm den Schlaf zu rauben und in manchem Urlaubsparadies schon ab 5 Uhr morgens auf Nachtruhe zu stoßen.

Normal ist eine Wirtschaftspolitik, die sechs Millionen Frührentner, vier Millionen Arbeitslose und eine Million in Beschäftigungsprogrammen versteckte Beschäftigungslose produziert, während Selbständige und Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen und die Regierung auf Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte setzt.

Normal ist eine Arbeits- und Freizeitwelt, in der Menschen ihren biologischen Rhythmus ignorieren und sich nach Vorgaben von Maschinen und Unterhaltungsangeboten richten.

Normal ist, im islamischen Fastenmonat Ramadan aufgrund der Verschiebung der Nahrungsaufnahme in die Nachtzeit doppelt so viel Geld für Lebensmittel auszugeben wie sonst.

Normal ist der Aufenthalt in tageslichtlosen Arbeitsstätten und Wohnungen, um einhergehende Depressionen mit Lichttherapie in Bräunungsstudios zu vertreiben.

Normal sind Wirtschaftsformen, in denen sorgfältige Aktenführung zum Schutz vor Rechtsstreitigkeiten wichtiger ist als der hergestellte Artikel.

Normal ist, nicht Sparen und niedrigen Verbrauch über die Preisgestaltung zu begünstigen, sondern Verschwendung.

Normal sind Neubauten, deren undichte Leitungen problemlos repariert werden können, wenn der Rest der Häuser vorher abgetragen wird.

Normal ist eine Volkswirtschaft, in der Ersatzteile unschwer erworben werden können, wenn man den Rest des Produktes dazu erwirbt.

Normal ist, Flaschen unter bemerkenswertem Einsatz von Arbeit, Rohstoff und Energie zu produzieren, um sie, nach einmaligem Gebrauch, in viele, Glück bringende, wiederverwertbare Scherben zu zertrümmern.

Normal ist, hormongeladene Turbokühe zu bauen, die dank Kraftfutter Milchweltrekorde aufstellen, aber bei einem unbedachten Schritt an Herzinfarkt verenden

Normal ist, deren Fraß aus kadaververseuchtem Tiermehl herzustellen und mit Soja, einem Nahrungsmittel aus der Dritten Welt, zu mischen, damit die einen nicht zu dick werden und die andern ein früher BSE-Tod schlank macht.

Normal ist, immer mehr Anbaufläche zu zerstören, um davon zu träumen, in Weltraum-Kolonien Pflanzen anzubauen.

Normal ist, journalistisch auf die Vergrößerung des Ozonloches mahnend mit einem einspaltigen Zweizeiler zu reagieren, um dafür vom Verleger wegen zu negativer Berichterstattung gerügt zu werden.

Normal ist, alte Gesichter auf so jugendliche Werte liften zu lassen, daß schon schüchternes Lächeln unerträgliche Schmerzen bereitet.

Normal sind durch elegante Risse ruinierte Kleider einer modisch überfressenen Bevölkerung, die damit den Chic der verarmten Dritten Welt nachstellt.

Normal ist, Schulschwänzen zu bestrafen und Gesetzes-Entwürfe vor gähnend leeren Abgeordnetenbänken zu beraten.

Normal ist, unabhängige Parlamentarier nur ihrem freien Gewissen zu unterwerfen und sie in allen wichtigen Fragen unter Fraktionszwang abstimmen zu lassen.

Normal ist, die Zigarettenproduktion zu fördern, um ein Vielfaches der erzielten Steuereinnahmen für Gesundheitsnachsorge zu verbrauchen.

Normal ist, taube Frührentner durch überlaute Rockkonzerte zu produzieren, nachdem dies Lärmschutz-Vorschriften in der Arbeitswelt nicht mehr zulassen.

Normal ist, Vor‑ und Zunamen durch adelige, religiöse, politische oder akademische Wahn-Zusätze so gekonnt zu verunstalten, daß immer mehr Menschen an kollektiver Titelsucht erkranken.

Normal ist, wenn drei weltweit operierende Medienmonopolisten und Nachrichtengroßhändler den Rohstoff vorgeben, aus dem sich freie Menschen ihre freie Meinung bilden.

Normal ist, Kinder zu lehren „Du sollst nicht töten“ und ihnen wöchentlich bis zu tausend Fernsehmorde anzubieten.

Normal ist, Kindern beizubringen, Tiere nicht zu quälen und Versuchstiere in Forschungslabors zu verheizen.

Normal ist, so viele Menschen in Städten einzusperren, daß sie auf der Suche nach Weite und Natur dieselbe plattwalzen.

Normal ist, Tiere durch Zersiedlung, Überweidung und Überfischung zu liquidieren, um unter größten wissenschaftlichen und finanziellen Anstrengungen einige geklonte Tierarten in die Nachwelt hinüber zu retten.

Normal ist, die Ufer von Badeseen durch wenige, reiche Alte, die nicht mehr baden wollen, zu belegen, damit auch andere nicht schwimmen können.

Normal ist, wenn am Meer wohnende Großstädter zwei Stunden Anfahrt benötigen, um an saubere Strände zu kommen.

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Soweit der kleine Ausschnitt aus dem Kaleidoskop der Normalität. Für weitere Hinweise unter www.normal-ist.de wird im voraus gedankt! Die Normalbevölkerung wird wunschgemäß für ver-rückt erklärt. Nicht immer fehlt die nötige Krankheitseinsicht! Die Spanier trösten sich mit dem Sprichwort: „Todos somos locos, los unos y los otros (wir sind alle ver-rückt, die einen wie die andern).“



Kontaktbruch

Wenn schon Irrsinn und Normalität nahtlos ineinander übergehen, ist es ungerecht, die Beziehung zu Wahnkranken abzubrechen. Der Umgang mit Ver-rückten stellt jedoch geistigen Kontaktbruch dar! Dies droht schon die Alltagssprache an: „Du bist ver-rückt“ warnt, sich nicht weiter logisch auseinandersetzen zu wollen oder um Verständnis geäußerter Gedanken zu bemühen. Warum wird die Spaltung in „normal“ und „ver-rückt“ so wichtig genommen? Es ist doch gleichgültig, ob es ein Narr sagt, wenn es richtig ist, oder ein Professor, wenn es falsch ist!


Selbst körperliche Auseinandersetzung bedeutet noch Kommunikation, die den Gegner ernst nimmt. Für voll genommen wird sogar der für normal gehaltene Schwerverbrecher, zu dem der persönliche, nicht aber der geistige Kontakt abgebrochen wird. Man setzt sich mit ihm auseinander! Die soziale Isolation Wahnkranker ist hingegen total: Sie werden nicht mehr ernst genommen!

Dieser geistige Kontaktbruch wiegt schwer und setzt eine verheerende Abwärts-Spirale in Gang. Einerseits wird nicht geglaubt, daß nach außen projiziertes Wahnerleben so real erlebt wird wie die Außenwelt, andererseits wird Wahnkranken selbst dort nicht mehr vertraut, wo noch eine korrekte Wahrnehmung der Außenwelt vorhanden ist.

Menschen sind im sozialen Verband aufeinander angewiesen, leben von wechselseitiger Wertschätzung, von persönlichem Vertrauen, vom Vertrauen Dritter in eigenes Denken und Handeln. Wird Wahnkranken Zutrauen entzogen, erodieren soziale Umgangsformen, werden andere Menschen unwichtig. Betroffene trauen sich selbst nicht mehr, treiben immer tiefer in ihre innere Welt, bis gedanken-austauschendes Luftholen unterbleibt und sie endgültig in ihrer sie gefangen nehmenden inneren Welt versinken.

Die schlimmste Sanktion versteckt sich hinter besonderer Fürsorglichkeit, die Ver-rückten zuteil wird, aber gerade dadurch Ebenbürtigkeit abspricht. Ein faktisch unangreifbarer, stillschweigender Vertrauensbruch, der sich in sozialen Umgang und Gesetze frißt.

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Wer gängige Vorurteile ablegt und sich mit der inneren Welt Wahnkranker beschäftigt, wird vor dem Hintergrund subjektiven Erlebens folgerichtiges Denken und Handeln nicht bestreiten können. Handlungen folgen kausal zugrunde liegenden Vorstellungen oder sind im Sinne finaler Betrachtung auf bestimmte Ziele gerichtet.

Ver-rücktheit besteht nicht aus unterschiedlichen Gedankengängen oder abweichender Logik, sondern aus unterschiedlichem Erleben verschiedenartig vorgestellter Sachverhalte. Ob die eine andersartige Außenwelt zeichnenden Projektionen Wahnkranker wirklich eine minderwertigere Form der Wahrnehmung darstellen, bleibt ausdrücklich offen!

Der hier dargestellte Unterschied in der Interpretation der Außenwelt ist von entscheidender Bedeutung. Sachverhalte werden von Menschen nie identisch erlebt, schon gar nicht übereinstimmend gedeutet. Kaum jemals zwei Zeugen, die über gemeinsame Beobachtungen konform berichten! Abweichendes Erleben Wahnkranker unterscheidet sich von solchen „Fehlleistungen“ nur in der Qualität. Wenn Betroffene lediglich unterschiedlich wahrnehmen, aber folgerichtig denken, fehlt die Berechtigung, den geistigen Kontakt abzubrechen!



Am Ende des Weges

Im Gleichnis speit der große Fisch, Symbol des Unbewußten schlechthin, den Propheten Jonas wieder an Land. Nicht jeder, der an einer Psychose erkrankt, ist ein Prophet, obwohl er Vergleichbares erlebt. Irgendwann fallen die mächtigen geistigen Wasser jeder Psychose und lassen Wahnkranke auf tragfähigem Seelengrund zurück: Basis für erneute Orientierung, Chance zu weiterer Persönlichkeitsreifung!


Der längsten Nacht folgt ein Tag! Tiefgreifende Psychosen führen zu neuen Bewußtseins-Küsten. Vulkanischem Geschehen gleich werden Inseln aus dem Meer des Unbewußten aufgefaltet, wird Neuland des Bewußten geboren. So wie neu entstandene Vulkaninseln allmählich begrünen, knüpfen Betroffene nach dem Abklingen von Psychosen behutsam an die eigene Lebensgeschichte an, wachsen in alte Lebensrollen hinein, erinnern sich an Erlerntes und Erfahrenes. Dies gilt für ureigenstes Körpererleben nicht weniger als für die Wiedereinbindung ins soziale Umfeld. Die notwendigen Voraussetzungen sind vorhanden, die innere Registratur ist unbestechlich. Jeder alte Mensch weiß dies und berichtet von Erlebtem, das ein halbes Jahrhundert und später hochgespült wird, als wäre es gestern gewesen.

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Wie sollte nun der ganze Umbruch der Psychose, die ungeheuren Umwälzungen seelischer Revolution, „normal“ eingebunden in den Alltag, still und stumm, geräusch- und geruchlos vor sich gehen? Das ist aber der Anspruch, den Gesellschaft und Psychiater an Wahnkranke stellen! Jeder Aufruhr wird im Keim erstickt, ausgetrieben, medikamentös wegdividiert. Das ist ver-rückt und unnormal! Hier wird der gelebte kollektive Wahnsinn konsequent fortgeführt.

Man hätte Anlaß, sich mit den Inhalten von Wahnvorstellungen zu befassen und die dazu führenden kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Frage zu stellen. Wer beantwortet die Grundfrage, wer ver-rückter sein mag, derjenige, der all den ererbten, anerzogenen und gelebten Irrsinn noch verdrängen kann oder derjenige, der ihn in Psychosen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen seelisch ausspeit?

Viel Leid bliebe der Menschheit erspart, heilten unkontrollierbare Herrscher, mächtige Diktatoren, ihre destruktive innere Welt durch Psychosen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen, statt ihre negativen Projektionen mit einem vollen Zeitalter aufzuarbeiten und ganze Erdteile in Schutt und Asche zu legen.

Es gibt Psychiater, die sich diesem komplexen Gebiet seherisch nähern: „Es wird einzig Menschen, die sich auf solch innere Reise zu begeben haben, vergönnt sein, durch Risse ein wenig Licht in die allzu geschlossenen Gehirne der Normalbevölkerung einbrechen zu lassen“ (Laing, „Phänomenologie der Erfahrung“, 1969).



Die Wut der Erde

Naturvölker wissen um die Macht der inneren Welt! Furcht vor Dämonen, Ängste vor Geistern werden durch Projektion im Geisterglauben, in Riten und Tänzen aufgearbeitet. Das mag unzivilisiert scheinen, ist den Verdrängungskünsten moderner Menschen jedoch weit überlegen!

Der Preis für die Abkoppelung von dieser allmächtigen urzeitlichen Welt, für das Abschneiden von äußerer und innerer Natur wird eines Tages präsentiert werden. Bis dahin wird alles gut beherrscht! Ausreißer der äußeren Welt, Überschwemmungen, Erdrutsche, Stürme und Feuer, bearbeiten Technokraten, Ausbrüche der inneren Welt durch Psychosen bändigt die Psychiatrie. Bildhaft betrachtet gleicht das Beutetieren in Raubtier-Rachen, die sich an zermalmenden Eckzähnen festhalten und behaupten, alles gut im Griff zu haben, was aus dieser Sicht nicht einmal gelogen ist.

Nicht begriffen wird die Chance, in immer zahlreicheren Erbkrankheiten den Spiegel zutiefst falscher Lebens‑ und Denkweisen zu erkennen. Durch vor- und nachgeburtliche Liquidierung angeblich erblich vorbelasteter Menschen lassen Medizin und Psychiatrie diesen Spiegel erblinden. Eine neue Dimension wird erreicht durch Kartierung von Genen und Aussortierung von Erbkrankheits-Trägern.

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Im Wahnsinn begegnet der Mensch ungebändigten Elementen, der Wut der Erde, der Entrüstung der Wasser, dem Flächenbrand der Feuer, dem Wüten der Stürme - vielleicht Gott selbst. Die Alten glaubten, Gott nähere sich im Sturm, im Zorn. Die vererbte Wut der Erde ist groß, wenn immer mehr Kleinkinder von unerklärlichen Wutstürmen erfaßt werden, die sie ihre Köpfe wie von Sinnen an unnachgiebige Wände schlagen läßt.

Kommen Wahnkranke schon zu Lebzeiten an das Tor einer Wanderung, das jeder Sterbende durchschreiten muß, bevor er sterben kann, sterben darf? Sind sie lebendige Mahnung, daß nicht alles und jedes straflos verbrochen werden kann? Warnt Wahnerleben vor einer jenseitigen Welt außerhalb der uns zugänglichen Realität, vor der wir uns fürchten sollten und vor der wir uns eines Tages für Abweichungen von uns aufgegebenen Lebenswegen und –zielen verantworten müssen?

Nur, weil Religionen Herrschsucht durch bildhaftes Ausmalen schrecklicher Höllenqualen aus den Augen quillt, müssen Mahnungen vor einer jenseitigen Welt nicht falsch sein. Vielleicht erleben Wahnkranke schon in dieser Welt den Vorgeschmack geistigen Fegefeuers als Strafe für das, was gute Menschen sich selbst und anderen, Mensch, Tier und Pflanze, ja der ganzen Erde, tagtäglich bewußt und unbewußt antun?

Wann immer sich Wahnsinn zu Wort meldet, sind die Lebensbedingungen für einzelne, ja für alle, aus innerer Sicht untragbar geworden. Wahnsinn warnt vor dem Bruch innerseelischer Brücken zu Tier, Pflanze und Erde. Eine letzte furchtbare Mahnung fordert Bewußtsein eigener Tiefe, eindringlich erinnernd an die uralte, ewige innere Welt, die uns hervorgebracht hat.

Schon heute kann man künftige Generationen zum Inhalt ihrer Psychosen beglückwünschen, die seelisch all das erbrechen, was gedankenlose Bildschirmfütterungen in volle Kinderköpfe meißeln. Tiefere Seelenschichten pflegen eigene Umgangsformen mit Gedankenmüll, nach dem es heutige Generationen, süchtig nach dem ultimativen Kick, verlangt.



              Schizophrenie - der Psychiatrie liebstes Kind

Das Wort „Schizophrenie“ besteht aus „schizo“, gebrochen, und „phrenos“, Seele. Hinter der renommiertesten Geisteskrankheit der Neuzeit verbergen sich gebrochene Seelen! Nicht wenige Psychologen halten die Psyche aller Zeitgenossen für gespalten. Kaum verwunderlich! Was stellten Religionen und Kulturen nicht alles mit Menschen an: Kriegsgreuel, Galeeren, Löwengruben, Menschenopfer, Gekreuzigte, Ertränkte, Verkrüppelte, Verbrannte, Gevierteilte, Vergiftete, Vergaste, Verstrahlte - nichts, was es nicht gibt. Hinter freundlichen Gesichtern brodelt und kocht es im Unbewußten. Nur zu leicht fängt das Bewußtsein Feuer! Verdrängte Wut und unbewußter Haß zerfetzen mühelos jegliche Erziehung und Kultur.


Film-Horrorgemälde wie „Psycho“ oder „Blue boy“ bringen Schizophrenie und Mord in besondere Verbindung. Das macht glauben, ein Mord sei besser als der andere und Schizophrene seien besonders gefährlich. Ob normal, schizophren oder sonstwie begangene Tötungshandlung: In aller Tiefe lauert dieselbe deformierte Triebkraft als Mordlust auf geeignete Motive!

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Welchen Sinn könnte es haben, wenn sich Bewußtsein nicht nur Feind ist, sondern über das erträgliche Maß hinaus spaltet? Es kann das Maß dessen, was im Unbewußten aus entwicklungsgeschichtlicher Vergangenheit zu verwahren ist, nicht fassen; nicht ertragen, was ihm an Gedanken zugemutet wird! Folglich spaltet es sich in einen kontrollierbaren, soziale Existenz ermöglichenden und in einen unkontrollierbaren Persönlichkeitsteil.

Menschliche Seelen können sich, um extreme Anforderungen zu ertragen, demnach sogar spalten: eine Amputation, die, wie abgenommene Gliedmaßen, Leben retten kann! Wertfrei betrachtet ist Schizophrenie kaum das, wofür Psychiater und Gesellschaft sie halten, sondern ein kleines Wunderwerk der Schöpfung. Spaltung rettet soziales Bewußtsein, schafft einen Brückenkopf zur Beobachtung und Aufklärung unkontrollierter Triebkräfte. Der Unterschied von Bewußtseinsspaltung zu sozial noch akzeptierter schizoider Zerrissenheit ist lediglich ein gradueller (zwei Seelen ach...!).

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Natürlich existieren weitere Erklärungsansätze! Besonders originell ist die Deutung der Schizophrenie als fehlgerichtete Reaktion des Immunsystems mit der Folge eines Bürgerkriegs im Kopf. Mit Krieg hat das Ganze schon zu tun, zumindest bei Betrachtung der kriegerischen Heilbehandlungen, mit denen der Schizophrenie psychiatrisch zu Leibe gerückt wurde und wird: elektrisch, radiologisch, chemisch, pharmazeutisch...

Die sogenannte Autoimmun-Hypothese zur Erklärung von Schizophrenie besagt, daß sich Antikörper gegen Nervenzellen des Gehirns bilden und sich daran binden. Als Folge der Ankoppelung werden weitere Immun-Abwehrmechanismen aktiviert, die Schäden an Nervenzellen verursachen und damit wesentlich zur Entstehung der Schizophrenie beitragen. Alles verstanden? Jedenfalls schön gesagt, auf dem Europäischen Kongreß der Neurologen in Wien, der Hauptstadt der Psychoanalyse, anno 1992.


Bei siebzig Prozent der untersuchten Patientengruppe konnten angeblich Schizophrenie verratende Antikörper im Blut nachgewiesen werden, während bei der Vergleichsgruppe sogenannter Normaler nur zwölf Prozent auffällig wurden. Wir glauben nicht mehr an Märchen und wagen eine eigene Hypothese: Die diagnostizierten Antikörper im Patientenblut bilden sich, um gegen psychiatrische Behandlungen immun zu werden. Die „biologische Katastrophe“, die die Psychiatrie in der Schizophrenie ausmacht, ist sie selbst. Psychiater sind vergänglich und haben nicht ewig Zeit zur Schnellreparatur defekter Gehirne. Darum „heilen“ sie im Zeitraffer-Verfahren, was Jahrtausende zur Ursache hat!

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Was wir heimlich denken? Ursache von Schizophrenie könnte statt Bewußtseinsspaltung auch mangelnde Bewußtseinsmischung sein! Sprichwörtlich gewordene Geschlechterfeindschaft läßt vielleicht nicht mehr zu, daß sich im Unbewußten eines Kindes die unterschiedlichen, jeweils von Mann und Frau vererbten Seeleninhalte mischen. Es bildet deshalb nebeneinander, quasi gespalten, unterschiedliches Bewußtsein aus. Kommen sich die feindlichen Lager zu nahe, haben sie sich durch Psychosen zusammenzuraufen.



            Psychiater und Gutachter

Wissenschaft ohne Neugier ist nicht vorstellbar! Ernst Klee berichtet in „Irrsinn Ost – Irrsinn West“ folgende Episode: Als die Psychiatrie in Deutschland noch braun war, kurz vor Ende des II. Weltkrieges, mußte eine Mutter ihre taubblinde Tochter aufgrund der bevorstehenden Aufnahme in einer Landesblindenanstalt in einer jugendpsychiatrischen Klinik untersuchen lassen. Der zuständige Professor ordnete eine sachlich durch nichts zu begründende Untersuchung des Gehirnwassers an und bemerkte, „er wüßte zu gerne, wie es im Gehirn einer Taubblinden aussieht“.


Wir bräuchten in dessen Gehirn kein Gemetzel zu veranstalten, um zu wissen, wie es darin aussieht. Vor einer Punktierung scheuten wir schon aus Angst davor zurück, braun eingefärbtes Material zu gewinnen, denn es könnte sich um Kot handeln. Das lohnendste Wahnobjekt ist die Psychiatrie sich selbst. Leider richtet sie so selten das Licht der Diagnose auf sich und ihre Mitglieder.

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Die Worte „heilig“, „gut“ oder „Hilfe“ brauchen nur anzuklingen: Jedermann gibt seinen Verstand ab! Davon profitieren Religionen und Pseudoreligionen wie Psychiatrie und Psychologie. Nicht verstehen, sondern glauben wird verlangt! Unter weißen Mänteln stinkt es jedoch nicht weniger als unter schwarzen Kutten. Heiligem ärztlich-psychiatrischem Gehabe und dessen Hilfsangeboten gegenüber kann man nicht vorsichtig genug sein!

Keine Gruppierungen haben mehr „legale“ Verbrechen begangen als jene im göttlichen und halbgöttlichen Bereich: Religion und Medizin! Ist in der Psychiatrie Kontrolle besonders unzureichend, ist das damit erklärbar, daß sich Staat und Gesellschaft, gesetzgebende, verwaltende und rechtsprechende Gewalt, nicht ausreichend um ihre seelisch schwachen Gesellschaftsmitglieder kümmern können und wollen.

Geheime Scheu lähmt Menschen, sich mit dieser dunklen Seite des Daseins zu befassen. Vielleicht behindert sie die Furcht, sich „anzustecken“, selbst ver-rückt zu werden. Zum Schutz davor grenzt man sich von Ausgegrenzten ab, betrügt sich mit dem Glauben, hier handle es sich um Menschen am anderen Flußufer, denen man in keiner Weise ähnlich sei. Diese Scheu müssen diejenigen nicht haben, die von Berufs wegen autorisiert sind, mit Wahn umzugehen, Wahnsinn zu verwalten und sich schon aus diesem Grunde immun vor Wahnerleben glauben.

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Nur wer sich unantastbar glaubt, kommt überhaupt auf den Gedanken, Irrsinn systematisch bei Dritten aufzuspüren, wie der bekannte Münchner Psychiater Kraeplin und dessen Schüler. Wir verdanken ihnen nicht nur die richtungsweisende Erfindung der Elektroschockbehandlung, sondern auch die systematische Erforschung der psychotisch durchseuchten Bevölkerung: Krankenakten, Sippentafeln, Sammelmappen und viele, viele Durchschläge für die Irrenanstalten selbst, die Gesundheitsämter, die erbbiologischen Landeszentralen, die psychiatrischen Außenstellen usw. Verdächtig ist alles: Kleinstkriminalität, Selbstbefriedigung, Suizidgedanken, altersbedingtes Vergessen von Kleinigkeiten etc. Die Hauptstadt der Bewegung und Großstadt mit Herz, München, schämt sich bis heute nicht, eine Straße nach Kraeplin zu benennen, auf daß niemals vergessen wird, wer Grauen so vorbildlich lehrte.

Wissenschaftliche Gier durchdringt über kurz oder lang jede Ideologie und jede Staatsform. Die deutsche Psychiatrie ist in dieser Hinsicht Weltmeister und Stehaufmännchen. Psychiatrie-Opfer standen in der Nachkriegszeit und nach dem Fall der Mauer bei der Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen nicht selten denselben Gutachtern gegenüber, die einst als verantwortliche Psychiater die Verbrechen begingen, die überhaupt zur Stellung späterer Schadensersatzansprüche führten. Die verehrte Kollegenschaft blieb ausnahms- und übergangslos in Amt und Ehre!

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Die schärfsten Waffen der Psychiatrie sind weder Behandlungsvielfalt noch Medikamenten-Giftschrank, sondern Diagnose-Allmacht: Ein RAF-Terrorist saß seit 17 Jahren lebenslänglich ein und bemühte sich um Freilassung. Mitte der Neunziger Jahre verhinderte dies ein begutachtender Psychiater mit der Begründung, „der Verurteilte sei immer noch hochgradig verstimmbar und einem Leben in Freiheit nicht gewachsen“.

Da wird jemand siebzehn lange Jahre für teures Geld eingelocht, ist dann immer noch verstimmt und bleibt zum eigenen Besten im Gefängnis. Dank Psychiatrie sitzt er nicht mehr für Schuld, sondern aus Fürsorge ein. Der beauftragte Gutachter ist offenbar der Auffassung, siebzehn Jahre Gefängnisaufenthalt fördere Lebensfreude, gute Stimmung und bereite optimal auf die Freiheit vor. Eingesperrte Gutachter würden zweifellos voller Optimismus verbliebene Gefängnistage zählen und daher frühzeitig begnadigt werden.

Immerhin bemühte man sich um eine gründliche Begutachtung des zu „Lebenslänglich“ verurteilen Terroristen, die so selbstverständlich auch wieder nicht ist. Mancher rastlose Gutachter weiß in seinem erfüllten Psychiaterleben nicht weniger als 34.000 (in Worten: vierunddreißigtausend) Fälle persönlich zu bearbeiten.

Wie sich die Zahlen gleichen! Im Kapitel „Religion und andrer Aberglaube“ bewunderten wir die psychiatrische Nähe zu Teufelsaustreibungen. Manchen katholischen Exorzisten gelingt es, während ihrer Karriere bis zu achtzehntausend Teufel auszutreiben. Die einen treiben, kirchlich berufen, Teufel aus, die andern treiben psychiatrisch-diagnostisch Teufel ein (ins Irrenhaus) - arme Teufel allemal!

Das durchschnittliche Arbeitsleben eines Psychiaters umfaßt ca. 8.000 Arbeitstage. Bei 34.000 Begutachtungen sind demgemäß durchschnittlich vier Fälle am Tag zu bearbeiten. Da die Gutachtertätigkeit in der Regel neben anderen Aufgaben ausgeübt wird, Klinikleitung, Lehre, Nervenarzt-Privatpraxis usw., bleibt pro Fall vielleicht eine halbe Stunde. Geübte Ferndiagnostiker schaffen die Begutachtung allerdings in wenigen Minuten und Vorzeige-Psychiater entscheiden im Zweiminutentakt über das Vorliegen irreparabler Geisteskrankheiten. Die Süddeutsche Zeitung schalt Gutachter am 15. Oktober 1991 eine „gewissenlose Bande“, was der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an verdiente Kollegen allerdings nicht im Weg stand.

Manche Gutachter sind so begabt, daß sie Wahnsinn förmlich riechen können. Nehmen sie sich dennoch zwei Minuten Zeit für einen Irren, ist das ein Akt purer Höflichkeit. Wir riechen auch etwas, es stinkt ganz entsetzlich und kommt nicht vom Irren. Unglücklicherweise haben nicht alle Irrenspürhunde eine so feine Nase. Sie müssen den Irren vor seiner Endlagerung als schizophrene Karteileiche erst wiegen, vermessen oder sonstwie untersuchungstechnisch vergewaltigen.

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Zwischen 1995 und 1997 narrte der gelernte Postbote Postel die sächsische Psychiatrie und befand in etwa vierzig Betreuungsgutachten über Schuld oder Unschuld von Straftätern. Postel, ein erfahrener Mann, der schon zu Beginn der Achtziger Jahre als falscher Amtsarzt „Dr. Dr. Bartholdy“ gearbeitet hatte, wurde entlassen. Schade! Die Trefferquote Postels war nicht schlechter als die promovierter Gutachter! Vergleichbare Ergebnisse würden wahrscheinlich im Sinne einer Stichprobe auch beliebig aus der Gesamtbevölkerung eingesetzte Gutachter produzieren.

Auf die Qualität der Ausbildung kommt es übrigens nicht an! Die Psychiatrie wird nicht wegen zutreffender Gutachten benötigt, sondern erfüllt präventive Aufgaben. Das Gefängnis dieser Tage hat an Schrecken verloren! Staatsbürger müssen im Interesse gedeihlichen, sozialen Zusammenlebens wenigstens die Psychiatrie fürchten. Werden dabei richtige Patienten falsch und falsche richtig begutachtet, ist dies im Sinne der Staatsraison unvermeidbar.

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Um beide Pole des Irrsinns gejagt fühlen sich begutachtete Personen, werden ihnen anschließend Gutachter-Rechnungen präsentiert. Sie haben die Kosten selbst zu tragen, da Vormundschaftsgerichte immer im Interesse der Betroffenen tätig werden. Vorsicht, liebe Irre, nicht ärgern und ja nicht ausrasten, sonst läßt die dauerhafte Einweisung nicht lange auf sich warten!

Die kostenpflichtige Gutachterauskunft ist wertvolle Grundlage weiterer Lebensplanung. Jedem halbwegs verständigen Irren dämmert, daß er sich weitere Auffälligkeiten kaum mehr wird leisten können. Selbst ein tadelloser Leumund, eine einwandfreie Lebensgestaltung schützen nicht vor der Beurteilung, eine Jahrzehnte währende normale Lebensführung hätte nur die wahre schizophrene Persönlichkeit überlagert. Gutachten besiegeln so oder so, durch Schuld‑ oder Freispruch, einen lebenslangen Bund mit der Psychiatrie. Bis daß der Tod ihn scheidet...!

In den USA fällt die Jury das Urteil, entscheiden Schöffen mehrheitlich darüber, ob Straftäter geisteskrank sind oder nicht. Gutachter werden lediglich gehört. Dieses Verfahren überzeugt, weil Einzelpersonen weniger Macht eingeräumt wird. Demgegenüber behaupten Psychiater, Laien seien mangels Sachkompetenz zu einer Beurteilung gar nicht in der Lage. Sie sind es - und nicht vergessen: Über Hexen und Ketzer saßen Personen mit erstklassiger akademischer Bildung zu Gericht!

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Begutachten heißt, sich Betroffenen nicht mehr offen, sondern versteckt, ja hinterhältig zu nähern. Die bloße Tatsache einer Begutachtung bedeutet die Vorverurteilung durch Ausgrenzung. Mitmenschliche Auseinandersetzung, so schwierig sie im Einzelfall sein mag, weicht einer körperlichen, geistigen und seelischen Vermessung. Kaum einem Staatsbürger ist bekannt, was ihm Unterbringungsgesetze im Namen von Hilfe und Fürsorge an diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, sowie an Einschluß zumuten.

Während strafrechtliche Verurteilungen die Dauer des Einschlusses berechenbar machen, kann dies von psychiatrischen Gefängnisaufenthalten nicht behauptet werden. Mancher bleibt für immer, ohne die geringste Straftat begangen zu haben. Anderen gelingt nach viermaligen Kapitalverbrechen und Psychiatrie-Einweisungen ein fünfter Sprung in die Freiheit. Da tut es einem schon ein bißchen leid um das viele Geld für Gutachten!

Obwohl außer „Orientierungs‑ oder Verhaltensstörung“ keine sichere Diagnose möglich ist, läßt sich hinter nichtssagenden Formeln jede in Lehrbüchern aufgelistete Geisteskrankheit unterbringen. Kraft Gutachtergewalt werfen Psychiater ihre Gegner mühelos in den Staub. Staatsbürger liefern sich der unaufhaltsam entmündigenden Macht von Psychologie und Psychiatrie aus, der Allmacht weniger, die ihre Kompetenz durch nichts bewiesen haben. In Kalifornien ist jeder Psychologe berechtigt, auffällige Personen in psychiatrische Krankenhäuser einzuweisen. Der bloße Hinweis auf eine erforderlich werdende psychiatrische Begutachtung besitzt hohe disziplinierende Wirkung. Nur, wer begutachtet die Gutachter?

Umfragen zufolge glaubt ein Großteil der Befragten, die meisten Psychiater und Gutachter seien mehr oder minder ver-rückt. Konsequent weiter gedacht, läßt also die Normalbevölkerung Irre von Ver-rückten bewachen und sorgt sich dabei kaum um das eigene Wohlergehen. Die Ver-rückten sind immer die anderen! Niemand rechnet damit, selbst an einer Psychose zu erkranken und Wahnvorstellungen zu entwickeln – ein grundlegender Irrtum!

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Auf Deutschlands Straßen: Jemand schiebt in betrunkenem Zustand sein Fahrrad. Aufgrund Alkoholgenusses kann er nicht mehr sicher fahren: Verkehrskontrolle, Blutentnahme, Anordnung eines psychologischen Tests. Die junge Psychologin kommt zum Ergebnis, dieser Mann sei eine „wandelnde Zeitbombe“, ein Sicherheitsrisiko im Straßenverkehr. Die Ordnungsbehörde entzieht den Führerschein auf Dauer! Jahrein, jahraus fahren Menschen Mitbürger mit Kraftfahrzeugen tot, was selten zu dauerhaftem Führerschein-Entzug führt. Hier benutzt jemand ein Fahrrad, schiebt es, um sich und andre nicht zu gefährden, und verliert, unfallfrei, dauerhaft seinen Führerschein. Jede Medaille hat zwei Seiten: Bei Piloten konnten Gutachter nach einer Kraftfahrzeug-Trunkenheitsfahrt keine nachteiligen Rückschlüsse für die verantwortliche Führung eines Verkehrsflugzeugs ziehen.

Nach vergeblichen Bitten beklagt sich jemand bei der Ordnungsbehörde über nächtliches Hundegebell im Nachbargarten. Mitarbeiter der Verwaltung, offenbar mit tiefem Schlaf gesegnet, wittern einen Querulanten. Den Antragsteller erreicht statt Abhilfe eine Vorladung zum psychologischen Test bezüglich seiner Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen. Begründung: Jemand, der sich von Hundegebell in seiner Nachtruhe stören läßt, ist am Tage zum Führen von Kraftfahrzeugen nicht geeignet.

Verfassungsrichter befanden vor Jahren, der Konsum eines einzigen Haschisch-Joints rechtfertige die routinemäßige Anordnung der anspruchsvollen Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU), deren Bewältigung schwieriger ist als der Erwerb des Führerscheins bei ausgefuchsten Fahrprüfern.

Die gesamte Materie offenbart, daß die untere Widerstandslinie der Bürger zumindest dann schwach wird, wenn es sich um Pseudoreligionen wie Psychiatrie und Psychologie handelt. Vielleicht wird ein bißchen gemurrt und gemeckert, aber der kollektive psychologische Knebel steckt schon viel zu tief im Hals, als daß er noch ausgespieen werden könnte.

Es wäre unfair, den schwarzen Peter dem Gutachterheer, das Verwaltungspaläste und Gerichtssäle belagert, alleine zuzuschieben. Psychologen und Psychiater machen, was die Öffentlichkeit verlangt und berücksichtigen, daß diese ungern Fehler verzeiht. Besser gut ausgelastete Psychiatriegefängnisse als ein Irrer zu viel in Freiheit; lieber zehn Führerscheine zu viel entzogen als einen zuwenig!

Statt das System in Frage zu stellen, wird an der Gegenfront aufgerüstet! Wer es sich leisten kann, nimmt in teuren Wochenendseminaren den Kampf auf zur Wiedererlangung des Führerscheins durch Bestehen der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung. Dies stählt insbesondere für das gefürchtete Einzelinterview. Der Erfolg ist vorprogrammiert: Referenten und Prüfer sind weitgehend identisch. Entscheidend ist nicht, was man denkt, sondern das, was man sagt. Angriff und Abwehr erfassen auch den Alltag! Wer wagte noch eine Arbeitsplatz-Bewerbung, ohne vorherige Beschäftigung mit der richtigen Beantwortung psychologischer Testfragen?



                 Anstaltspsychiatrie

Menschenmühlen

Wer zu viel stiehlt, wandert in den Strafvollzug, wer zu wenig nimmt, in die Psychiatrie. Früher wurden Irre und Gesetzesbrecher zusammen eingesperrt – zu Recht! Kriminelle lernen nicht, so geschickt und sozialverträglich zu stehlen wie angesehene Gesellschaftsmitglieder. Ver-rückte versäumen, so kriminell zu sein wie die asozial strukturierte Gesellschaft. Strafe muß sein! Von allen Menschenmühlen ist die Anstaltspsychiatrie die furchtbarste, dafür mahlt sie um so zuverlässiger. Einige Geschmacksproben:

Ernst Klee schildert in „Irrsinn Ost – Irrsinn West“ den Fall einer 27‑jährigen Mutter, die 1943 aufgrund einer Schwangerschaftspsychose ins Irrenhaus gebracht worden war. Die (damals neunjährige) Tochter erinnert sich an den letzten Besuch: Das Haar meiner Mutter war grau geworden. Sie lebte in fürchterlicher Todesangst und flehte: „Holt mich hier raus, die bringen alle um!“ Eine Tante kommentierte mitfühlend: „Jetzt ist sie wirklich ver-rückt geworden.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte die Heil‑ und Pflegeanstalt bereits 18.000 Menschen umgebracht. 1944 erreichte die Familie ein Telegramm: Die Mutter war an einer „Lungenentzündung“ verstorben.

„Kolonie des Horrors“ nannte der argentinische Volksmund die psychiatrische Klinik „Montes de Oca“. Menschenrechts-organisationen entsetzten sich seit Jahrzehnten über fürchterliche Zustände. Der argentinische Gesundheitsminister befand hingegen die geleistete Arbeit der psychiatrischen Einrichtung für anerkennenswert.

Wir geben dem Gesundheitsministerium recht und würdigen den psychiatrischen Beitrag zum Abbau ungezügelten argentinischen Bevölkerungswachstums. Jährlich kamen mindestens hundert Menschen unter ungeklärten Umständen ums Leben. Die Leichenbeseitigung verursachte nicht einmal Kosten, da die Klinik mit Blut und Organen aller Art handelte. Darüber, wo die Einnahmen versickerten, darf gerätselt werden. Wo Organe so pietätvoll entnommen werden, sollte deren angemessene Bestattung in allernächster Nähe möglich sein, etwa im Herzzentrum nebenan. Verdächtige Leichenreste löste ein Chemikalien-Teich auf.

Psychiatrisch Einsitzende bekommen selten Besuch! So fiel in dieser Klinik selbst das Fehlen von ein bis zwei Patienten-Augen kaum auf. Die Hornhaut schnitt kaum angelerntes Personal aus den Augen. Das ersparte Behandelten künftig Verletzungen durch schädliche UV-Strahlung!

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Ein 1995 bekanntgewordenes Kindermärchen: Der zweijährige Oskar wird nach Überleben einer Gehirnhautentzündung gesund aus der Klinik entlassen. Aufgrund untragbarer Familienverhältnisse wird er als Vierzehnjähriger in ein Heim eingewiesen, in dem er nicht bleiben mag. Er flüchtet erfolglos mehrere Male. Die Heimleitung wälzt die Akten und besinnt sich seiner frühkindlichen Hirnhautentzündung. Gute medizinisch-psychiatrische Buchführung macht sich immer bezahlt! Eine Psychiaterin diagnostiziert „Hirnschädigung und Intelligenz-Retardierung im Sinne mittleren Schwachsinns“. Die Direktion liefert Oskar erleichtert einer geschlossenen Anstalt aus.

Vier Monate später weisen anstaltseigene Tests Oskar als normal begabten Patienten aus. Zum Schutz der Öffentlichkeit und des eigenen Einkommens mag man aber vorsorglich neun Jahre lang den eigenen Untersuchungen nicht trauen. Wer schon einmal da ist, hat Anspruch auf Behandlung! Während der Achtziger und Neunziger Jahre hatten Psychopharmaka den Gipfel psychiatrischer Heilkunst erklommen. An Oskar werden insgesamt zwei bis drei Kilogramm Medikationsmüll zwangsverfüttert. Er überlebt als körperliches und seelisches Wrack, ist endlich so krank, wie er zu sein hat!

Mit Hilfe einer unermüdlich kämpfenden Studentengruppe, die zufällig auf ihn aufmerksam wird, kommt Oskar frei. Er wird aufgepäppelt und erhält durch Gerichtsurteil eine Viertelmillion Euro Schadensersatz zugesprochen. Die Geschichte hat auch ihr Gutes, wenigstens für andere. Irgend jemand hätte die Medikamente immer schlucken müssen, so hart sind die Gesetzes des Marktes!

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Eine erwachsene Tochter folgt gegen den Willen ihrer Eltern dem spontanen Wunsch, eine große Tänzerin zu werden und beginnt eine Tanzausbildung. Ein Student sitzt gedankenverloren eine Stunde lang still und unbeweglich an einem Bach, schaut Forellen zu und antwortet nicht auf Fragen „helfender“ Bürger. Beide Personen können in geschlossenen Anstalten besucht werden. Extremfälle? Jedenfalls bedarf es eines wenig auffälligen Verhaltens, und keineswegs der Begehung von Straftaten, um im Psychiatriegefängnis zu landen!

Über den Horror Ost sind wir weniger gut unterrichtet! Sozialistische Psychiater waren nach 1945 mit der Rettung volkseigenen Erbgutes befaßt und schützten die Volksgesundheit der ehemaligen DDR durch international geächtete Röntgenkastrationen bei politischen Gefangenen und anderen Ver-rückten.

Das Unglück kinderloser Ehepaare im kinderfreundlichen Argentinien rührte das Personal in Montes de Oca tief. In Gefangenschaft geborene Kinder wurden den Patientinnen weggenommen und an zahlungswillige Adoptiveltern verhökert. Dies war einer ehemals europaweit verbreiteten Unsitte weit überlegen. Im Irrenhaus geborene Kinder wurden der Einfachheit halber gleich als Irren-Nachwuchs einbehalten, das Sorgerecht dem Direktor übertragen, der möglicherweise seine Vaterschaft bestätigt sah.



Beutegreifer

Mit der Erwähnung des Nachwuchsproblems wird ein empfindlicher Nerv der Psychiatrie aufgebohrt. Die Medizin schöpft aus der unendlichen Reserve immer neuer alter Krankheiten. Gehen diese trotzdem aus, sorgt die Zivilisation durch mutwillige Zerstörung von Leib und Leben für ausreichend neue Patienten.

Bei der Psychiatrie ist das anders! Seelische Krankheiten werden vom Zeitgeschmack bestimmt, Heilungsformen von den Ver-rücktheiten des Zeitalters. Irre, die so schwachsinnig sind, sich freiwillig behandeln zu lassen, sind selten, weshalb die Akquisition von Patienten unverzichtbar ist! Aus Angst vor Schädigung des pseudoreligiösen Heiligenscheins darf dies nicht nach außen offenbar werden. Die Psychiatrie wird zum einsamen Beutegreifer, der am Wegrand psychisches Aas schlägt. Fehlt es an Fraß, heißt es erfinderisch sein!

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Fragebögen fordern Kinder zur Schilderung persönlicher Probleme auf, die dann zu seelischen Erkrankungen umdefiniert werden können. In Zeiten großer Futternot werden schon Kinder auffällig, die über Alleinsein klagen, schnell weinen, Angst davor haben, in die Schule zu gehen usw. Die Kinder‑ und Jugendpsychiatrie stellte vor wenigen Jahren fest, daß etwa achtzehn Prozent der Kinder und Jugendlichen dringend Hilfe benötigen.

Leider wird der ganze psychiatrische Erfindungsreichtum zur Früherkennung künftiger Behandlungsopfer verbraucht. Die verheizte Kreativität fehlt anschließend bei der Behandlungsvielfalt. Ungeachtet der Schwere der Tat werden Erziehungs- und Entwicklungsschwierigkeiten daher bevorzugt mit Medikamenten-Hämmern angemessener Stärke verfolgt.

Die Kundschaft wird mehrfach ausgebeutet! Familiäre und gesellschaftliche Verhältnisse schwächen psychisch auffällig werdende Menschen vor und nach der Geburt. Es folgt die erzwungene, kostenpflichtige Inanspruchnahme spezialversorgender psychiatrischer Einrichtungen. Eine dritte, subtile Ausbeutung findet in der Zuweisung niedrigen Ansehens statt, wovon der Rest der Gesellschaft profitiert, der sich entsprechend überlegen fühlt.



Alltag

Obwohl kaum etwas so gleich macht wie Wahnsinn, leben Standesunterschiede im Irrenhaus weiter. Christine Lavant verbrachte 1946 freiwillig sechs Wochen ihres Lebens in der Landesirrenanstalt Klagenfurt und wurde mit der sogenannten „Arsen-Kur“ und sonstigen Schikanen, die zum damaligen Zeitpunkt für therapeutisch gehalten wurden, traktiert. In ihren „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ berichtet sie über diese „Vorhölle der Verdammnis“. Die starre Klassenstruktur jener Zeit erlebte sie geradezu karikaturistisch verhärtet: vornehme Patientinnen erster Klasse, Comtessen, wohlhabende Bürgersfrauen; Kranke zweiter Klasse, deren Zwangsaufenthalt die Krankenkasse finanzierte; Irre dritter und letzter Klasse, deren Kosten die Heimatgemeinde zu tragen hatte und die darum das niedrigste Ansehen genossen. Kein Wunder, daß Irrsinn standesdurchbrechende Wahnvorstellungen besitzt! Dienstmädchen halten sich für adelig, Blaublütige für Leibeigene, Zigarettenverkäufer für Mathematik-Genies... Mehr Wahnsinn als im Wahnerleben selbst ist allerdings in Gesellschaftsverhältnissen anzutreffen, die ihn hervorbringen.


Der Leiter des Irrenhauses Klagenfurt, ein begeisterter Nationalsozialist, löste Klassenunterschiede etwas zu unbürokratisch auf und führte zahllose Patienten der Endlösung zu. 1946 wurde er hingerichtet, was durchaus konsequent war. Unwertes Leben war nach der von ihm selbst vertretenen Ideologie zu töten!

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Marsch, marsch ins Bett! Man weiß von alters her: Bettruhe heilt Krankheiten! Ver-rückte werden in psychiatrische Betten gesperrt, selbst wenn sie neben der ausgemachten Wahnsymptomatik vor Kraft und Gesundheit strotzen. Einfallsreiche Fesseln, in der modernen Variante Psychopharmaka, ersetzen fehlende körperliche Bewegung. Begleitender Entzug von Licht, Luft und Sonne gewährleistet dauerhaftes Wohlbefinden und rasche Genesung.

Langsam beginnt der Wahnkranke, zwischen Tranquilizer und Aufheller wie eine Flipperkugel hin‑ und hergeschossen, einen ordentlichen Tagesablauf im Gleichschritt gesunden Volksempfindens einzuüben. Dies auch dann, wenn seine innere Uhr bis zu einer vollen Tag‑ und Nachtverschiebung vor‑ oder nachgeht. Wessen innere Uhr anders tickt, tickt jedenfalls nicht richtig - und das ist heilbar! Wird dabei die Feder der Lebensuhr überzogen und bricht, ist das Problem auch gelöst. Ein neuer Bettchen-Anwärter, der Probleme mit der Zeiteinteilung hat, kann geheilt werden.

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Psychiatrische Kliniken lieben ein sauberes Erscheinungsbild. Kein Irrer soll in die Hose scheißen oder zum Fenster hinaus pinkeln. Erotikfreie und humorlose Umgangsformen werden geschätzt. Ver-rücktsein ist schon lustig genug, viele Irrenwitze beweisen es! Patienten und Personal wollen sich angenehm vom viehischen Benehmen der durchschnittlich besoffenen und bekifften Bevölkerung abheben.

Das glatte Gegenteil wäre normal, jedenfalls auf Patientenseite! Fallen Menschen ins Kindsein zurück, geht oft einiges „in die Hose“. Vor dem Siegeszug der Psychopharmaka haftete der Geruch von Urin an Irrenhäusern. Einnässen und Einkoten sind uralte Formen unbewußten Protestes, bekannt aus Kindheit und Alter. Selbst Haustiere äußern so ihren Unmut oder machen auf Hilflosigkeit aufmerksam. Höher entwickelte Tiere, beispielsweise Gorilla-Gruppen in freier Wildbahn, von fortschrittlichen Lebensweisen durch immer kleinere Lebensräume gehetzt, verlieren in Todesangst auf der Flucht große Mengen an Urin und Kot.

Ist niemand mehr normal, soll es wenigstens der Irre sein! Er wird zum Forschungsobjekt dieser „rätselhaften“ Unsauberkeit. Der Erfolg läßt grüßen! Letzter so geäußerter Protest wird, medikamentös erstickt, zur erklär- und behandelbaren Krankheit umgeformt. Therapierbare „Nebenwirkungen“ folgen auf dem Fuße: Speichelfluß, Brechreiz, Durchfall, Bewegungsstörungen...

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Nirgends ist es leichter, sich ver-rückt zu verhalten, als im Irrenhaus. Das bedingt die Käfighaltung zusammengepferchter, zum Teil akut wahnkranker, vorgeschwächter Menschen, die unvermittelt aus ihrer gewachsenen sozialen Umgebung herausgerissen wurden.

Man sollte glauben, wer in einem Psychiatriegefängnis eingesperrt wird, besitzt das verbürgte Recht, sich entsprechend der Brandmarkung und Stigmatisierung zu verhalten. Wo sonst sollte ein Wahnkranker gefahrlos für sich und andere sich ausdrehen, ausspinnen, austoben können? Wo anders - in einer vor Logik und Rationalität explodierenden Welt - sollte ein Stück Kindheit und Entwicklung, um das immer mehr Menschen betrogen werden, mit aller damit verbundenen Irrationalität nachgeholt und ausgelebt werden?

An keinem Ort ist es gefährlicher, sich ver-rückt zu verhalten, als im Irrenhaus! Nirgendwo werden als soziales Fehlverhalten interpretierte, wahnbedingte Verhaltensweisen so drakonisch sanktioniert wie innerhalb der Psychiatrie. Verhalten, das in Freiheit eine scharfe Zurechtweisung nach sich zöge, wird im Irrenhaus gnadenlos geheilt, bis ins Mark der geknechteten Persönlichkeit hinein. Die Betroffenen werden in innere Gefängnisse gesperrt, chemische Zwangsjacken, deren Verwendung kein Rechtsstaat verbietet und kein Richter wirksam kontrolliert!

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Menschen aus Naturvölkern kann man nicht zu Freiheitsstrafen verurteilen. Sie sterben dem Bewachungspersonal unter den Händen weg. Nur weil Gefangene in sogenannten zivilisierten Nationen Einschluß länger überleben, heißt das nicht, deren Persönlichkeit würde nicht vergleichbar ruinös zerstört. Die Psychiatrie selbst räumt ein, schwere, chronifizierte Fälle seien häufig hausgemacht, d.h. kämen allein durch die Hospitalisierung zustande!



Ohren der Psychiatrie

Das Gemeinwesen fürchtet Ver-rückte, denen keine wichtigen Wahnprojekte zugewiesen wurden: Entwicklung und Betrieb von Atomkraftwerken, Ruinierung des Trinkwassers durch Chemie, Versiegelung der Landschaft durch Straßen- und Städtebau, Entwicklung von Landminen, Vergiftung der Böden durch intensive Landwirtschaft, industrielle Verunreinigung der Atemluft, dauerhafte Umgestaltung der Wälder in Papier usw.

Normale Irre sind sofort zu ergreifen, damit sie keine Bagatell-Schäden anrichten. Fahndung und Festnahme wurden Psychiatern zugewiesen, die aber nicht immer und überall sein können. Obwohl einmal Sehen besser ist als tausendmal Hören, bleibt nichts anderes übrig, als mit großen Ohren in die Bevölkerung hinaus zu lauschen. Das feingefächerte Netz verläßlicher Außenstellen, Nervenarzt‑ und Psychiatrie-Praxen, psychologischer Beratungsstellen, Vereinen für Lebenshilfe usw., filtert aus Gehörtem die Spreu vom Weizen und reicht Irre, oder was sie dafür hält, an die Psychiatrie weiter. Auf diese Weise wird an Irren bereits durch ambulante Betreuung verdient.

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In der Leistungsgesellschaft sitzt selbst Psychiatern die Erfolgsquote im Nacken. Sie können Wahnkranke nicht ewig heilen und hierzu unbegrenzt einsperren. Ist die Drogenabhängigkeit erst perfekt, gibt es auch keinen vernünftigen Grund mehr, Irre länger zu behalten. Man reicht sie an die Außenstellen zurück, die sich für die Zuführung verläßlich außer Gefecht setzender Giftmengen verbürgen, der Psychiatrie ihr wachsames Beobachterauge leihen und ggf. für rechtzeitige Wiedereinweisung sorgen. Eine Hand wäscht die andere!

Obwohl der Abschied von Wahnkranken schwer fällt, läßt die Psychiatrie sie gerne ziehen, weiß sie doch, es ist kein Abschied für immer. Drogensüchtige können ohne Medikamente nicht mehr auskommen und kehren irgendwann ins elterliche Heim der großen psychiatrischen Familie zurück.



Lebensversickerungsanlagen

„Hospitalismus“ nennt die Psychiatrie eine hausgemachte Wahnkrankheit. Insassen verwandeln sich durch jahrzehntelangen Irrenhaus-Alltag in stumpfsinnige, seelisch und körperlich verfallende Wracks. Entgegen äußerem Anschein tragen sie gleichwohl einen sorgsam gehüteten, inneren Lebensfunken in sich und reagieren in beispielloser Feinfühligkeit auf winzige Veränderungen wie Auswechselung von Blumen, Erneuerung der Wandfarben usw. Die rastlos heilende Psychiatrie hat für solche Beobachtungen natürlich keine Zeit. Glück haben stumpfsinnig gewordene Wahnkranke, die für unheilbar gehalten werden und von Behandlungen verschont bleiben! Pech für andere, deren Lebensfunke per Elektroschock ans Licht getrieben wird! Sie werden um die letzte Hoffnung betrogen, einfach hinweg zu dämmern!


Zu allen Zeiten, an allen Orten war es leicht, in Irrenhäuser zu gelangen und schwer, ihnen zu entkommen. Kurze Wege führen ins Irrenhaus, lange Wege hinaus! Räumlich nur wenige Meter entfernt, leben deren Insassen ferner als der nächste Planet. Irrenhaus-Türen stehen weit und jedermann offen, unabhängig von Gesellschaftsschicht oder Position. Untersuchungen belegen, daß es selbst für solche Personen mitunter extrem schwierig wurde, wieder freizukommen, die sich zu Qualitäts-Testzwecken, mit Wissen und Billigung von Notaren, freiwillig in psychiatrische Anstalten begeben hatten. Der Weg ins Irrenhaus ist eine Einbahnstraße! Psychiatrische Lebensversickerungsanlagen saugen Verdammte und Verfluchte an den verzweifeltsten Orten der Welt ein. Orwells Vision „1984“ wurde schon lange Wirklichkeit: Nur wem es gelingt, den „großen Bruder“ Psychiatrie zu lieben, dem winkt vielleicht noch einmal die Freiheit!

Eine alte Psychiaterregel: „Einen Patienten soll man entlassen, wenn er Gewichtszunahme, Krankheitseinsicht und Dankbarkeit zeigt.“ Angesichts „freiwilliger“ und unfreiwilliger Zwangsbehandlungen ist die Hintanstellung von Rachegefühlen nicht jedermann gegeben. Gott schütze dich vor deinen Freunden! Auf Seiten der Psychiatrie fehlt es nicht völlig an Einsicht. Der italienische Reformpsychiater Franco Basaglia: „Eigentlich ist überall bekannt, daß psychiatrische Anstalten nicht heilen, sondern zerstören!“



                  Sozialpsychiatrie

Übermenschen haben immer Konjunktur, Untermenschen sind selten gefragt. Irre wechseln, Unkrautpflücker bleiben! Soldaten der Sozialpsychiatrie führen ihren heldenhaften Kampf ziemlich hinterfotzig aus sicheren Behandlungs-Schützengräben. Dabei bedenken sie nicht, daß durch Ausmerzung von Menschen am unteren Ende der Gesellschaft jenen am oberen Ende ein wichtiger Gegenpol entzogen wird. Was ist überhöhender Wahn am oberen Ende der sozialen Stufenleiter wert, wenn zum abhebenden Vergleich Ver-rückte am unteren Ende fehlen? Wir riskieren einen vergleichenden Blick in Verhaltensmuster der Natur.


Das Fehlen genetischer Vielfalt in der Pflanzenwelt überrascht mitunter recht unangenehm. Unzählige Weinbauern der Balkanstaaten brauchten im 19. Jahrhundert fast über Nacht ihre Rücken nicht mehr krumm zu biegen. Eine winzige Reblaus ersparte ihnen dauerhaft die mühsame Traubenernte! Nahezu die gesamte irische Kartoffelernte wurde Mitte des 19. Jahrhunderts auf einen Schlag von einer mysteriösen Krankheit vernichtet. Der Kartoffelanbau erholte sich erst, als eine aus den südamerikanischen Anden stammende wilde Kartoffelart eingekreuzt wurde. 1970 wurde die Maisernte in den USA großflächig vernichtet. Nur die Einführung einer weniger hochgezüchteten, resistenteren Maissorte konnte die Folgeernten retten. 16 Millionen Dattelpalmen fielen bereits einer heimtückischen Pilzerkrankung zum Opfer. Dem gesamten Bestand Tunesiens und anderer Länder droht das Aus, werden weiterhin einseitig Datteln produziert, die nur dem europäischen Gaumen munden. Fachleute fordern ebenso eindringlich wie erfolglos die Wiederherstellung der ursprünglichen Pflanzenvielfalt. Vielleicht lassen sich zur Verbesserung des Ausgangsmaterials bei Sozialpsychiatern ein paar Ver-rückte einkreuzen?

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Taubstumme erfreuten sich während des Nationalsozialismus besonderer Fürsorge der Sozialpsychiatrie, obwohl sie bis Ende des 19. Jahrhunderts in der Gesellschaft gut integriert waren. Sogar Professoren kamen aus ihren Reihen. Wen ernsthafte Zweifel an der Leistungsfähigkeit Taubstummer plagen, überlege einmal, welche Bestleistungen sie erzielen. Mittels einer ganz unglaublich vielfältigen Gebärdensprache wird die komplexe Sprache des Industriezeitalters übersetzt. Nicht jedem ist solche Ausdrucksfähigkeit gegeben. Die Sozialpsychiatrie konnte sich bis heute nicht entschließen, bei diesen und anderen Menschen für die begangenen Greuel um Vergebung zu bitten.

Trotz alledem ist der Sozialpsychiatrie mit ihrer These von der Erblichkeit bei Geisteskrankheiten recht zu geben! So viel Dummheit und Grausamkeit, wie sie beim Umgang mit sogenannten Geisteskrankheiten aufbricht, kann eine einzige Generation unmöglich produzieren. Die Vererbungstheorie ist plausibel!



           Verhaltensgestörte Kinder

1991 mutmaßten Kinder auf einem in Frankfurt veranstalteten „Kindergipfel“, Erwachsene hätten einen „Konstruktionsfehler“. Viele Erwachsene finden ihrerseits den Nachwuchs falsch entworfen. Das Bayerische Staatsministerium für Arbeit, Familie und Sozialordnung klagt, die Zahl verhaltensgestörter Kinder im Einschulalter sei groß wie nie zuvor. Bis zu zwanzig Prozent seien verhaltensauffällig, jedes Jahr würden es mehr!

Wider Willen erwachsen geworden, solidarisieren wir uns mit Verhaltensstörungen und sind diesen Frühindikatoren dankbar, zu wissen, wie es ums Gemeinwesen steht. Spitzenreiter ist ständiges Wippen auf einem Stuhl. Ganz neu ist dies nicht, wie gebildete Leute wissen, denen in der Kindheit noch „Struwwelpeter“ vorgelesen wurde. Der Arzt Heinrich Hoffmann diffamierte 1848 den „Zappelphilipp“ literarisch: „Er gaukelt und schaukelt, er trappelt und zappelt auf dem Stuhle hin und her.“ Auf den weiteren Plätzen folgen Hauen, Raufen, Haareziehen und andere Garstigkeiten. Ob hier von Verhaltensstörungen auszugehen ist, bleibt offen. Daß Kinder nun anfangen, ihre Lehrer zu erschießen, ist allerdings gar nicht nett!

Neben Schlafstörungen, Migräne und Konzentrationsschwäche wird katastrophales Ausdrucksvermögen beklagt. Eine schlimme Krankheit, aber die Kinder leiden nicht allein, sondern mit ihnen das aus allen Ausdrucksnähten platzende Wissenschafts-Chinesisch und Fach-Kauderwelsch. Die Fahnder beanstanden weiter, daß zwei- bis fünfjährige Kinder bis zu dreißig Stunden pro Woche fernsehen und damit fast eine Arbeitswoche absolvieren. Nicht wenige Kinder könnten nicht mehr zwischen Realität und Phantasie unterscheiden.

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Der richtigen Analyse folgt die falsche Bewertung des Ministeriums. Die Kinder sind keineswegs gestört! Sie gebärden sich durchaus mustergültig, nämlich normal im Sinne des einzugehenden Kompromisses zwischen ihrer mächtigen, von Tier- und Menschenahnen beherrschten, Seelenwelt im Verhältnis zu den Anforderungen der sie umgebenden, äußeren Welt. Gesunde Kinder entwickeln daher „Verhaltensstörungen“. Unglücklicherweise ist erst ein Drittel der Kinder „verhaltensgestört“ und gesund, während zwei Drittel noch unauffällig, also krank sind!

Kinder, die noch nicht unter Verhaltensstörungen leiden, machen Sorgen. Wir fürchten, daß sie eines Tages ganz normale Menschen werden könnten und zum Raub von Bodenschätzen ganze Landstriche eine Etage tiefer setzen, Atomkraftwerke in voller Kenntnis der Langzeitfolgen betreiben, sich schon für Fleischfabrikanten halten, wenn sie Tiere in KZ-Käfige sperren und mit Antibiotika ausstopfen, nuklearen Overkill spielen oder Technik aller Art in den Weltraum jagen, obwohl dieser bereits Massenkarambolagen veranstaltet. Dies wird sich erst ändern, wenn sich alle Kinder richtig verhalten, nämlich verhaltensgestört!

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Das Staatsministerium ist zwar nicht unserer Auffassung, hat aber die Größe der Gefahr erkannt. Jedem verhaltensauffälligen Kind werden ein bis zwei Professoren und drei bis vier promovierte Erzieher zur Seite gestellt. Angetroffene Auffälligkeiten werden dadurch so gründlich erschreckt, daß sie sich auf eine Spontan-Heilung einlassen!

Währenddessen treiben wir die Ursachenforschung voran! Immer kindhaftere Eltern suchen natürlichen Halt bei ihren Babys und Kleinkindern, drängen sie hierdurch in eine Erwachsenenrolle. Schon Drei‑ bis Vierjährige werden wie kleine Erwachsene behandelt. Sie überfordert der Rollentausch, der bis hin zur Verwechslung mit ausgewachsenen Sexualpartnern reicht. Die Kleinen entwickeln Auffälligkeiten, mit denen sie ihre Eltern so lange plagen, bis diese wieder gesund sind.

Das kann dauern! Wie verhaltensgestört Erwachsene sind, sehen wir an arbeitsamen Hinterbliebenen, die nach einem Todesfall lieber „Trauerarbeit“ leisten, statt traurig zu sein. Dabei überarbeiten sich manche so sehr, daß sie den zusätzlichen Trauerjob nicht mehr schaffen und sich gegen natürliche Depressionen Psychopharmaka verschreiben lassen. Diese Verhaltensstörung ist freilich unbedeutend gegen verhaltensgestörte Personen, die solche Psychopharmaka erfinden, produzieren oder verschreiben, durch keinen Trauerfall entschuldigt!

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Verhaltensstörungen sind auch ohne Wissenschaft leicht korrigierbar! Erwachsene und Umwelt müssen sich so lange ändern, bis Kinder sich wieder normal verhalten. Leider vertreten wir damit eine kaum beachtete Mindermeinung. Die herrschende Meinung beobachtete Stoffwechselstörungen und erfand die medikamentös orientierte Kinder-Psychiatrie. Das hyperaktive Kind erhält Beruhigungsmittel, das depressive Aufheller! Die Zahl der Schüler, die Psychopharmaka einnehmen, ist dramatisch gestiegen. Seelendrogen sind so gut nachgefragt, daß sie auf dem Schulhof vertrieben werden. Im beständigen Wechsel zwischen Trauer- und Glückspillen können die kleinen Drogensüchtigen gut gedeihen!


Besonders bedroht ist der moderne Zappelphilipp. Deshalb wagt er sich nur noch unter einem Decknamen unter die Leute: „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom“, kurz ADHS, sozusagen eine seelische AIDS-Erkrankung. Eltern bringt er wegen rasch wechselnder Wutausbrüche und depressiver Phasen an den Rand der Verzweiflung. Vier Prozent aller Kinder sind betroffen, Jungen dreimal so häufig wie Mädchen. Tendenz: stark steigend! Ihr Dopaminstoffwechsel soll gestört sein. Uneinigkeit besteht jedoch darüber, auf welche Weise. Wer am Medikamentenverkauf profitiert, neigt zur Diagnose „Dopaminmangel“ und verschreibt „Methylphenidat“, bekannt als Ritalin oder Medikinet.

Die Jugendpsychiatrie räumt ein, „ihr sei noch ein Rätsel, was im Gehirn passiere“. Aus Tierversuchen ist bekannt, daß Methylphenidat viel langfristiger wirkt als bisher angenommen. Es ist im Gehirn selbst dann noch nachweisbar, wenn es schon lange nicht mehr eingenommen wird. Die Gefahr von Abhängigkeit ist so groß, daß Ritalin und Medikinet dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Zu Recht! Schließlich hat erhebliche Bedenken zu betäuben, wer Kinder zum Wohle der Pharmaindustrie traktiert!

Manche Wissenschaftler glauben weniger an Dopaminmangel als an ‑überschuß und warnen vor schwerwiegenden Spätschäden, wenn trotzdem Methylphenidat verordnet werde. Das Risiko reiche bis zu Schüttellähmungen der Parkinson-Krankheit. Wir fürchten, zu spätem Zittern führende Arzneimittel wollen sicherstellen, daß Zappelphilipp sein Leben so beschließt, wie es begann: unruhig! Im Ergebnis drohen keine nennenswerten Einkommenseinbußen, da sich auch Dopaminüberschüsse eines Tages auf die eine oder andere Weise medikamentös behandeln lassen werden.

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Ritalin und Medikinet werden immer häufiger verschrieben, im Jahr 2000 bereits für vierzehnmal so viele Kinder wie noch 1993. Im laufenden Jahr ist mit einer weiteren Verdoppelung zu rechnen. Woher könnte es nur kommen, daß Kinder immer zappeliger werden? Fehlt es auch an Ursachen, mangelt es jedenfalls nicht an Therapeuten. Wer fühlt sich nicht alles zuständig für die neue ADHS-Krankheit und verschreibt Ritalin oder Medikinet: Kinderärzte, Laborärzte, Hausärzte, Radiologen, Frauenärzte, HNO-Ärzte, ja sogar Zahnärzte. Diagnose: eine erstklassige Vertriebsleistung der Medikamentenhersteller! Ein wenig mehr Kooperationsbereitschaft beim Nachwuchs vorausgesetzt, könnte künftig Methylphenidat allen Kindern als Vorsorge-Impfung verabreicht werden.


Seit sich immer mehr Unbefugte in den Vertrieb von Psychopharmaka einmischen, zieht sich die Kinderpsychiatrie vornehm zurück und gestattet erblichen ADHS-Symptomen konkurrierende Krankheitsursachen: „Auch wenn die Krankheit genetisch bedingt sei, könne ihr Auftreten durch äußere Umstände wie TV-Konsum und mangelnde Bewegung gefördert werden. Das soziale Umfeld sei wichtiger als Medikamente und Psychotherapie zusammen. Eltern und Lehrer seien mitschuldig an hyperaktivem Verhalten, weil sie weder Kontrolle ausübten noch Grenzen setzten.“ Für den zukünftigen Gebrauch schlagen wir aus Höflichkeit und Härte kombinierte Erziehungsmethoden vor: „Könntest du dich bitte ausnahmsweise wieder setzen, Philipp? Sonst breche ich dir alle Knochen!“

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Unseren sachfremden Vorbehalten gegen Psychopharmaka entgegnet die Psychiatrie, diese Wundermedikamente ermöglichten verhaltensgestörten Kindern sich besser in die Gemeinschaft einzufügen, was weiterer, zerstörerischer Persönlichkeitsentwicklung vorbeuge. Damit wird die insgesamt verhaltensgestörte Gesellschaft auf den Punkt gebracht. Die medikamentöse Knebelung sich aus innerer Sicht richtig verhaltender Kinder wird so lange beibehalten, bis sie so krank sind wie ihre Umwelt. Der Kreis schließt sich: Die nächste Generation noch „verhaltensgestörterer“ Kinder ist vorprogrammiert!


Schweden räumte mit dem Verschreibungs-Wildwest auf: Verordnen setze Fachkompetenz voraus! Der Einsatz der Therapie ist schriftlich zu beantragen, ein Therapieplan vorzulegen, Behandlungsverlauf und Nebenwirkungen sind zu dokumentieren. Seither haben Nebenerwerbs-Verschreiber keine Zeit mehr für Ritalin-Einsatz.

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Die Suche des Ministeriums nach den Schuldigen der Verhaltensstörungs-Misere verlief erfolgreich. Es sind die Eltern! Mittäter scheiden aus: Erziehungswesen, Lernstreß, der Kleinkinder schon in der Wiege überfällt, sich immer weiter auffächernde, immer jüngere Kinder ansprechende Subkulturen, Literatur und Video, Film und Fernsehen, Religion und Esoterik. Unzählige gesellschaftliche Faktoren nie gekannten Ausmaßes regieren in die Erziehung hinein. Kinder werden subtil mißbraucht als Werbezielgruppe unstillbarer Konsumerwartungen und unerfüllbarer Riesenansprüche ans Leben, die selbst die reichste Gesellschaft der Welt nicht befriedigen könnte. Wie gesagt, keine Schuldigen weit und breit, außer den Eltern!

Der Psychiatrie-Professor Thomas S. Szasz schrieb: Ein Kind als psychisch krank zu bezeichnen, heißt genau genommen, ihm ein Schild um den Hals zu hängen auf dem steht: „Abfall. Wirf es weg!“ Bei Erwachsenen verhält es sich übrigens ebenso!

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Wir trauen niemandem mehr und holen bei den Tieren Rat. Gorilla-Mütter stillen ihr Kind drei Jahre lang, bevor neuer Nachwuchs geboren wird. Wird im Auftrag verantwortungsloser Zoos versucht einer frei lebenden Gorilla-Gruppe ein Baby zu stehlen, stellt sich die ganze Gruppe schützend vor das Kind und kämpft bis zum Tod. Viel könnten wir von diesen sanften Riesen lernen!

Wenden wir uns abschließend dem ungeborenen Leben zu. Pränatale Heilungsformen stecken noch in Kinderschuhen. Das ist bedauerlich, da sich das ungeborene Leben zunehmend verhaltensgestört gebärdet. Mancher Fötus trommelt wie irr an die mütterliche Bauchwand. Zum Glück gibt es Neuroleptika, mit denen man sich erfolgreich gegen unbotsame Babys im Mutterleib zur Wehr setzen kann. Zwangsläufig wird die Mutter mitbehandelt, selbst wenn sie nicht ver-rückt ist! Frühe Behandlungen sind zu empfehlen, damit der Nachwuchs resistent wird. Um so besser munden ihm später Neuroleptika, die Verhaltensstörungen wie Nervosität, Unruhe, Gereiztheit, emotionales Ungleichgewicht etc. bekämpfen.



         Alter schützt vor Psychiatrie nicht

Die ausgleichende Gerechtigkeit des Lebens läßt noch im Alter Bekanntschaft mit der Psychiatrie schließen, auch, wenn dieser Gedanke Betroffene Zeit ihres Lebens tief beleidigt hätte. Zu Zeiten höchster Wehrlosigkeit sammeln seelisch fast verstorbene Alte erste Erfahrungen mit Fixierungen, Neuroleptika, ja selbst dem heilenden Elektroschock. Selbst zu ihrem Schutz bestimmte Anlaufstellen glauben häufig, „alles sei nur halb so schlimm“.


Unter unzähligen Wahnformen unterscheidend, weiß die Psychiatrie aufgrund ihrer Generalklausel sofort, woran Wahngedanken entwickelnde alte Menschen kranken: Alters-Schizophrenie. Gelernt ist gelernt, Heilung muß sein!

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Wie könnte Alterswahnsinn, abseits von Stoffwechselstörungen und Gehirnkrankheiten, entstehen? Angesichts der Inflation des Alters entmündigt faktisch bereits bloßes alt werden. Hinzu gesellt sich der schmerzende Verlust von Ehepartnern. Überlebende vereinsamen über Jahre in einer Fernsehehe. In Alters- oder Pflegeheime abgeschoben, bringen auffällig werdende Alte arbeitslose Ärzte, Psychiater und Juristen des Behandlungs‑ und Entmündigungskarussells ins Brot - ein gigantischer Zukunftsmarkt!

Zerbrechen die Alten, erinnert sich die Gesellschaft an ihr helfendes Herz. Man kann ihnen doch nicht gestatten, sich einfach davonzumachen, nach innen versinkend wegzusterben. Wer sollte all die Altenheim‑ und Krankenhausbetten füllen? Nahe Angehörige wären sauer, träfe über Nacht die umgeleitete Altenrente nicht mehr ein und risse ein großes Zahlenloch in die mittelfristige Finanzplanung! Sie vergessen nur, daß die Sozialämter zur Finanzierung der teuren Heimaufenthalte bald auf Einkommen und Vermögen ihrer alten Schützlinge zugreifen werden.

Behandlungsvielfalt unterläuft konsequent die realistische Einschätzung von Altenheim- und Psychiatrie-Insassen, wonach jeder nicht gelebte Tag ein gewonnener Tag ist. Wie viele stumme Verwünschungen, ohnmächtige Flüche vereinsamter, ausgegrenzter und behandelter alter Menschen mögen den lebenden, pulsierenden Teil der Gesellschaft tagaus tagein begleiten? Irgendwann gehen die Wünsche und Flüche in Erfüllung!



          Sadismus, Mordlust, Nekrophilie

Der Psychiater William C. Conner, Atlanta (Georgia/USA), erlegt mit einem selbst entwickelten Spritzengewehr krankheits-uneinsichtige, flüchtige Personen. Unter die Haut geschossene „Medikamente“ machen Getroffene bewegungsunfähig und psychiatrisch therapierbar. Es machte schon immer Spaß, straflos zu schießen, sei es auf der Jagd, im Krieg, bei Hinrichtungen, zur Heilung. Die Begründungen sind auswechselbar: fehlender Lebensraum, Reinheit der Rasse, Sicherung der Rechtspflege, heilende Eingriffe usw.

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Unbewußt führt zerfressenes, nekrophiles Denken psychiatrischen Seelen- und Gehirnklempnern Hammer und Meißel bei der Suche nach verborgenen Seeleninhalten. Moderne Mechanik, Skalpelle und Chemie sollen mit negativer Zauberkraft Destruktivität aus Schädeln und Körpern bannen!

Die im Unterkapitel „Heilung im Wandel der Zeiten“ dargestellten Diagnose‑ und Heilmethoden legen ein beträchtliches Maß an latentem Sadismus und verborgener Mordlust offen. Selbst Nekrophilie kommt nicht zu kurz, wenn die hauseigene Anatomie anfallende Leichen zu Forschungszwecken seziert. Wer die Schrecken psychiatrischer Behandlungen und Liquidierungen auf die nationalsozialistische Diktatur beschränkt, vergißt, daß hier allenfalls erhöhte Brutalität im Spiele war!

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Destruktivität von Psychiatern unterscheidet sich grundlegend von der Destruktivität bei Wahnerkrankungen! Die zerstörerischen Kräfte der Psychose entladen sich meist unschädlich und sozial verträglich. Vielleicht kämen dritte Personen noch seltener zu Schaden, würden Menschen, die an Wahnerkrankungen leiden, nicht so grausam „behandelt“, würde ihre soziale Steuerungsfähigkeit nicht durch „Medikamente“ umnachtet.

Eine unschädliche Aufarbeitung destruktiver Neigungen kann Psychiatern angesichts der beschriebenen Behandlungsmethoden nicht nachgesagt werden. Zu allem Unglück macht neuzeitliche Medikamenten-Folter Sadismus und Mordlust leicht. Der Begriff „Medikament“ wird mit positiven Assoziationen unterlegt. In der Psychiatrie wurde der uralte Traum aller Folterung wahr: Ausführung spurenloser Quälereien! Dem Opfer wird die Möglichkeit des Hinausschreiens der Qual, des Abscheus und des Entsetzens abgeschnitten. Trotz innerlicher Verstümmelungen sind äußerlich unverletzte Körper vorzeigbar!

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Selbst dort, wo keine körperlichen Schäden angerichtet werden, etwa bei Schocktherapien, fällt auf, daß positive Schocks im Behandlungsarsenal fehlen. Latent vorhandene, destruktive Grundstruktur legt Psychiatern eher Brutalschocks nahe (ins Wasser stürzen, mit Hinrichtung drohen, durch Elektroschocks behandeln...).

Warum wird selten oder nie über positive Schocks nachgedacht? Die psychiatrische Literatur selbst berichtet über Fälle, in denen Reisen, eine Liebschaft u.a. Kranke aus ihren verworrenen Gedanken rissen. Der Phantasie seien keine Grenzen gesetzt! Sind es meist grausame Schocks, die Kranken zugemutet werden, liegt es auf der Hand, daß so „Behandelnde“, aufgrund eigener Persönlichkeitsdefizite und latenter Destruktivität, in gar keine andere Richtung zu denken in der Lage sind.

Diese Zusammenhänge werden von „behandelnden“ Psychiatern verdrängt und sind weitgehend unbewußt. Deshalb werden Hinweise darauf so erbittert bekämpft! Die Psychologie nennt dieses Phänomen „Widerstand“: Jemand weigert sich hartnäckig, ganz offenkundige Zusammenhänge einzusehen.



                    Sexualität

Jeder zehnte Psychologe soll seine Berufung zu tätiger Nächstenliebe allzu tätlich nehmen und sexuelle Beziehungen zur Klientel pflegen. Die Dunkelziffer ist deutlich höher: 65 Prozent aller Psychologen und Psychiater übernahmen ihrer Aussage nach schon von Kollegen sexuell ausgebeutete Patienten, aber angeblich nur 7 Prozent konnten ihrem Trieb in Einzelfällen nicht widerstehen. Der schreiende Unterschied beweist, daß Psychologen weit besser verdrängen können als Patienten!


Der Freudsche Grundsatz, niemals sexuelle Beziehungen zu Patienten zu unterhalten, gerät in Vergessenheit. Die therapeutisch-inzestuöse Kundschaft hat diese speziellen Dienstleistungen sogar zu bezahlen! Während Prostituierte am Ende der gesellschaftlichen Ansehensskala rangieren, obwohl sie Kundenbedürfnisse ehrlich stillen, befriedigen sich Prostituierten-Psychologen ohne Ansehenseinbußen kostenpflichtig an der in Lebenskrisen befindlichen Klientel.

Ihre besondere Note erhält die Untersuchung dadurch, daß Psychologie und Psychiatrie, in kühnem Denken über Freud hinaus, verkünden, der Sexualtrieb würde in seiner Bedeutung weit überschätzt. Währenddessen werden Patienten auf der Couch oder im Käfig um so eifriger besprungen! Kostenfreie und kostenpflichtige Sexualtherapie ist nicht grundsätzlich zu beanstanden. Sex ist nun einmal das Schmiermittel der Gesellschaft! Strafrechtlicher Zuwendung bedarf jedoch die mechanisch, chemisch, elektrisch oder anderweitig ausgeübte Befriedigung verdrängter, destruktiver Sexualtriebe.



                       Recht

Der zehnte Mörder ist ver-rückt

„Schon jeder zehnte Mörder ist geisteskrank!“ Diese Schlagzeile überraschte Anfang der Neunziger Jahre die Leser einer Münchner Zeitung. Besorgniserregend an der Zunahme von Mord und Totschlag fand die Redaktion nicht die allgemein steigende Tendenz, sondern den Anteil von Geisteskranken an der Mörder-Quote.


Wer würde es nicht vorziehen, von einem „normalen“ Mörder vom Leben zum Tode befördert zu werden? Zur Zufriedenheit der Kundschaft gelingt dies scheinbar nur noch in neun von zehn Fällen! Von einem vernünftigen Verbrecher für 37 Cent Beute erschlagen zu werden, ist offenbar angenehmer als von einem ver-rückten Straftäter, der die Bluttat zur „Ehre der Jungfrau Maria“ begeht. Frauen würden demzufolge eine Vergewaltigung durch normale Straftäter vorziehen, von denen sie anschließend zur Tatverdeckung erstochen werden, statt sich von einem irren Triebmörder umbringen zu lassen, der sexuelle Erregung und Tötungshandlung der Einfachheit halber gleich verbindet. Versteht man das Verbrechermotiv, stirbt es sich zufriedener!

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Inzwischen gibt es sogar normale Mörder, die irr töten, ohne ver-rückt zu sein. Ein prominenter Gerichtspsychologe begutachtete 1996 einen mit unfaßbarer Grausamkeit mordenden Berliner. Das grob vereinfacht dargestellte Ergebnis: „Es handle sich um einen wahnsinnig normalen Täter, der noch nicht einmal Vergnügen daran gehabt hätte, sieben Opfer zu vergewaltigen und zu töten. Die Taten wären nur Brücken gewesen, um dennoch zur gehaßten und verachteten Frau zu gelangen. Darum könnten die §§ 20, 21 des Strafgesetzbuches (Schuldunfähigkeit, verminderte Schuldfähigkeit) keine entlastende Anwendung finden“, so der Gutachter.

Wir denken zu Ende! Hätte der Straftäter wenigstens ein bißchen Spaß dabei gehabt, die Frauen abzuschlachten, wäre er ver-rückt gewesen. Lustmörder, aufgepaßt: Die richtige Begründung der Straftat entscheidet nach eurer Festnahme über den künftigen Aufenthaltsort. Mit Lust = Psychiatrie, ohne Lust = normaler Strafvollzug! Warum normalem Strafvollzug der Vorzug zu geben ist, kann im Unterkapitel „Heilung im Wandel der Zeiten“ nachgelesen werden. Wer hingegen auf Wunder und vorzeitige Freilassung hofft, ist bei der Psychiatrie besser aufgehoben. Behandelnde Psychiater werden gelegentlich so geisteskrank wie ihre Patienten und entlassen Triebmörder selbst nach der dritten Einweisung als endgültig genesen.

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Wir martern unser Gehirn! Was ist ein „normaler“ Mord? Jemand hat schon zehn Millionen Euro und ermordet sich eine elfte? Ein anderer gerät in Korruptionsverdacht und erschlägt das belastende Beweismittel? Der Nebenbuhler wird aus Eifersucht getötet? Ein Neffe kann nicht geduldig genug auf den Tod des Erbonkels warten? Skin-Heads treten aus Langeweile Asylbewerber tot? Im Bierzelt geht ein Schädeldach mit endgültigem Ergebnis zu Bruch? Jugendliche töten aus Neugierde eine Klassenkameradin? Neonazis ermorden in dumpfem Fremdenhaß Ausländer? Autofahrer fahren mit Tempo 260 zu dicht vor ihnen herfahrende Familien zu Bruch? Morde, die wir verstehen - alles ganz normal!

Im Ergebnis kann Ermordeten die Tötungsabsicht egal sein! Die Beurteilungen „normal“ oder „ver-rückt“ bewerten Morde nur insoweit unterschiedlich, als sich vor unverständlichen Mordmotiven schwer schützen läßt. Wer eine größere Geldsumme besitzt, wird mitunter umgebracht. Also hält man dies lieber geheim oder führt zumindest keinen hohen Geldbetrag mit sich. Ist Raubmord deshalb „normaler“, weil man sich leichter vor ihm schützen kann? Der entgegenkommende Passant glaubt eine Stimme zu hören, die ihm einen Mordauftrag erteilt, was kaum vorhersehbar ist. Wird ein Mord dadurch ver-rückter? Untersuchungen belegen, daß der als seelisch krank betrachtete Bevölkerungsteil im Verhältnis nicht häufiger straffällig wird als die „Normalbevölkerung“.

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Im Detail: Begeht jemand eine Straftat, weil er „verhext“ wurde, Nachbarn nachts als Vampire ihr Unwesen treiben, er Mordbefehle von Heiligen annimmt usw., werden wahnkranke Motive angetroffen, die nicht unbedingt auf einer akuten Psychose beruhen müssen. Mit der Behauptung, Vorgesetzte oder nahestehende Personen hätten die Begehung von Straftaten befohlen, wird man vor Gericht selten gehört. Die Berufung auf finstere Mächte privilegiert hingegen ver-rückte Straftäter, wenngleich die daraus resultierende Schuldunfähigkeit kaum zu weniger Bestrafung im Psychiatriegefängnis führt.

Die Ausführungshandlungen erfolgen häufig mit beeindruckender Präzision. Regelmäßig wissen ver-rückte Straftäter, daß es bei Höchststrafe verboten ist, Bluttaten zu begehen, Häuser anzuzünden oder Bremsschläuche durchzuschneiden, selbst wenn dies der Erzengel Michael persönlich befohlen hat. Wenn Straftäter genau wissen, daß die in Aussicht genommene Handlung mit Strafe bedroht ist und trotzdem nicht davon Abstand nehmen oder nehmen können, hat das bei der Frage nach Schuldfähigkeit nichts verloren!

Schuldfähigkeit darf auch bei ver-rückten Straftaten nicht mit der Begründung verneint werden, übermächtige Motive lägen vor. Motive der Geldgier, Verdeckung von Straftaten, sexuelle Wünsche usw. können ebenso übermächtig sein. Der Straftäter, dessen Motiv für wahnkrank gehalten wird, hofft im übrigen ebenfalls oft, nicht gefaßt zu werden!

Werden einsehbare Motive von nicht mehr verständlichen getrennt, so wird an falscher Stelle gesiebt. Anders ausgedrückt: Das Empfinden der Normalbevölkerung wird zu Unrecht als Norm genommen. Straftaten, deren Begehung man sich insgeheim selber zutraut und daher verstehen kann, sind normal, unverständliche hingegen ver-rückt! Ist ein Mordmotiv wirklich edler als das andere?

Mörder sind auf persönlich-individuelle Weise immer ver-rückt! Es ist weniger nach Schuld als nach Ursachen zu fragen. Meisterhaft über Generationen ausgestreute Ekligkeiten machten die Menschheit so destruktiv, daß individuelles und kollektives Morden möglich wurde. Im Wahnsinn wie in der Vernunft breiten sich Tötenwollen, ja Tötenmüssen aus, grenzenlose, verdrängte Wut von Generationen über kolossalen Lebensbetrug widerspiegelnd. Eine Wut, die Getötete und Mörder, Normale wie Geisteskranke, gleichermaßen zu Opfern macht.

Für die strikte Trennung „normaler“ und „ver-rückter“ Motive bei der Begehung von Straftaten besteht schon deshalb wenig Anlaß, da der schuldunfähige Straftäter faktisch härter bestraft wird als der schuldfähige. Selbst gern bemühte Wiederholungsgefahr ändert daran nichts. Das herkömmliche Strafrecht hält ausreichend Möglichkeiten bereit, Straftäter langfristig „aus dem Verkehr zu ziehen“, wenn mit der Begehung weiterer Straftaten zu rechnen ist.

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Während das Publikum offenbar lieber „normal“ ermordet werden möchte, verhält es sich bei seinem Interesse an Morden genau umgekehrt. Dies beweist eine sensationslüsterne Öffentlichkeit, die für einen Zuschauerplatz im Gerichtssaal, in dem über ver-rückte Morde verhandelt wird, am liebsten selbst meucheln würde. Je ver-rückter der Mord, um so lauter der Ruf nach der Todesstrafe; je unverständlicher das Motiv, desto größer die Drängelei bei Hinrichtungen. Obwohl die destruktiven Seelenküchen, die Mordwünsche produzieren, sich nicht voneinander unterscheiden, wird zwischen vernünftigen und ver-rückten Morden noch lange unterschieden werden.



Aussätzige der Ausgegrenzten

Zum Aussätzigen unter Ausgegrenzten wird, wer als Ver-rückter straffällig wird und schwere Straftaten begeht. Der gesellschaftliche Betrug am wahnkranken Straftäter ist grenzenlos! Fehlende Sühne durch Strafe verhindert die Aussöhnung mit der Gesellschaft, obwohl für geisteskrank gehaltene Verbrecher durch sogenannte „Heilung“ hart bestraft werden.

Für Gesetzesbrecher, die während der Strafverbüßung ver-rückt werden, wissen die Strafvollzugsgesetze Hilfe! Sie erlauben „Zwangsmaßnahmen auf dem Gebiet der Gesundheitsfürsorge“ bei der hauseigenen Psychiatrie nebenan. Zuverlässiger als durch „Zwangsheilungen“ können Wut und Haß nicht gezüchtet werden!

Besonders originell ist die Wortwahl „Krankenhaus“ für die Strafverbüßung in psychiatrischen Einrichtungen. Diese sind, sowohl in ihrem äußeren Erscheinungsbild als auch durch inneren medikamentösen Einschluß, festungsartig ausgebaut. Psychiatrie, Justiz und Bevölkerung fürchten nichts mehr als ihre Kranken!

Diese Furcht ist begründet. Unklar ist nur, warum sich niemand vor scheinbar normalen Menschen fürchtet. Die meisten Morde und Serienmorde begehen durchschnittliche, niemals durch Wahnvorstellungen auffallende Menschen, manchmal mit einer Präzision und Umsicht, daß diese erst nach langer Zeit oder nie aufgeklärt werden können. Die sprichwörtliche Sündenbockrolle des Geisteskranken bewahrheitet sich: Zur Beruhigung der Bevölkerung wird stellvertretend eingesperrt, wer durch Wahnvorstellungen auffällig wird!

Unsinnig ist, wahnkranken Straftätern einzureden, sie seien schuldlos, könnten nichts für die Begehung von Straftaten und würden darum nicht bestraft. Jene werden kaum einsehen, daß man sie grausam einsperrt, wenn sie unschuldig sind. Im England des vorletzten Jahrhunderts wurde straffällig gewordenen Hunden der Prozeß gemacht, der mit der Hinrichtung am Galgen enden konnte. Das ist übertrieben, aber der Wunsch nach Vergeltung ist unbesiegbar, selbst bei Schuldunfähigkeit!



Strafe und Heilung – ein Vergleich

Nach geltendem Verfahrensrecht setzt ausschließlich der Staat den Strafanspruch durch (Offizialprinzip), erhebt nur die Staatsanwaltschaft Anklage (Akkusationsprinzip), wird die Wahrheit von Amts wegen erforscht (Untersuchungsgrundsatz), gelten die Grundsätze der Öffentlichkeit und Mündlichkeit. Vor allem gilt: Im Zweifel zugunsten des Angeklagten! Dies und mehr wird dem straffällig gewordenen Bürger an Schutz vor staatlichen Übergriffen geboten. Es bedarf einigen Aufwandes an krimineller Energie, und nicht selten mehrfacher Wiederholung, bis der (normale) Straftäter tatsächlich eingeschlossen wird.


Wird der Staatsbürger nicht bestraft, sondern „geheilt“, bedarf es wenig, um in einem Psychiatriegefängnis eingeschlossen zu werden. Im psychiatrischen Alltag liefert ein Zubringerdienst (Sanitäter, Verwandte, Nachbarn oder Polizei) den Ver-rückten in der Psychiatrie ab. Der Rest, einschließlich Einweisungsbeschluß, ist im Zeitalter von Telefon, Telefax und elektronischer Post reine Formsache!

Kommt der Richter zur Anhörung, oftmals erst nach Tagen, befindet sich der Betroffene längst unter starkem Medikamenteneinfluß. Dabei spielt es keine Rolle, ob „Medikamente“ zur Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung in der Anstalt oder als Heilbehandlung eingenommen werden, zwangsverabreicht oder „freiwillig“. Psychiatrie hat es allein durch Art und Menge der Vergabe von Psychopharmaka in der Hand, Patienten in einen Zustand zu versetzen, der Kommunikation erlaubt oder auch nicht.

Psychiater sind absolute Herrscher des Geschehens, Herren über Freiheit und Unfreiheit, körperliche Integrität oder Verstümmelung. Aus psychiatrisch-verwaltungsrechtlichem Sofortvollzug wird unter Umständen eine lebenslange Freiheitsstrafe. Wem lange genug schwere Neuroleptika eingeworfen werden, der wird zum Tod auf Raten verurteilt, ereilt ihn nicht schon vorher der gefürchtete psychiatrische Blitztod.

Weder Willensvorausverfügungen in sogenannten Patiententestamenten noch entgegenstehender Wille von Angehörigen oder Freunden stellen die Macht psychiatrischer Heilkunst ernsthaft in Frage. Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung wagten niemals, gegen den Rat der Psychiatrie zu entscheiden. Sie bestimmt, wer wann wie geheilt wird und vieles mehr. Als Hilfe verkleidet, sind Verurteilung und Vollzug nicht mehr unabhängig voneinander!

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Ist es schon weit einfacher, in einem Psychiatriegefängnis eingesperrt zu werden, als durch üblichen Freiheitsentzug, soll es zumindest weniger Spaß machen! Der Vormundschaftsrichter, der Einfachheit halber in großen Bezirkskrankenhäusern häufig bereits vor Ort, genehmigt grauenhafte Behandlungen: Fixierungen, schwerste Neuroleptika, Elektroschocks, gehirnchirurgische Maßnahmen, den Persönlichkeitskern angeblich verändernde Eingriffe und anderes mehr aus der psychiatrischen Folterkiste. Die Wissenschaft ist ehrgeizig und treibt den Fortschritt auch in Irren voran, die zu Testzwecken allerlei auszuhalten haben. Graue Theorie, daß Gerichte hier jemals wirksam nachprüfen wollten und könnten!

Jede mit der Praxis vertraute Person rät hilfesuchenden Insassen weniger zur Ausschöpfung des formalisierten Rechtsweges als zur Kooperation mit den „behandelnden“ Ärzten. Wer wider Erwarten psychiatrischen Freunden entkommt, hat deshalb noch nicht viel zu lachen: einmal Zuchthäusler, immer Zuchthäusler, einmal Irrer, immer Irrer!

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Festzuhalten bleibt: Ver-rückte werden härter bestraft als normale Straftäter, da Irrenhäuser persönlichkeitszerstörender und stigmatisierender wirken als Gefängnisse und zudem grauenhafte „Heilbehandlungen“ vornehmen. Wird Strafe nicht offen verhängt, kommt sie durch die Hintertür! Wahnkranke Straftäter ereilt „Heilung“ durch die Psychiatrie. Ein Grund für sie, gerade entgegen gängiger Praxis, vehement um ihre Schuldfähigkeit zu kämpfen. Gesellschaft, Anwalt- und Richterschaft kleben hingegen fürsorglich und weit über das notwendige Maß hinaus das Etikett „schuldunfähig“ auf. Der dritten Möglichkeit, irr, aber nicht ver-rückt zu sein, wird später nachgegangen.

Die Psychiatrie wurde gar zur „Oberstrafmutter“, das herkömmliche Gefängnis zu wehrlos, um Verfehlungen von Gefangenen noch durch sinnvolle Strafen zu beherrschen. Schon bei Bagatellen wird die Psychiatrie als psychiatrisch-ärztlicher Strafvollzug innerhalb des Strafvollzugs gegen ungezogene Gefangene zu Hilfe gerufen.

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1990 demonstrierte das Pflegepersonal des Bezirkskrankenhauses Haar bei München wegen unzumutbarer Bedingungen: „Man müßte viel weniger Medikamente geben, stünde mehr Personal zur Verfügung!“ Wir übersetzen diese Aussage ins Strafrecht: Die Zahl der an Ver-rückten begangenen Straftaten (Körperverletzungen durch übermäßigen Gewalteinsatz, Vergiftungen durch Medikamente, Freiheitsberaubungen durch Fixierungen etc.) hängt davon ab, wieviel Pflegepersonal zur Überwachung oder sonstigen Betreuung zur Verfügung steht.

Pflegepersonal ist nicht immer so feinfühlig! Die psychiatrische Literatur berichtet von Krankenstationen, deren Personal sich ausschließlich auf Körperverletzungen beschränkte. Dreimal am Tag wurden Medikamente verabreicht, um sich ungestörtem Kartenspiel oder anderen kurzweiligen Beschäftigungen widmen zu können.

Von solch ruhigstellenden Einschluß- und Überwachungsmöglichkeiten kann das Personal im herkömmlichen Gefängnis nur träumen. Selbst Wächter in nationalsozialistischen Konzentrationslagern hatten es schwerer, da die chemischen Zwangsjacken noch nicht so fein gewebt waren wie heute. Vielleicht sind es diese überlegenen Einschlußformen, die den Strafvollzug immer weiter in psychiatrische Krankenhäuser verlagern.

Zur Illustrierung: Beim Besuch einer riesigen psychiatrischen Krankenanstalt würde man fast allen „freiwillig“ und unfreiwillig einsitzenden Kranken in Zwangsjacken unterschiedlicher Dicke begegnen bis hin zu solchen, die total fixieren. Undenkbar? Dieser Zustand ist erreicht! Innerhalb psychiatrischer Mauern trägt fast jeder „Behandelte“ eine versteckte chemische Zwangsjacke, unterschiedlich einschnürend, unsichtbar für wenig geschulte Betrachter. Wenn manche der Insassen ein Leben lang darin eingepfercht sind, ist es wenig tröstlich zu wissen, daß dadurch zumindest die Lebenszeit nicht unerheblich verkürzt wird.

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Mit Medikamenten wird gegen wirklich oder vermeintlich psychisch kranke Menschen Gewalt in nie gekannter Form ausgeübt. Hilfe als ärztliche Heilkunst höhlt höchste Rechtsgüter aus und schwappt längst über die Anstaltsmauern hinaus in den Alltag. Der unbestimmte Rechtsbegriff „ärztliche Heilbehandlung“ öffnet immer nachhaltigeren Menschenrechtsverletzungen Tür und Tor, die zu schließen angesichts des scheinbar unaufhaltsamen pharmakologischen „Fortschritts“ von Tag zu Tag schwieriger wird. Die Katastrophe des modernen Irrenhauses besteht in Behandlungsformen, die ein groteskes Maß an Einschließung erlauben: hautnah, körpernah, bis in den Kern der Persönlichkeit hinein, ja bis ins Herz dessen, was Menschsein ausmacht!

Was sind verbesserte Unterbringungs- und Betreuungsgesetze, was ist neugestaltetes Entmündigungs‑ und Vormundschaftsrecht für psychisch Kranke und alte Menschen, was ist Rechtsschutz insgesamt wert, wenn es faktisch einzig und allein auf behandelnde Ärzte und Psychiater ankommt, welche und wie viele Medikamente praktisch unkontrollierbar eingesetzt werden? Sinnigerweise wird diese Kompetenz häufig sogar auf schlecht ausgebildetes Pflegepersonal verlagert!

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Unterbringungsgesetze erlauben zwangsweise durchsetzbare „Heilbehandlungen“ nicht nur für psychische Krankheiten, sondern auch zur bloßen „Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung“ des Irrenhauses. Die Trennung gesetzlich gestatteter Behandlungen, zur Heilung einerseits, zur Aufrechterhaltung des Anstaltsbetriebes andererseits, ist überflüssig, da sich diese nicht voneinander unterscheiden: Neuroleptika, Fixierungen, Elektroschock usw., dem jeweiligen Zeitgeschmack entsprechend!

Heilende Wirkungen werden nicht bestritten! Heilung finden sowohl zu magere Gewinn- und Verlustrechnungen von Pharmaunternehmen als auch zu kostenlastige psychiatrische Krankenhäuser. Behandlungen dieser besonderen Art benötigen weniger Personal für mehr Straftaten! Opfer müssen sich in der Regel nach ihrer Entlassung mit der Erkenntnis begnügen, noch oder wieder einmal davongekommen zu sein. Der Gesetzgeber läßt sich bei der Fassung seiner Unterbringungs-Gesetze von der Überlegung leiten, ärztliche Narrenfreiheit müsse dort, wo Ver-rückte behandelt werden, besonders groß sein.



Papier ist geduldig

Der Rechtsstaat läßt seine Psychiatriegefangenen nicht im Stich! Der Leser erschauert in Ehrfurcht vor vielversprechenden Eingangsparagraphen der Unterbringungsgesetze. Kleingedrucktes nachfolgender Vorschriften sollte besser nicht gelesen werden! Ver-rückte, die sich ihre Heilung so nicht vorstellen, können sich beschweren. Jedoch, Papier ist geduldig, Klagen sind sinnlos, Beschwerdeschriften von psychisch Kranken sowieso in den Wind geschrieben.

Versuche, sich innerhalb von Anstaltsmauern zur Wehr zu setzen, werden problemlos durch medikamentöse „Behandlungen“ unterlaufen. Vor nicht allzulanger Zeit drohten aufmüpfigen Patienten gehirnchirurgische Behandlungen, was die Mehrzahl der Irren durchaus mitbekam. In realistischer Einschätzung der Machtverhältnisse vermieden die Kranken alles, was zu dieser Heilung der dritten Art führen konnte. Geschützt hat diese Vorsicht selten, viele wurden gleichwohl zerlegt!

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Medikamentöse Nebenwirkungen stellen auf wackelige Beine, sorgen für zittrige Finger! Je krakeliger die Schrift, um so stärker der Eindruck bei Hilfsstationen, die so „Behandelten“ bedürften dringend weiterer Portionen der beanstandeten psychiatrischen Hilfe. Dabei sind diese Behandlungs-„Nebenwirkungen“ durchaus beabsichtigt, denn das Auftreten von Zitterstörungen, das sogenannte „Parkinson-Syndrom“, signalisiert Psychiatern ein „Anschlagen“ der Medikamente.

Wieder frei kommende Kranke finden selten die Kraft, sich nachträglich zur Wehr zu setzen, sich über erlittene Unbill wortgewandt zu beschweren, da sie meist einem wenig wehrhaften Umfeld entstammen. Wer es dennoch wagt, scheitert an der Mauer „kunstgerecht ausgeführter Heilbehandlungen“, gut geführter Krankenakten und einer Gutachter-Lobby, von der Beanstandungen wie Gummibälle von einer Betonwand abfedern. Rechtsstreitigkeiten, die psychisch Kranke führen, dauern lange und lösen sich harmonisch durch den Tod.



Zentralregister: bis daß der Tod euch scheidet

Im Bundeszentralregister tätige Arbeitskräfte werden über vorzeitige Löschungen von Daten straffällig gewordener, in psychiatrische Krankenhäuser eingewiesener Irrer leicht depressiv. Deshalb scheidet Eingetragene erst der Tod vom Register! Die Fürsorglichkeit ist so groß, daß Betroffene nicht einmal mit einer Mitteilung über ihre Eintragung beunruhigt werden. Unruhe könnte entstehen, wenn sie erführen, daß gegen diesen Eintrag kein ordentliches Rechtsmittel existiert. Vorstrafen werden gelöscht, Diagnosen haften lebenslänglich!

Niemand lebt ewig! Nach Vorlage einer ordentlichen Sterbeurkunde wird der Vermerk getilgt. Bei einer Behörde kommt aber selbst der Tod nicht sofort dran. So vergeht etwa ein Jahr, bis die Karteileiche sterben darf. In tiefer Weisheit erlaubt das Zentralregister ab dem frischen Alter von 90 Jahren ausnahmsweise die Entfernung der Eintragung. Alte Menschen in ihren Neunzigern haben noch das ganze Leben vor sich und sollen durch Tilgung ihrer psychiatrischen Karriere weder im sozialen Ansehen noch im beruflichen Fortkommen beeinträchtigt werden.

Mit Löschung der Daten gehen Kartei-Karrieren zu Ende, die in Fällen glücklicher Fügung das Kaiserreich, eine Diktatur und mehrere Demokratien überdauerten. Der Reinhaltung des öffentlichen Dienstes, in den sich unbemerkt Irre hätten einschleichen können, war das Register ungemein dienlich, von kleinen Schönheitsfehlern abgesehen: Trotz sorgfältiger Führung der Kartei konnten Irre in allerhöchste Staatsämter gelangen, mit dem bedauerlichen Ergebnis zweier gut bekannter Jahrhundertkatastrophen: I. und II. Weltkrieg. Für das Register noch lange kein Grund, an seinem Erfolg zu zweifeln!

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Verwaltungen leiden traditionsgemäß unter dumpfem Hang zu Sippenschnüffelei und durchwühlen abartig gerne Ahnenschlamm nach asozialem Ballast. Eintragungen in zentralen Karteien lassen sich mit bösartigen Krebserkrankungen vergleichen. Sie bilden Metastasen (Tochtergeschwulste)! Verwaltungszellen, die Mitteilungen über auffällig gewordene Personen erhalten, speichern diese Informationen, um in glücklicheren Zeiten Ver-rückte wieder die Ahnenreihen hinauf und hinunter jagen zu können. Auf diese Weise wird der Nachwelt das Spielmaterial für den unterhaltsamen Selektions-Zeitvertreib gerettet: Was ist normal – wer ist ver-rückt?

Der Leser wird gebeten, die hier erlangten Informationen über die Eintragungs-Gewohnheiten des Gesetzgebers vertraulich zu behandeln, damit die beabsichtigte Fürsorglichkeit nicht hintertrieben wird!



Die Kunst irr, aber nicht ver-rückt zu sein

In einer Grauzone lohnt sich Schuldunfähigkeit für Straftäter! Die Kunst besteht darin, so irr zu sein, daß eine Bestrafung ausscheidet, aber nicht ver-rückt genug für die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus. Feinsinnige Strafverteidiger ernten ihren Mandanten die wahren Früchte der Schuldunfähigkeit. Das Gericht wird überzeugt, daß die Straftäter im konkreten Fall schuldunfähig waren, sie aber die Gewähr dafür bieten, eine vergleichbare Straftat nicht nochmals zu begehen.


Vermögende, anwaltlich und privatgutachterlich bestens vertretene Angeklagte, die nicht mehr Pech hatten als andere Affektmörder, gehen auf diese Weise straffrei aus. Glücklosere oder schlecht beratene Verbrecher-Kollegen erhalten hingegen im Strafvollzug oder im Irrenhaus ausreichend Gelegenheit, über Mord, Gerechtigkeit, Gott und die Welt nachzudenken.

Das Strafbarkeitsgefälle im Volk macht bei der Frage nach Schuldunfähigkeit besonders lustige Sprünge: Professoren, Finanzadel, hohe Beamte oder Politiker, die schwarz fahren, Ladendiebstähle begehen, den Unfallort vorzeitig verlassen oder sich im Affekt ihrer Eheprobleme entledigen, kommt auf diese Weise privilegierender Irrsinn freundlich entgegen. Der Unterschicht entstammende Straftäter sind entweder schuldig oder dauerhaft ver-rückt!



             Die neue Kunst des Strafens

Internisten

Jahrhundertelang litten Psychiater darunter, daß die mit Elektroschocks und anderen Feinheiten verwöhnte Kundschaft unzufrieden war. Sie erinnerten sich schließlich ihrer medizinischen Grundausbildung. Gegen Körper und Köpfe war lange genug erfolglos vorgegangen worden. Es wurde Zeit, Wahnsinn an der Wurzel zu behandeln. Innere Krankheiten bedurften Internisten! Während viele Organe schon von medizinischen Kollegen betreut wurden, war das Gehirn noch weitgehend verwaist.


Die Psychiatrie befand, das Gehirn könne nicht nur wie jedes andere Organ erkranken, sondern ebenso gesunden und wollte dabei behilflich sein. Durch Angleichung der Psychosentherapie an internistische Behandlungsweisen sollte das Odium der Gewaltsamkeit abgebaut werden. Nahmen die zwangsrekrutierten Patienten in ihrem ureigensten Interesse brav und ordentlich ihre „Medikamente“ ein, wurden sie schön gesund.

Dieser psychiatrische Richtungswechsel war sehr entgegenkommend! Aus der Geisteskrankheit wurde eine heilbare, körperliche Erkrankung, eine Art gebrochenes Bein im Hirn. Das machte Wahnkranke sympathisch, zu Menschen wie du und ich, und zog erhebliche Erleichterungen im psychiatrischen Strafvollzug nach sich. Die bösen Geister mußten nicht mehr ausgeschleudert, tiefgefroren, ausgekocht, durch Strahlen verbrannt, mit Elektrizität vertrieben oder durch Blutaustausch ausgehungert werden, sondern heilten einfach ab.

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Wahnerkrankungen beruhen auf Stoffwechselstörungen und sind medikamentös heilbar, weiß die internistische Psychiatrie. Für den gestörten Stoffwechsel macht sie fehlende Transmitter-Stoffe verantwortlich. Also: Fehlende Transmitter stören den Stoffwechsel. Gestörter Stoffwechsel verursacht Wahnvorstellungen. Medikamente reparieren das!

Studiert man die Komplexität von Wahnvorstellungen, mag man nicht glauben, was gestörter Stoffwechsel alles anstellt: Wahnkranke halten sich für Jesus, Luzifer, Sophia Loren oder Hitler, glauben sich von Strahlen oder Raumschiffen verfolgt, decken bis ins Detail ausgearbeitete Mordkomplotte gegen sich auf usw. Dabei legen Dynamik und Kompliziertheit der Wahnvorstellungen den umgekehrten Schluß nahe: Nicht die Stoffwechselstörungen verursachen Wahn, sondern Wahnvorstellungen verursachen Störungen des Stoffwechsels!

Innere Behandlungen ohne Arzneimittel sind langweilig! Es traf sich gut, daß die pharmazeutische Industrie gerade brache Kapazitäten herumliegen hatte und der Psychiatrie zu Hilfe eilte. Eine nie gekannte Fülle unterschiedlichster Medikamente wurde erfunden, die alle dasselbe bewirken: Immer klügere Köpfe tricksen, mittels medikamentöser Beeinflussung des Stoffwechsels, ständig nachhaltiger Körper und Seelen aus!

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Der Erfolg gibt der Psychiatrie auch bei diesem Richtungswechsel recht! Mit Neuroleptika behandelte Geisteskranke werden tatsächlich organisch krank bis schwerstkrank und bedürfen ärztlicher Hilfe. Plump wäre es, Allgemeinmediziner verletzten mutwillig Menschen, um sie zu kurieren! Sie wären wie Feuerwehrleute, die Brände legten, um die eifrigsten Feuerlöscher zu werden. Genauso handeln jedoch internistisch orientierte Psychiater. Verbogene Gehirnzellen, verknotete Ganglien und verdrehte Stirnlappen fallen nur kaum auf!

Traditionelles Leiden innerhalb der Psychiatrie wird auf diese Weise verinnerlicht. Wir kommen im Unterkapitel „Tod als Nebenwirkung“ unaufgefordert darauf zurück. Von der internistischen Behandlungsweise profitiert jedenfalls die Optik, denn aufgrund des medikamentösen Einschlusses der Patienten wähnen sich Besucher eher im Kranken‑ als im Irrenhaus.

Die Psychiatrie weiß in ihrer Fachliteratur um die mutwillig herbeigeführten Verletzungen: „Die Psychopharmaka-Therapie vermag Psychosen nicht zu heilen, sondern nur ihre Entäußerungen zu beeinflussen.“ Psychosen schnellen also wieder in ihre nichtstoffliche, unerklärbare Form zurück. Wie eh und je können sie nur durch vorsätzlich begangene Körperverletzungen auf Zeit oder bedingt in Kauf genommene Tötungen dauerhaft geheilt werden.

Schade, jetzt ist die Geisteskrankheit wieder das, was sie immer war, unfaßbar wie ein angeschmierter Aal, den man vergeblich zu greifen sucht. Hoffentlich wird die internistische Therapie wenigstens irgendwann „psychiatrische Entäußerungen“ günstig beeinflussen, obwohl man bei der Behandlung von Geisteskrankheiten eigentlich nichts falsch machen kann: Verstümmelt werden die Opfer so oder so!



Moderne Wohngemeinschaft: Irrenhaus und Pharmazie

Es gibt einen Grund mehr neidisch über die Alpen zu blicken: Italien wurde in den Siebziger Jahren zum Psychiatrie-Reformland schlechthin. Die Großirrenanstalten wurden aufgelöst. Leider schielten nicht nur Irre nach Süden, sondern auch bekannte Pharmakonzerne, die über Nacht einen großen Absatzmarkt wegbrechen sahen. Die gröbsten Rückschläge wurden aufgefangen! Heute ist der Neuroleptika-Einsatz in manchen italienischen Provinzen sogar höher als früher.

In Italien gibt es sie wieder, bei uns gibt es sie noch, die Irrenhäuser! Ver-rückte haben selten Besuch, die Pharmazie kommt jedoch gerne vorbei. Während die Justiz zur Ausstellung formelhafter vormundschaftsgerichtlicher Einwilligungen im Irrenhaus vor Ort ist, treibt sich die Pharmazie mehr als Lobby herum. Durch aktive Teilnahme an Anstalts-Experimenten kann sie „die klinische Wirklichkeit besser kennenlernen und klinisch-pharmakologische Untersuchungen vorteilhaft koordinieren“. Die Älteren erinnern sich: Auschwitz wurde von Chemie und Pharmazie beanstandungsfrei betreut!

Die Justiz nimmt aufgrund mangelhafter Kapitalausstattung in Hinterzimmern Platz. In feines Tuch gekleidete Besucher der Pharmakonzerne sind hingegen in lichten Konferenzräumen auf dem Dach psychiatrischer Kliniken gern gesehene Gäste - hoch über chemisch verwalteten Irren. Wir begrüßen die pharmazeutische Arbeit am Ver-rückten durchaus. Es zeichnet die Chemieindustrie aus, sich nicht damit zu begnügen, die nötigen Rohstoffe zur Vergiftung der Gewässer, der Böden, der Luft und des Weltraums bereitzustellen, sondern auch mikrokosmisch um die Zuführung winziger Giftmengen in Pflanze, Tier und Mensch bemüht zu sein.

Im Konferenzraum stimmen sich Psychiatrie und Pharma-Lobby zwanglos über derzeit vertretbare Mengen individuell zuführbarer Gifte ab. Die Lobby lobt dann einige Beratervertrags-Krümel unter der anwesenden Professoren‑ und Doktorenschaft aus, um diese wenigstens marginal am lukrativen Chemiegeschäft zu beteiligen. Wegen strafrechtlich relevanter Mittäterschaft bei der beabsichtigten Irren-Vergiftung wäre jetzt zwar die Justiz gefragt, aber sie hat ihren Schreibtisch im Erdgeschoß und bekommt wieder einmal nichts mit.

Hoffentlich wird der pharmazeutische Zwangskonsum im Irrenhaus nicht eines Tages ganz abgeschafft! Kein Mensch wüßte, wie man so viel Geld anderweitig in Maltherapien, Sportgruppen, Wiedereingliederungshilfen oder sonst etwas Vernünftigem unterbringen könnte.



Wahlverwandtschaften

Goethe weckte in seinen „Wahlverwandtschaften“ mit einer chemischen Gleichnisrede Verständnis für Ehebruch: „...um so mehr, als doch überall nur Eine Natur ist, und auch durch das Reich der heitern Vernunftfreiheit die Spuren trüber leidenschaftlicher Notwendigkeit sich unaufhaltsam hindurchziehen, die nur durch eine höhere Hand, und vielleicht auch nicht in diesem Leben, völlig auszulöschen sind.“ Das war die Geburtsstunde einer neuartigen Kombination von Chemie und Gefühl, Stoff und Geist, einander weit näher als gedacht!

Folgerichtig werden in psychiatrischen Kliniken philosophisch-intellektuelle Ansprüche gebildeter Irrer mit der Bemerkung berücksichtigt, daß Geist und Materie, philosophisch betrachtet, letztlich stoffgleich seien. Spuren trüber leidenschaftlicher Notwendigkeit von zwangsverabreichter Chemie ziehen sich mit dieser Begründung auch durch Körper niveauvoller Wahnkranker. Wir zweifeln nicht daran, daß nur eine höhere Hand diese ruinöse Behandlungspraxis der Medikamenten-Psychiatrie auszulöschen imstande ist.

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Wahlverwandtschaften leben nicht nur von Geist und Materie, sondern auch von Zuwendung. Ein der medikamentös orientierten Therapie zugeneigter Psychiater lernte in einem Kurs für praktische Psychologie das, was die meisten Menschen ohne Ausbildung wissen: Mitmenschliche Zuneigung kann sich günstig auf seelische und körperliche Krankheitsverläufe auswirken!

Der kluge Mann kam auf den Gedanken, die medikamentöse Therapie mit zwischenmenschlicher Zuwendung zu verbinden; insbesondere, wenn Medikamente „schlecht anschlugen“. Durch filmographische Vermessung mimischer Gefühlsäußerungen und andere schwierige Beschäftigungen mit Irren etwas hölzern geworden, wollten ihm die geschundenen Patienten die gestelzte Jovialität nicht recht abnehmen. Daher bat er das Personal um Hilfe. Die Patienten wurden künftig von der Küchenhilfe bis zur Maltherapeutin mit seelischen Streicheleinheiten geradezu überhäuft. Fortan ließen sie sich gerne medikamentös die Beine abschlagen oder erduldeten dankbar andere unbedeutende Nebenwirkungen der Therapie.

Eines Tages geschah in dieser Irrenanstalt ein so großes Wunder, daß selbst die Heilige Katholische Kirche auf die übliche Anerkennungszeit von etwa achtzig Jahren verzichten würde. Trotz der verabreichten „Medikamente“ ging es einzelnen Patienten kurzfristig besser. Der Erfinder der neuen Therapie sank vor seiner Tastatur in die Knie, um den Erfolg literarisch zu verkündigen. In Fachzeitschriften wurden die Kollegen wegen der Unterschätzung mitmenschlicher Zuneigung gehörig gescholten und ermahnt, künftig gefühlsbesetzte Techniken und Sachmittel einzusetzen. Damit der Wunderglaube an die „Medikamente“ nicht einbrach, sollte Zuwendung allerdings weniger deren Wirkung verbessern als fehlende Zuwendung die pharmakologische Wirkung verringern. Dies vereitelte zumindest die Aussicht auf weitere Beraterverträge mit bekannten Chemiekonzernen nicht völlig!

Selbst der Schizophrenie drohte Zuneigung, „wenn die Indikation für eine komplettierende supportive Psychotherapie gegeben war, die die Compliance für eine rezidivprophylaktische Langzeitmedikation verbesserte“. Schizophrene, die diese neue Therapie nicht verstanden, leiden noch heute. Pharmazie und Psychiatrie sind um ihren funktionierenden Gehirnstoffwechsel wirklich nicht zu beneiden.

Hin und wieder kommt der Verstand im Irrenhaus zu Besuch und hält einen Vortrag: „...daß unser Wissen um unsere Therapie und um die krankhaften körperlichen Vorgänge bei Psychosen in jeder Hinsicht auf äußerer Erfahrung beruhen und das Wenige, das wir wissen, wahrscheinlich auch noch falsch ist...“ Der Referent wird keine Freiflüge zum pharma-gesponserten Neurologenkongreß in Davos mehr erhalten!



Gummiknüppel oder Medikamentenkeule

Was sind schon Gummiknüppel gegen Medikamentenkeulen? Neuroleptika sind medikamentöse Grundbausteine für lebenslange Betreuung am psychiatrischen Tropf. Die klingenden Namen, unter denen sie vertrieben werden, sollen uns nicht verwirren! Es handelt sich ausnahmslos um Medikamente, die alles bewirken außer dem, was sie veranlassen sollen. Sie heilen keine Wahnerkrankungen, führen aber zuverlässig alle beabsichtigten Nebenwirkungen herbei!


Der Veterinär-Medizin ist Hauptwirkung, was der Psychiatrie angeblich nur Nebenwirkung ist: Neuroleptika werden zur Ruhigstellung von Schweinen, Ziegen, unleidlichen Zootieren usw. verwendet. Schön wäre es, heilten die Medikamente Tiere von Wahnerkrankungen, denn Tiere im Hühner-KZ, am Milchfließband, im Schweinegefängnis oder sonstwo, werden wahnsinnig, zu Irren hinter Gittern. Leider gelingt deren Heilung ebensowenig wie die ihrer menschlichen Leidensgenossen!

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Macht kommt heute weniger aus Gewehrläufen denn aus Kanülen von Injektionsspritzen. Aus der Sicht Getroffener richten sie weitaus verheerendere Schäden an. Die erfolgreiche Negativ-Karriere der Spritze ist bemerkenswert: geschätztes Mordinstrument zur Tötung alter Menschen in Pflegeheimen, humanes Hinrichtungs-Utensil in amerikanischen Todeszellen, unverzichtbares Liquidierungswerkzeug zur Ermordung Geisteskranker, zuverlässige Aidsschleuder für drogenabhängige Fixer usw.

Die Psychiatrie bemüht sich um negative Abrundung! Das soll nicht heißen, daß Giftmischerei in Speis und Trank völlig unterbliebe, aber Spritzen wirken nun einmal gezielter und schneller zur Beförderung in die Medikamentenhölle, der furchtbarsten aller vorstellbaren Höllen auf Erden. Eine Hölle, aus der nicht einmal der Tod rechtzeitig erlöst! Die Psychiatrie wurde zum zweiten, zum furchtbaren Gesicht der Ärzteschaft.

Heilt nichts, helfen Megadosen in sechzig‑ bis neunzigfacher Überdosierung! Diese eilen orientierungslos durch Patientenkörper, mögen übervorsichtige Hersteller aus Angst vor Schadensersatzansprüchen auf dem Beipackzettel auch vor hohen Dosen warnen. „Rutschen Knüppel aus“, bringt das Polizisten in massive Rechtfertigungsnotstände. Medikamentenknüppel, hundertfach überdosiert, mühen Staatsanwälten nur ein müdes Lächeln ab. Psychiatrisch-ärztliche Behandlungskunst kennt keine Grenzen!

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Macht- und Potenzsucht, die treibenden Kräfte dieser Entwicklung, werden zweifach befriedigt! Zum einen verleiht die Ähnlichkeit der Spritze zur Handfeuerwaffe Psychiatern und Pflegepersonal das Gefühl von Stärke, zum andern soll der Kanüleninhalt als eine Art Zaubertrank das Wunder der Heilung bewirken. Die medikamentös orientierte Psychiatrie vergißt, daß sie mit ihrem Elixier nur den Aberglauben früherer Zeiten teilt, nicht aber die innere Kompetenz und Ausstrahlung, auf der solches Heilen beruhte: unbewußte, geistig-seelische Beeinflussung von Mensch zu Mensch. Weil die Psychiatrie dieses Unvermögen so quälend spürt, durchlöchert sie intakte Gehirnmasse!



Betonspritzen

Jedes Produkt ist irgendwann ausgereift und so perfekt, daß es nicht mehr verbessert werden kann. Neuroleptika haben mit der Entwicklung von Wirkungen, die Behandelte zur Titulierung „Betonspritzen“ veranlaßt, diesen hohen Stand erreicht. In Körper und Geist werden sich überlagernde, einander gegenläufige Prozesse in Gang gesetzt, die alle Grausamkeiten dieser Erde in den Schatten stellen. Das mag unglaubwürdig klingen, man sollte aber nicht vergessen, welche Gedächtnis‑ und Bewegungsspeicher wir allein durch unser Zwischenhirn besitzen. Kühne Eingriffe lösen den seelischen und körperlichen Super-GAU aus!

Das Zeitgefühl wird massiv gestört und erlaubt den dauerhaften Genuß dieser Kreuzigung. Über die Relativität von Zeit muß nicht erst Einstein bemüht werden. Jedermann weiß aus eigenem Erleben, wie unterschiedlich zeitliche Prozesse ablaufen können. Religiöse Fegefeuer- und Höllenschilderungen gewinnen eine neue Dimension und Glaubwürdigkeit!

So dynamisch die inneren Prozesse, so groß die Freude der Psychiatrie, wenn Wahnkranke äußerlich scheinbar zur Ruhe kommen. Der körperliche und seelische Kreuzweg wird nicht mehr nach außen hin sichtbar, sondern kulminiert in nach innen transformiertem Leiden. Diese Spitzenprodukte läßt sich die Psychiatrie nicht von behandelten, unglaubwürdigen und wahnkranken Zeugen miesmachen, die deren Wirkung am eigenen Leibe erlebten und künftig gerne darauf verzichten möchten. Vielmehr wird mit der Wiederbelebung des Elektroschocks gedroht, läßt man die Psychiatrie nicht gewähren! Diese Gerätschaften wurden beileibe nicht entsorgt, sondern rotten kampfbereit in Anstaltskellern vor sich hin.

Hinweis für Besserverdienende: Hinsichtlich der Wirkungen macht es keinen Unterschied, ob solche Medikamente in normalen Irrenanstalten oder in Luxuseinrichtungen, wie „dynamisch-psychiatrischen Waldkliniken“ etc., verabreicht werden!



Tod als Nebenwirkung

Geisteskranke starben schon während des Nationalsozialismus gerne an Lungenentzündung, was sich bis heute kaum verändert hat. Während sich im Landesdurchschnitt 2,2 Prozent der Bevölkerung auf diese Weise davonmachen, steigt der Prozentsatz bei Neuroleptika-Konsumenten bis auf 75 Prozent an.


Der Tod ist nicht die einzige Nebenwirkung von Neuroleptika: lebensgefährliche Fieberattacken, Hitzewallungen (sogenanntes Scheiterhaufensyndrom), Atemnot, Infarkt des Herzmuskels, Darmverschluß, Schlundkrämpfe, Bewegungsstörungen, Bewußtseinstrübungen, Pupillen-Erweiterungen, Austrocknung, Muskelzittern, epilepsieartige Anfälle, Magen-Darm-Blutungen, Kreislaufversagen, Blutpropfbildung, Verstummung, Frösteln, blockierte Abwehrkräfte, Pigmentablagerungen, Lungenstau, Kreislaufkollaps, erschwertes Wasserlassen, Nierenschäden, Klumpfußbildung an Leibesfrüchten, Appetitlosigkeit, Schrumpfleber, Gelbsucht, Gallenstauung, Orgasmusschwäche, Potenzverlust, Fettleibigkeit, Diabetes, Furunkel, Hautausschläge, Linsen‑ und Hornhauttrübungen, Bewegungsarmut, Steifheit, fehlerhafte Blutbildung, Lymphgefäßschädigungen, Knochenmarkveränderungen und weitere Bagatellschäden. Wer gesund werden will, muß leiden!

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Beim „psychiatrischen Blitztod“ handelt es sich um eine Nebenwirkung, um die sich insbesondere diejenigen Patienten reißen würden, die anläßlich ihrer neuroleptischen Behandlung mit „Enthirnungsstarre“ im Bett liegen, unfähig zu jeglicher Lebensäußerung, praktisch im wachen Koma. Bei ihnen wurden Antriebsdämpfung, Initiativ-Verarmung und Interessenverlust ein wenig übertrieben medikamentös beeinflußt.

Andere Patienten bringen dafür Bewegung in die Bude und äußern ihr neuroleptisches Unbehagen durch beständige Sitzunruhe, zwanghaftes Umhergehen, ununterbrochen vollführte Pendel‑ und Schaukelbewegungen, Grimassierungs-Zwang, Gesichtsmuskel- und Mundverzerrungen, nicht enden wollende Kau- und Mahlbewegungen, Verspreizungen, unkontrollierbare Bewegungsausbrüche, Krämpfe an Extremitäten etc.

Während der eine Psychiater mehr von neuroleptisch klumpenden Nervensträngen hält, die das Opfer in einen übersichtlichen Nervenbrei verwandeln, setzt der andere auf den Tanzbären-Effekt. Ruhelose, sich getrieben fühlende Opfer werden um die Chance gebracht, sich auf natürliche Weise aus dem ganzen anerzogenen und ererbten Irrsinn auszudrehen. Stattdessen werden sie, je nach Behandlungsgeschmack, zu trancehaftem Bewegungsgestolper oder mystisch-ekstatischen Derwisch-Wirbeleien veranlaßt. Übermäßige Bewegungsaktivität zieht freilich eine weitere, unschöne Nebenwirkung nach sich: Die Übeltäter werden auf Betten fixiert.

Die neuroleptische Nebenwirkung der Verblödung ist unvermeidbar. Anspruchsvolle Berufe können nach Konsum schwerer Neuroleptika nicht mehr ausgeübt werden. Dafür gelingt Bettnässen wieder um so besser!

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Psychiatrie und Pharmazie verschließen die Augen nicht vor Leid, das durch Heilung verursacht wird. In dicken Kochbüchern führt der Behandlungskompaß sicher durch den Neuroleptika-Dschungel bis zur Endheilung. Die Arzneimittel-Kompendien wissen aus langjähriger Erfahrung für jede Nebenwirkung Medikamenten-Rat, selbst für die Nebenwirkungen neu auftretender Nebenwirkungen.

Dieser Multiplikator-Effekt verbindet auf fruchtbare Weise Fürsorge mit Gewinn. Schließlich sind für pharmaka-gläubige Chemiker, Psychiater und Chefärzte die schönsten Nebeneffekte immer noch die finanziellen Gesichtspunkte solcher Behandlungen. Behandelten Patienten bedeutet Geld hingegen wenig, ein Ende der Qualen alles! Lediglich Patienten, die positiv auf neuroleptische Zuwendungen reagieren, erfahren menschlich-psychiatrischen Zuspruch jener Personen, die im Irrenhaus über Leben und Tod herrschen.

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Wir danken Peter Lehmann für die Darstellung psychiatrischer Stellungnahmen zu Nebenwirkungen („Der chemische Knebel“, Kapitel 6):
Leugnen: Bloße Hypothesen, nicht bewiesen, bedeutungslos, purer Zufall.
Verharmlosung: Nebenwirkungen sind ungefährlich, vorübergehend, leicht kontrollierbar, Ursache einer Überempfindlichkeit.
Minimalunterwerfung: Irren ist menschlich, einmalige, versehentliche Überdosierung.
Wasser wird zu Wein: Schmerzhafte, aber erwünschte Nebenwirkung, eine dem Heilungsprozeß insgesamt förderliche Epilepsie, alles in allem, ein sich günstig entwickelndes Krankheitsbild.

Lehmann faßt zusammen: Nachteilige Wirkungen von Neuroleptika treten nur ausnahmsweise auf, nur bei älteren Neuroleptika, nur bei zu rascher Dosisveränderung, nur bei zu alten Menschen... Wir fassen zusammen: Ungünstige Ergebnisse zeigen sich ausnahmslos bei ganz und gar therapieunfähigen, für die Psychiatrie samt und sonders ungeeigneten Menschen. Hinaus mit ihnen, auf den Müll!

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Es bedarf keines Medizinstudiums um zu erfassen, warum schwere Psychopharmaka Leid von unglaublicher Grausamkeit verursachen. Im medikamentösen Blindflug wird in das Zentrum dessen, was das Wunderwerk menschlicher Körper steuert, eingegriffen. Man muß nicht Philosophie studiert haben, um zu wissen, daß sich die gesamte äußerlich wahrnehmbare Welt nur als Vorstellung in unserem Gehirn befindet: Angehörige, Freunde, alles Leben, die Erde, das Universum... Niemand weiß, wie sie wirklich aussieht!

Jedermann sollte einleuchten, daß weder in diese beziehungsreiche Vorstellungswelt, noch in die komplexen körperlichen Steuerungsmechanismen, die sie tragen, ungestraft mechanisch oder medikamentös eingegriffen werden kann, selbst wenn das Gehirn vorübergehend von Wahnvorstellungen überschwemmt wird. Eingriffe fallen freilich leicht, da nicht der Eingreifende, sondern der Behandelte stellvertretend bestraft wird.

Die Formulierung, Medikamentenpsychiatrie stochere, wild um sich rührend, mit der Medikamentenstange im Gehirnnebel umher, stellt eine unverantwortliche Beschönigung des Sachverhaltes dar. Philosophisch betrachtet ist die Psychiatrie eine unbeabsichtigte Nebenwirkung der Geisteskrankheit!

Psychiatrie-Opfer berichten: Man wird rastlos, unruhig bis zum Exzeß und vermag sich nicht zu bewegen, man vergeht vor Durst und kann nicht trinken, man will essen und kann nur würgen, man will sprechen, es gelingen nur verzerrte Grimassen. Urin- und Stuhldrang treiben unaufhörlich zur Entleerung und werden ebenso unablässig blockiert. Nach Verabreichung solcher „Medikamente“ verbleibt kein Platz mehr für einen einzigen ruhigen Gedanken. Getriebensein und Festkleben, völlige Orientierungslosigkeit und schlafwandelnder Automatismus wechseln einander ab.

Psychopharmazeutisch versiegelte Münder lassen ohnmächtige Hilferufe nicht mehr nach außen dringen. Hört die Psychiatrie sie unglücklicherweise dennoch, erkennt sie ein neues Krankheitsbild, das durch einen kräftigen Nachschuß an Medikamenten geheilt wird, die neue, noch schlimmere Nebenwirkungen hervorrufen. Da dankt man der Gnade der Natur, daß wenigstens Eingriffe ins Stammhirn derzeit noch tödlich verlaufen. Dies wird nicht so bleiben! Pharmazeutische und psychiatrische Wunderheiler werden auch hier der Schöpfung nachhaltig auf die Sprünge helfen!

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Aus Fehlern kann man nur lernen, deshalb obduziert die Psychiatrie ihre Leichen lieber selbst. Dem Tod im Irrenhaus folgt der hauseigene Obduktions-Freispruch und erspart dem Staatsanwalt viel Arbeit. Bis heute ist psychiatrie-intern kein einziger Behandlungsfehler aufgedeckt worden. Irre sterben an natürlichem Schwund und respektablen Krankheiten, von der beliebten Lungenentzündung bis hin zum selteneren Herzversagen. Damit gelingt posthum die Wiedereingliederung Irrer in die menschliche Gemeinschaft. Der Tod macht alle gleich!



Dreimal täglich Haldol

Einen Lidschlag lang zweifelte die Psychiatrie West an der Heilwirkung von Neuroleptika. Nach der Wende erfuhr sie, daß das stark persönlichkeitsverändernde Neuroleptika „Haldol“ von der Psychiatrie Ost zur Heilung von Regimegegnern verwendet worden war. Die Dosierung ist vergleichsweise einfach. Soweit vom Arzt nicht anders verordnet: dreimal täglich Haldol!


Während Wahnvorstellungen selten dauerhaft verschwinden, werden unzählige Nebenwirkungen erzielt. Der seelischen Erkrankung gesellen sich zahllose körperliche Beschwerden hinzu, um die sich die Allgemeinmedizin kümmert: Bewegungsunruhe, Zitterstörungen, psychiatrisches Parkinson-Syndrom, vegetative Erkrankungen, atrophische Zustände (Gehirnschrumpfung), Fieberanfälle, krankhafte EKG-Veränderungen, Zahnfleischentzündungen, Zahnausfall, Lebererkrankungen, Diabetes, Fettleibigkeit, Sterilität, Ausbleiben der Menstruation, Impotenz, Farbstoffablagerungen, Geschwulstbildungen, Krebs, seelische Abstumpfung, Willenlosigkeit, Verzweiflungszustände, Verwirrtheit, Delirium, Depressionen, Suizidgefahr. Das Behandlungsziel, „schwachsinnig, aber krank“, wird immer erreicht! Merke: Haldol Ost = böses Haldol, Haldol West = gutes Haldol!

Ernst Klee berichtet in „Irrsinn Ost - Irrsinn West“, daß sich eine der RAF nachgebildete SchAF (Schizo-Armee-Fraktion) kurz nach der Wende zu folgendem Anschlag bekannte: Der Chefarzt eines Bezirkskrankenhauses der ehemaligen Psychiatrie Ost wurde mittels einer kostenlosen Zuwendung von 30 Milligramm Haldol ins Gesäß erlegt, abgefeuert von einem Gewehr, ähnlich dem afrikanischer Tierfänger. Dies ermöglichte dem Betroffenen einen praxisnahen Selbstversuch neuroleptischer Wirkungen: starkes Parkinsonsyndrom, Schlundkrampf und ein Beinahezusammenstoß mit dem Tod! Klee berichtet nicht, ob der Arzt von der Zwangsvorstellung befreit werden konnte, Wahnkranke mit solchen „Medikamenten“ zu heilen.

Später nahm dieselbe Gruppe Pfleger als Geiseln und behandelte sie, auf Betten fixiert, mit zwanzig Milligramm Haldol. Die Herabsetzung der Dosis verdanken sie dem Umstand, nicht an leitender Stelle tätig gewesen zu sein. Nach diesem Vorfall sollen in großer Eile neuroleptische Attentate von Patienten auf Ärzte unter besonders schwere Strafe gestellt worden sein. Psychiater, die Patienten mit Haldol attackieren, gehen weiterhin straffrei aus!



K.o.-Tropfen-Bande

Man kann nicht sagen, die Herstellung schwerer Neuroleptika wäre völlig sinnlos. Einzelne Personen außerhalb der Psychiatrie wissen sie durchaus sinnvoll einzusetzen! Mitte der Neunziger Jahre machte im süddeutschen Raum die sogenannte „K.o.-Tropfen-Bande“ von sich reden. Für gesellige Trinker hatte sie immer ein mit K.o.-Tropfen gestrecktes Kräuterschnäpschen extra in der Tasche. Dahinter verbarg sich nichts anderes als schweres Neuroleptika, das die molekularen Reibachgefährten, Chemie und Pharmazie, zur „Behandlung“ schwerster Schizophrenien erfunden hatten. Die großherzig Bedienten wurden von der Bande ausgeraubt und in finstersten Waldstücken zurückgelassen, aus denen sie aufgrund der Orientierungsstörungen, die diese „Medikamente“ verursachen, selten wieder herausfanden.

Der wahre Meister zeigt sich in der Feindosierung, was die K.o.-Tropfen-Bande noch zu lernen hat. Psychiatrische K.o.-Schläge werden nicht mit dem Säbel, sondern mit dem Florett gefochten und führen deshalb nicht sofort zum Tod. Neuroleptische Gesundheitsfürsorge ermöglicht Behandelten in einem noch für tolerierbar gehaltenen Zeitraum an ordentlichen Krankheiten zu sterben, die als unbedeutende Nebenwirkungen therapeutisch nicht völlig vermeidbar sind.

Die heilende Wirkung ist unbestritten! Mit dem körperlichen Niederschlag durch K.o-Tropfen geht der finanzielle Niederschlag auf Konten einher. Konzernbilanzen genesen bei Herstellung solcher „Medikamente“ unabhängig davon, ob sie Psychiater oder Verbrecher einsetzen. Arztkonten werden ebenso geheilt wie die chronische Geldnot von Verbrechern!

Nähert man sich dem Tode, wird die Grenze zu Auferstehung und Wunder gekreuzt. Schwere Neuroleptika bescheren dieses Wunder! Dieselbe Droge, die von Räuberhand gereicht dem unbescholtenen Konsumenten die Orientierung auf vernichtende Weise raubt, soll angeblich konsumierenden Psychiatrie-Patienten ermöglichen, sich wieder in der Realität zurechtzufinden. Die Auflösung des Rätsels wird frühestens für die Zeit nach dem Ableben infolge von Nebenwirkungen erwartet.



Amokläufe, Schuld und Drogen

Zerstörerische Amokläufe von Einzelgängern häufen sich! Konsum synthetischer Drogen wird dafür verantwortlich gemacht: Lebenskrise + Crack = Amoklauf. Das Studium neuerer Zahlen zum Medikamenten‑ und Drogenmißbrauch macht mißtrauisch. Es gibt keine guten oder bösen Drogen. Medikamente kommen als Übeltäter gleichermaßen in Betracht!


Lebenskrisen haben viel mit verdrängter Wut zu tun, die hinter Verzweiflung lauert. Führen sie zu Selbstmordversuchen, so ist dies ein Schutzmechanismus, der Schädigungen dritter Personen verhindert und nicht beliebig durch Einnahme von Medikamenten unterlaufen werden darf.

Wer sich umbringen möchte, würde am liebsten jemand anderen umbringen, sagt die Psychologie. Im Prinzip möchten Betroffene nicht sich selbst, sondern ihre destruktiven, selbstschädigenden, persönlichkeitsfremden Wesensanteile zerstören! Wird dieser Prozeß gestört, die „Mordswut“ nicht entschärft, sondern mit Drogen oder Medikamenten zugeschmiert, führt dies mitunter zu fatalen Folgen. Ein Spiel mit dem Feuer!

Die äußerliche Ruhe Behandelter verhält sich genau gegensätzlich zu dem, was sich unbewußt mit um so mehr Motorik, Wut und Aggression zusammenbraut. Medikamente wie Drogen sind allesamt geeignet, die soziale Steuerungsfähigkeit herabzusetzen, natürliche Hemmschwellen zu schwächen, die eine weit zurückreichende Kultur zum eigenen und zum Schutz von Mitmenschen aufbaute.

Somit stellt der medikamentös verabreichte Dämmerzustand, der suizidgefährdeten Menschen nach nervenärztlichen Behandlungen mit nach Hause gegeben wird, einen besonders günstigen Nährboden für die Begehung von Straftaten dar. Die Projektion destruktiver Verdrängungen auf Mitmenschen wird erleichtert. Dem folgen nicht selten entsetzliche Bluttaten und Amokläufe. Auf der Anklagebank fehlen regelmäßig die wahren Schuldigen! Da tröstet wenig, daß potentiellen Selbstmördern geistig verabreichte Dämmerzustände noch tragischere Folgen haben können: Religiös motivierte Suizid-Attentate reißen besonders viele Menschen in den Tod.

Im Juni 2001 erstach ein 37‑jähriger Japaner an einer Grundschule acht Kinder und verletzte dreizehn weitere. Zur Begründung gab der unter starken Beruhigungsmitteln und in psychiatrischer Behandlung stehende Mann an, „er wünsche sich seine Hinrichtung“! „Er habe schon mehrmals (erfolglos) versucht, sich das Leben zu nehmen.“ In Japan gibt es die Todesstrafe! Dieser Selbstmordversuch durch Amoklauf könnte klappen, falls die Exekution nicht an fehlender Schuldfähigkeit scheitert.

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Nichts fürchten psychiatrische Kliniken mehr als Selbstmord von Patienten. Weniger menschlicher Anteilnahme wegen, sondern aufgrund verwaltungs- und strafrechtlicher Konsequenzen. Niemand ist gegen Freitod besser gerüstet als die Psychiatrie! Das Ende der neuroleptischen Dosierungsskala ist nach oben offen, mechanische Beschränkungen sind perfekt entwickelt.

Die Unterbindung von Selbstmordversuchen ist aus mehreren Gründen zu bedauern. Wer den psychiatrischen Alltag mit all seinen mechanischen, elektrischen oder neuroleptischen Fallstricken nicht ausreichend fesselnd findet, sollte sich wenigstens das Leben nehmen dürfen. So würde die Häufigkeit von Suizidhandlungen zum wichtigen Gradmesser für die Qualität psychiatrischer Kliniken.

Immerhin gibt es Alternativen zum Selbstmord! Reste luzider Momente können damit verbracht werden, erwartungsvoll zu den Gräbern, sehnsüchtig nach dem Tod zu schielen. Man sollte sich bei solcher Entrückung allerdings nicht ertappen lassen, denn sie ist leicht heilbar: einleitende Elektroschocks, schwere Neuroleptika, ein gehirnchirurgischer Eingriff; schon steht der Wahnkranke, wenn er alles überlebt, wieder auf den Beinen. Allerdings ziemlich wackelig und nur, weil solche Behandlungen Tote aus dem Grab reißen würden!



Fesselnde Heilungen

Ein Münchner Familienvater gurtete seine geistig behinderte Tochter gelegentlich an. Die Boulevardpresse ermordete ihn 1991 ohne nähere Prüfung der Schuldfrage. Tausende gleichartige Fixierungs-Fälle spielen sich tagaus tagein in Altenheimen und psychiatrischen Krankenhäusern ab, häufig in Kombination mit Neuroleptika. Selten ist das der Presse eine Mitteilung wert. Ein Familienvater hat eben keine psychiatrische Lobby! Der Tochter wurde geholfen. Sie wird jetzt beanstandungsfrei in einem Heim gefesselt!


Im Gegensatz zu diesem Familiendrama entbehren psychiatrische Fixierungen nicht ihrer besonderen Note. An einem Beispiel: Ein Ver-rückter stellt sich in Wahnvorstellungen einen Sachverhalt vor, der ihn um sein Leben kämpfen läßt. Die Psychiatrie sieht einen Tobsüchtigen, den sie auf der Stelle in Fesseln legt. Der inneren Katastrophe der Psychose folgt das äußere Drama mechanischer Beschränkung. Der Wahnkranke wehrt sich mit dem Mut der Verzweiflung. Die Psychiatrie erschlägt ihn mit einer Medikamentenkeule. Je ruhiger er äußerlich wird, um so mehr entspricht er dem idealen Kranken.

Die Heilung kann beginnen: Der wahre Übeltäter ist das Gehirn. Sobald es seine Fehlfunktionen einstellt, wird der Patient gesund. Ist das Patientengehirn durch Behandlungen so geschädigt, daß es keine Wahnvorstellungen mehr produzieren kann, spricht die Psychiatrie von „Heilung“. Eine traurige Genesung zumeist: Der Patient kann sich nur wenig Vernünftiges mehr vorstellen und führt im günstigsten Fall ein unauffälliges, emotional und geistig verkümmertes Dasein.



Vergitterte Gesellschaft

Amerika hat die Nase vorn, auch beim Wahnsinn! Gefängnisse sind preiswert geworden. Richter entlassen Ver-rückte unter Verabreichung erneuerbarer Medikamentenkerker. Langzeitspritzen machen ein Entkommen unmöglich. Wegweisend für Gefangenenhaltung aller Art! Nicht blasse Eisengitterstäbe traditioneller Haftanstalten, nicht verheißungsvoll weiß strahlende psychiatrische Kliniken, nicht elektronische Fesseln werden künftig Menschen einschließen, sondern bunte Langzeitspritzen und dauerhafte Arzneidepots. Platz für ein Medikamentengefängnis ist noch im kleinsten Kopf! Wie sich die Zeiten in einer übervölkerten Welt ändern: Früher nahm das Gefängnis Verurteilte auf, heute dringen Pillenkerker in Gefangenenköpfe ein.

Längst kommt die Psychiatrie nicht mehr all den unbequemen, störenden, auffälligen, psychotischen, arbeitsunfähigen oder wahnkranken Menschen hinterher. Patienten könnten aufgrund kurzfristiger Unterdosierung luzide Momente haben und sich durch Suizid aus dem Staub machen. Das wäre nicht weiter schlimm, aber die Presse berichtet so nachteilig darüber!

Psycho-Konsumenten scheuen weite Wege und holen sich ihre Gefängnisse gern diskret ab. Mit dem Netzwerk „Gemeindepsychiatrie“ können Psychiater vagabundierenden Wahnsinn lückenlos erfassen und medikamentös unter Kontrolle bringen. Bis Zweigstellen in allen Wohnvierteln eröffnet werden, verschreibt der gute alte Hausarzt nebenan Psychopharmaka.

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Der Straf‑ und Vergewaltigungscharakter von Depot-Spritzen wird leicht übersehen. Der Patient hat die Wahl: Wer sie nicht freiwillig abholt, wird unverbindlich vom Psychiatrischen Überfallkommando besucht und wandert in den geschlossenen Vollzug. Psychiatrie erkennt damit ohne Urteil auf lebenslange Freiheitsstrafe im Medikamentenkerker. Das Begnadigungsverfahren, wie es der normale Strafvollzug vorsieht, folgt nur dem Zufallsprinzip.

Die amerikanische Gesellschaft ist schon gut eingeschlossen! Jeder zweite Staatsbürger sperrt sich mit Psychopharmaka der einen oder anderen Form ein. Sobald auch jeder erste einsitzt, sind die Amerikaner gesund.

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Psychiatrische Richtungskämpfe werden sachbezogen entschieden. Medikamentenpäpste und Neuroleptika-Gurus legen bei ihren Gipfeltreffen die notwendigen Mengen für kollektive Drogensucht fest. Durch chemische Erweiterung der Irrenhausgrenzen wird die Frontlinie des Wahnsinns weit bis ins Territorium der Normalität vorgeschoben. Auf diese Weise beherrschbar werdende Staatsbürger nennen wir „Neuroleptinge“. Ihnen wird das Abholen neuer Medikamentengefängnisse so normal werden wie das morgendliche Semmelholen oder die abendliche Maiandacht.

Psychoanalytiker geraten in Panik! Werfen Ärzte und Psychiater immer mehr potentielle Kunden in Neuroleptika-Gefängnisse, wird sich diese Billigversorgung bis zu den Krankenkassen herumsprechen, die daraufhin keine Geistheiler mehr bezahlen. Mancher versucht auf den Pharmazug aufzuspringen, um die geistig erschlaffte Klientel selbst psychopharmazeutisch bedienen zu können. Der Gesetzgeber wird energisch bearbeitet, auch psychologischen Berufen zu gestatten, auffällige Kunden neuroleptisch zu ermorden.

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Die Gesellschaft wird pharmazeutisch geknebelt! Jeder ist gezwungen, schon geringe Persönlichkeitsstörungen medikamentös zu unterdrücken, um nicht wegen auffälligem Verhalten ausgegrenzt zu werden. Ausscheren, Ausrasten kann sich keiner mehr erlauben, ohne sozial unterzugehen. Ein verschlingender Prozeß, da die pharmazeutische Einflußnahme sich beschleunigt!

Spätestens 1943 wußte jeder Deutsche, daß der Krieg verloren war. Jeder leugnete es, mußte es bestreiten! Jeder wußte vom anderen, daß dieser es wußte, jeder log dem andern das Gegenteil vor. Jahrzehntelang wußten die Staatsbürger der ehemaligen DDR, daß ihre Tageszeitung „Neues Deutschland“ Lügen verbreitete. Jeder wußte, daß jeder das wußte. Dennoch hielt ein eiserner Konsens zur Lüge. Es bedurfte des totalen Zusammenbruchs des Systems, bis die Menschen auf der Straße anfingen, über die neuesten Zeitungsnachrichten herzlich zu lachen.

Der Wahrheit zuwider wird vorgetäuscht, es gehe einem gut, man habe keine Probleme. Im Grunde stehen sich nur Lügner gegenüber. Alle wissen um die Lügen! Jeder ist gezwungen, sich am Roulette der Unwahrheiten zu beteiligen. Heimlich werden Suchtmittel oder Psychopharmaka eingenommen! Nach Zuschnappen der medikamentös-pharmazeutischen Falle wird allerdings nicht mehr gut lachen sein. Der Alptraum der pharmazeutisch eingekerkerten Gesellschaft ist keine bloße Vision mehr.

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Unserer Zeit blieb vorbehalten, Strafe in „Hilfe“, Gefängnisse in „Krankenhäuser“, Altenheime in „Seniorenwohnsitze“ umzulügen. Es lohnte, sich beizeiten auf den Weg zu machen, zu den Ufern der Verlorenen und Verdammten. Insassen werden unter Anwendung nie da gewesener medikamentöser Gewalt in Medikamentenverliese geworfen. Dunkle, mittelalterliche Kerker erscheinen im Vergleich wie lichtdurchflutete Paläste!

„Medikamente“ eignen sich ausgezeichnet zur Gefangenenhaltung! Insassen von Irrenhäusern, Gefängnissen und Altenheimen werden willenlos, steuerbar und mit geringem Personalaufwand überwachbar. Solch brachiale Gewaltanwendung wurde zu keiner Zeit mehr verniedlicht als heute, da es ja helfende, heilende Ärzte und medizinisch geschultes Personal sind, die sie ausüben.

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Menschen werden entweder zur Heilung oder zur Sühne eingesperrt. Neuerdings lauern weitere Einschlußmöglichkeiten in Katastrophenschutzplänen, beispielsweise Zwangsaufenthalte in Unglücksgebieten. Zum Glück können Atomunfälle nicht passieren! Wer sich nahe genug am GAU aufhält, darf das Katastrophengebiet nicht mehr verlassen, um andere nicht zu verstrahlen. Viele Helfer, die nach Tschernobyl Strahlenopfer versorgten, starben an Sekundärstrahlung!

Verstrahlt- und Eingeschlossensein kann Panik verursachen. Keine Sorge! Strahlenhäftlinge trinken angstlösende, aggressionshemmende und schmerzdistanzierende Cocktails (nein, keinen Screwdriver oder Manhattan, sondern das übliche psychiatrisch-pharmazeutische Gesöff!). So verlieren kleine und große GAUs ihre natürlichen Schrecken! Freilich sind das unbedeutende Greuel im Vergleich zu künftigen Unglücksfällen. Aber keine Angst: Katastrophenschutzpläne und pharmazeutische Besäufnisse halten mit dem Entsetzen Schritt!

Die alte Angst geht in den Ruhestand. Das Maß erlaubter Furcht bestimmen künftig Psychiater, über deren Meßlatte Medikamenten-Zwangskonsum schwebt. Der auf der Gesellschaft lastende pharmazeutische Deckel wird fester und die Chance geringer, letzte Warnzeichen falscher Lebensweisen wahrzunehmen!



Strafvollzug im Strafvollzug

Was Argentinien Montes de Oca war, könnte Bayern der Strafvollzug Straubing sein. Anfang der Neunziger Jahre sperrten Psychiater Strafgefangene in sogenannte „Trockenzellen“ und verabreichten ihnen ausschließlich mit Versuchsmedikamenten vergiftete „Getränke“ zur „Heilung von Aggressionen“. In einem Hungerstreik wehrten sich die Gefangenen! Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam. Um in Straubing an die hauseigene Psychiatrie ausgeliefert zu werden, bedurfte es keineswegs psychotischen Verhaltens. Bemalen von Zellenwänden oder Ausspucken vor einem Wärter genügte! Nach irgendeinem System müssen Versuchskaninchen schließlich rekrutiert werden.


Die Psychiatrie verhängte ihr Heilungsurteil: Neuroleptika und Einzelhaft! Viel geschickter, als wirklich oder vermeintlich psychisch Kranke mit Medikamenten zu füttern, ist es, deren Trinkwasser zu vergiften. Appetit vergeht Einsitzenden schnell, aber nach Wasser verlangen selbst Sterbende. In den „Trockenzellen“ wurden ausschließlich mit „Medikamenten“ versetzte Flüssigkeiten gereicht. Der Aufenthalt wurde so furchtbar erlebt, daß in kürzester Zeit vier Gefangene in den Selbstmord flohen, bekanntlich in Strafvollzugsanstalten nicht ganz einfach! Ihr Tod bewahrte weitere Eingeschlossene vor solchen „Behandlungen“. Die Trockenzellen wurden abgeschafft! Selbstverständlich war die Psychiatrie mindestens so schuldlos wie nach Auschwitz. Keinem Psychiater wurde ein Härchen gekrümmt oder gar das Gehalt gekürzt!

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Zum Glück konnte die Gefängnisleitung den wahren Grund des Hungerstreiks ermitteln: Angeblich hatte man den Gefangenen nicht gestattet, ein im Fernsehen übertragenes Fußballspiel zu sehen. Somit war das Verhalten der Direktion ebenfalls nicht strafbar. Niemand mußte zurücktreten!

Wir korrigieren unser vorschnelles Urteil über schwere Neuroleptika: Psychiatrische „Behandlungen“ werden doch „befreiend“ erlebt. Die „behandelten“ Strafgefangenen wurden nachhaltig vom Wunsch befreit, weiterzuleben. Der alte Ganovenknast erscheint direkt gemütlich!

Wir käuen diese Angelegenheit nicht deshalb wieder, weil wir einen Funken Hoffnung hätten, die Schuldigen würden bestraft. Vielmehr weisen wir auf einen Qualitätssprung hin. Die Psychiatrie nimmt nicht mehr als Gleicher unter Gleichen am Strafvollzug teil, sondern setzt sich an dessen Spitze. „Hilfe“ wird zum Strafvollzug im Strafvollzug! Straubinger Gefangene fürchteten keine andere Strafe mehr als die Verlegung ins sogenannte Haus III, die Auslieferung an die „heilende“ Psychiatrie!

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Strafender Vollzug und heilende Psychiatrie sind dabei, die Seiten zu tauschen. Das Gefängnis möchte sozial heilen, die Psychiatrie verkommt zum Disziplinierungsinstrument. Die Bereitstellung heilender Gefängnisse und strafender Psychiatrie-Krankenhäuser hat in eine Sackgasse geführt. Das Irrenhaus war und ist der Auffangkerker für alle, die die Gesellschaft wie Harn, Schweiß oder Kot ausscheiden möchte. Daran ändert weder die Umbenennung von Gefängnissen in Psychiatrische Krankenhäuser etwas, noch der Versuch, Strafe in „heilende Behandlungen“ umzulügen. Heutzutage werden Irre zur Strafe medikamentös vernichtet, weil die soziale Umgebung sie nicht aushält.

Nur die klare Trennung zwischen unfreiwillig hinzunehmender Strafe und freiwillig angenommener Hilfe führt aus dieser Sackgasse heraus. Eine Beschäftigung mit der neuen Kunst des Strafens lohnt für jedermann. Ver-rückte und Irre, immer nur andre? Ein trügerischer Glaube!



Den „großen Bruder“ lieben

Dümmer als die medikamentös orientierte Psychiatrie hat sich kein Zeitalter Phänomenen der Psychose, Wahnvorstellung und Halluzination genähert. Unbelehrbare Nervenbändiger haben Heilung in Strafe verwandelt!

Ursächlich für Wahnerkrankungen sind weder fehlgeleitete Nervenbahnen noch gestörter Gehirn-Stoffwechsel, sondern weit zurückreichendes krankes Denken, über Jahrhunderte praktizierte falsche Lebensweisen, ja der „Fortschritt“ schlechthin. Kinder, von Psychosen ins Kindsein zurückgeworfene Erwachsene und sogenannte Entwicklungs‑ oder Kinderländer spüren weit besser als der Rest der Menschheit, daß es so, mit allem und jedem, nicht weitergehen kann. Wahnerkrankungen sind im Grunde die unbewußte Weigerung, so weit von sich fortzuschreiten, wie westlich geprägte Lebensweise, wie vermeintlicher Fortschritt dies seit langer Zeit verlangt.

Das durchschnittliche Lebenstempo zivilisierter Gesellschaften stellt einen öffentlichen Amoklauf dar! Pharmazie und Psychiatrie sind zum medikamentösen Deckel globaler Besessenheit geworden und überfordert. Psychiater wurden zu Wesen, die zwar auf einem Hochseil-Fahrrad einen Handstand machen können, aber verlernt haben, auf zwei Beinen zu gehen.

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Wir kamen schon darauf zu sprechen: Entlassung aus dem Irrenhaus winkt nur dankbaren Patienten. Orwells Vorausdeutungen in „1984“ wurden Wirklichkeit! Seine Schilderungen enden damit, daß der Gedemütigte, Gefolterte und Gequälte erst Erlösung findet, nachdem er begonnen hat, den all die Qualen und Folterungen anordnenden „großen Bruder“ zu lieben. Ver-rückten, die das schaffen, winkt vielleicht die Freiheit. Allerdings eine begrenzte Freiheit in ruinierten Körpern!

Man sollte nicht glauben, Zustände, die der Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ (1975) bereits vor Jahren beschrieb, seien hierzulande nicht möglich. Sie sind die Regel, nur subtiler, schwieriger aufzuspüren und meistens nicht einmal böse gemeint. Wir leben Tür an Tür mit solchen Verbrechen - und schweigen! Die Rettungsmethoden für verhaltensgestörte, wahnkranke oder hilflose Menschen werden unaufhaltsam brutaler, weil wenigen „Rettern“ immer mehr zu „Rettende“ gegenüberstehen.

Aus individueller Sicht relativieren sich alle Schrecken dieser Erde gegenüber dem personifizierten Grauen in Weiß. Das Gegengift der Logik hat bislang im Kampf gegen die Psychiatrie versagt! Vielleicht hilft eine übersinnliche Anleihe? Verwirrte Menschen soll fortan ein Fluch schützen: „Verflucht sei jeder, bis in alle Zeit, der mechanisch, durch schwere Neuroleptika, Gehirnchirurgie oder vergleichbare Schädigungen in das Steuerungszentrum Wahnkranker eingreift.“



                   Gekaufte Freunde

Bezahlte Psychologen-Freunde wissen sich in bester Gesellschaft mit Astrologen, Kartenlegern, Wahrsagern, Wünschelrutengängern... Den masochistischen Zwang, abgehört zu werden, kann nicht eine einzige Generation allein aufarbeiten. Heute nehmen sich der sorgsam über Jahrhunderte religiös aufgebauten Schuldgefühle ungeweihte Psychopriester in patientenverschlingenden Ohrensesseln an. Die Ohrenbeichte im neuen Gewande ist zwar teurer, aber nicht unbedingt erfolgreicher als der Beichtstuhl. Mindestens einmal wöchentlich werden emotional an ihre Psychoanalytiker gebundene Patienten kostenpflichtig abgehört und beraten. Dies behindert die emotionale Grundversorgung im Verwandten‑ und Freundeskreis samt deren kostenloser Lebenshilfe.

Unter viel Therapie-Wirrwarr und Sektierertum glänzt die pseudoreligiös zelebrierte reine Lehre psychoanalytischer Richtung, die liturgisch gestaltete Einzelmessen und Gruppensitzungen abhält. Mit dem Altmeister Freud werden häufig Lehnstuhl, Couch und Pfeife geteilt, nicht aber dessen Heilungsfachkunde. Das verhinderte die Götterdämmerung einer Hohepriesterschaft von Lehranalytikern nicht, die andersdenkende Rebellen gnadenlos ausschließt.

Obwohl sich die Psychoanalyse der Freilegung des im Unbewußten einzementierten Gefühlslebens verschrieben hat, igelt sie sich geheimbündlerisch ein und weigert sich standhaft, sich an den Kriterien messen zu lassen, die sie von der Klientel als unbedingte Heilungsvoraussetzung fordert: Offenheit und Ehrlichkeit!

So ergeht es der Psychoanalyse nicht anders als vielen Religionen, die als mutige, emanzipatorische, geistige Bewegungen starteten, um wenige Jahre später an der eigenen, zum Dogma erhobenen „Wahrheit“ zu ersticken. Dieser psychoanalytische Niedergang ist bedauerlich, da hier in der bislang bemerkenswertesten Weise das ur-anarchistische Prinzip des Denkens versucht wurde: auf der Suche nach Wahrheit keinem König und keinem Gott verpflichtet zu sein!

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Persönliche Abhängigkeiten beginnen bereits während des Psychologie-Studiums und treiben besonders bei der späteren Lehranalyse, die jeder künftige Psychoanalytiker bewältigen muß, ihre Blüten. Pseudokindliche Unterwerfung wird dabei disziplinierend ausgebeutet, obwohl der Analytikernachwuchs zu diesem Zeitpunkt immerhin ein Studium abgeschlossen hat.

Welcher Personenkreis wird zur psychoanalytischen Elite zugelassen? Bewerber, die ihre fruchtbarsten Jahre zwischen dreißig und vierzig hauptsächlich auf der Couch verbringen, längst Mütter und Väter sein sollten und sich den sozialen Forderungen ihrer Umwelt nicht mehr verweigern dürften. Stattdessen plagt sie ständige Furcht vor einem Versagen in der weiterführenden Ausbildung, vor allem bei der Lehranalyse. Diese sollte letzte psychologische Hindernisse schleifen, sondert jedoch nur den gerisseneren oder angepaßteren Nachwuchs vom ehrlicheren aus.

Die Kunst für den Analysierten besteht darin, sich soweit zu öffnen, daß der Lehranalytiker nicht argwöhnt, er sei nicht offen und ehrlich, während es umgekehrt gefährlich wäre, wühlte der Analysierte zu aufrichtig und tief im Unrat seiner Seele. Obwohl es ganz normal ist und für seelische Gesundheit spricht, selbst vertrauten Personen nicht alles zu erzählen, gilt dies der Psychoanalyse als verdächtig. Umgekehrt darf der Prüfling seinen Lehranalytiker nicht mit ungewöhnlichen Seeleninhalten erschrecken, da dieser während seiner Ausbildung ebenfalls nur wenig an Tiefgang und viel an vorzeigbarer Seelenkosmetik feilte. Lediglich naive Bewerber öffnen sich in der Lehranalyse vollständig. Aufgeweckte Teilnehmer wittern rechtzeitig, daß die Offenbarung zu großer Seelenlöcher sie auf Lebenszeit vom angestrebten Brotberuf ausschließen könnte.

Wer zu freimütig ist und Pech hat, nimmt statt auf dem Analytikersessel gar auf dem psychiatrischen Operationstisch Platz. Die Latte für Irrsinn wird nirgends niedriger gehalten als im Psycho-Reich. Lehranalytiker werden nur diejenigen, die so verlogen sind wie der Durchschnitt der Gesellschaft – und warum auch nicht?

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Jeffrey M. Masson rechnet in seinem Buch „Die Abschaffung der Psychotherapie“ mit den bezahlten Freunden seines Berufsstandes ab: Psychoanalytiker nährten unseriös leere Patienten-Hoffnungen, irgendwann einen Therapeuten zu finden, der sich als der weise und gütige Guru zeige, den die Branche als Leitbild suggeriert, ganz darauf eingestellt, zuzuhören und seelisches Leid zu lindern.

Er selbst, so Masson, weise mindestens ebenso viele eigene Fehler und Unzulänglichkeiten auf wie die Klientel. Ihm sei es im Leben nicht besser ergangen als seinen Patienten und dies sei bei anderen Therapeuten genauso. Jeder Rat, den er seinen Patienten gegeben habe, wäre nur teurer gewesen als der von gut unterrichteten Freunden. Masson endet mit dem Vorwurf der Nichtreformierbarkeit des auf Lügen, Schaden, Unausgewogenheit, Arroganz und Anmaßung aufgebauten psychologischen Machtapparates. Weder bebte die Psycho-Branche nach diesen Vorwürfen, noch ging sie unter. Sie ignorierte Masson einfach!

Dieser klaren Sicht der Dinge haben wir wenig hinzuzufügen. Masson irrt aber in einem wichtigen Punkt! Viele Menschen haben keine Freunde mehr, die ihnen Ratschläge erteilen könnten oder wollten, aber sie haben viel Zeit. Der Psycho-Trip wird den Freizeitmarkt weiter erobern!

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Wirklich gefragt wären gute Analytiker im Reich der Psychosen, die mit Halluzinationen und Wahnvorstellungen aller Art ängstigen. Einfühlsame Verwandte und gute Freunde sind hier menschlich und sachlich überfordert. Leider auch die Fachleute! Psychoanalytiker versuchen weit eiliger als andere, solche Kunden loszuwerden und lassen sie lieber heute als morgen im Netz überholter Tollhäuser der Psychiatrie zappeln.

Wer sich Psychologen anvertraut, muß wissen, daß sie nicht weniger irr sind als man selbst. Sie sollten nicht überlastet werden, machten sie doch die Krankheit zum Beruf! Nächtliche Störungen durch panische Patienten können nicht immer durch kleine Nickerchen während der teuren Therapiezeit wettgemacht werden. Die Auslieferung der Störenfriede an die Psychiatrie wird daher unvermeidlich!

Mitunter wirft die bloße Mitteilung von Träumen Patienten in Irrenanstalten. Bei manchem Analytiker sollte man sich vorsorglich nicht „als idiotisches Kind auf einem Nachttopf träumen, das sich mit Kot beschmiert“ oder „von gnadenlosen Verfolgern durch Träume jagen lassen“.

Sorgsam ist auf „Kleingedrucktes“ zu achten, auf beiläufige, warnende Äußerungen von Therapeuten und Analytikern, wenn Patienten, „Dampf ablassend“, fremd‑ oder selbstschädigendes Verhalten ankündigen. Die Bemerkung, den Nachbarn, über den man sich maßlos ärgerte, zu erstechen, kann nur am Stammtisch straffrei geäußert werden. Wut und Zorn vergehen, nicht aber Gedankenmitteilungen auf einer Psycho-Couch. Vor dem Abschiednehmen in der Analysestunde also schleunigst widerrufen: „Alles nur Spaß gewesen!“ Andernfalls folgt der psychiatrische Zugriff auf dem Fuße.

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Die Psychoanalyse, zum gesellschaftlichen Modespiel verkommen, endet dort, wo sie ernsthaft anfangen könnte. Bei Wahnvorstellungen der Psychose beginnt der therapeutische Seelenweitwanderweg zur Heilung. Hier wird Eingeschlossenes frei, Verdrängtes bewußt, Destruktives laut! Geistige Auseinandersetzung ist nicht mehr im Vorgeplänkel unverbindlicher Gesprächs‑ und Traumarbeit möglich. Während sich der Patient auf der Couch masochistisch quält, bleibt Analytikern keine Zeit mehr zum Bearbeiten der Hauspost oder Lesen spannender Lektüre.

Aus dem psychologischen Glasperlenspiel wird Ernst! Der Kriegsschauplatz droht auf Dritte, allen voran den psychoanalytischen Partner, überzuschwappen. Geht es nicht mehr ums bloße Geldverdienen, kippen die Traumdeuter und Halbschläfer reihenweise aus zu großen Analytiker-Pantoffeln und retten sich mit Anrufen beim psychiatrischen Notdienst, um unbequeme Spielverderber und Störenfriede abzuschieben. Kompetentes Personal in Psychiatriegefängnissen weiß den totalen Krieg gegen wehrlose Wahnkranke zu führen!

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Schade! Bemühte sich doch die Religion über Jahrtausende unfreiwillig, ein überbordendes Heer von Psychologen, Psychotherapeuten, Psychoanalytikern, Psychiatern damit zu beschäftigen, verdrängte Schätze des Bösen wieder aus dem Unbewußten zu heben.

Fehlender Erfolg liegt nicht am guten Willen der Psycho-Branche, sondern daran, daß sie von eigener Destruktivität, verdrängtem Bösen, ferngesteuert wird. Mitunter arbeiten destruktive Kräfte von Patienten und Psychiatern so solidarisch zusammen, daß ganz erstaunliche Ergebnisse produziert werden: Geisteskranke Mörder gesunden nach der vierten Einweisung in die Psychiatrie auf wunderbare Weise ein weiteres Mal und begehen, kaum freigelassen, den nächsten Mord.

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Wahnerleben erschüttert Patienten und Analytiker in geistig-seelischen Grundfesten. Kaum ein Therapeut ist auf eine geistig begleitende Abwehrschlacht vorbereitet, weder von den intellektuellen, noch den persönlichen und zeitlichen Voraussetzungen her. Gelingt es einem Psychologen zufällig, dem Bösen auf den Pelz zu rücken, erschrickt er gewaltig. Das destruktiv gewordene Böse wird deshalb nicht mehr als solches erkannt, sondern hinter einer heilbaren Gehirnkrankheit vermutet.

Das weitere Gefecht wird ausschließlich psychiatrisch geführt! Eine Gewebeprobe des Bösen wird entnommen und ins psychiatrische Labor eingeschickt. Kommt die Probe zurück, ist eine ordentliche, diagnostizierbare und therapierbare Krankheit daraus geworden, die auf Stoffwechselstörungen beruht. Wahlweise kann es sich um eine bescheidene Schizophrenie, ein höfliches manisch-depressives Irresein oder eine gut verträgliche Psychose handeln. Das verdrängte Böse zeigt sich kooperativ und wehrt sich kaum gegen die medikamentöse oder chirurgische Behandlung seines Trägers. Hauptsache, es bleibt unerkannt!

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Die Patientenpsychose aktiviert massive Abwehr‑ und Verdrängungsmechanismen auf Behandlerseite. Aus diesem Grund wird Wahnerleben als chemisch oder mechanisch behandlungsbedürftiger Irrsinn begriffen. Was tiefe, weit in die Generationen zurückreichende geistige Wurzeln hat, wird zur „heilbaren Gehirnkrankheit“ der endogenen Psychose.

Analytiker fühlen ihre begrenzte Vorstellungswelt, die wackeligen Denkgebäude, den hauchdünnen Anstrich einer mächtigen Urseele. Wie sollten sie, die ihre religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Grundlagen nie ernsthaft in Frage stellten, wie ein Fels in der geistigen Brandung bestehen? Lieber lassen sie seelisch schiffbrüchige Wahnkranke los, als mit ihnen unterzugehen. Nur so können sie an ihrer bislang gültigen, lieb gewonnenen Lebensperspektive festhalten, die sie für die einzig wahre, tragfähige und Realität spendende bewußte Welt halten. Die fruchtlosen Anstrengungen psychologischer Berufsgruppen dauern uns! Wie günstig wirkte es sich aus, würden sie produktiven gesellschaftlichen Aufgaben zugeführt.

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Psychiater, die Wahnkranken nicht medikamentös, sondern geistig beistehen wollen, lassen sich von akut Wahnkranken anstecken, werden auf ihre Weise mit wahnsinnig. Mitteilungen werden wörtlich genommen und akribisch aufgezeichnet, statt ein Geschehen zu begleiten, das eigenen Gesetzen, eigener Logik und eigener Realität folgt und nicht nur einen für das gegenwärtige Dasein gültigen Sinn besitzt.

Aus psychiatrischen Notizen: „Wahnkranke verwechseln Körperteile, werden zur Leiche, fühlen sich von unzähligen Autos überfahren.“ Berichtet wird von „wie Bomben wirkenden Worten, kontrastierenden Seinszuständen, Superexistenzen, Schöpfungsgedanken, Kosmogonien, Urbildern, Grimassierungen, Angst vor Blicken, die Körper rauben, psychischen Fragmentierungen, Vernichtungsängsten, Auflösung von Körpergrenzen, in die Analytiker hineingehen usw.“ Diese Aufzeichnungen sind ebenso richtig wie der Zusammenhang falsch ist, in den sie gebracht werden!

Der sich in der Psychose öffnende Blick auf das innere Universum kann aufgrund von Ausdehnung und Vielfalt nicht aufgezeichnet werden, selbst wenn alle Elektronengehirne der Welt bemüht würden! Woran es mangelt ist, Wahnkranke in dieser Welt nicht zurückzulassen, sondern eine Brücke zur Realität zu sein. Es bedarf weniger, geistig Ver-wirrte zu behandeln, als geistig Ver-irrte zurückzuführen, über Monate, Jahre und Jahrzehnte!



          Psychiatrie - Ende einer Karriere

Masson warnt davor, jemandem das Recht einzuräumen, darüber zu entscheiden, was normal oder nicht normal ist: „Wann immer wir dies tun, verzichten wir auf eine fundamentale intellektuelle Verantwortlichkeit, nämlich die, zu bestreiten, daß solche Unterscheidungen gemacht werden können, und es sollte uns dann nicht überraschen, wenn dieses Recht von Menschen mißbraucht wird. Dieses Recht kann nämlich nur mißbraucht werden.“

Zuständigkeit für Normalität und Wahnsinn räumt der Psychiatrie eine Macht ein, die einst die Kirche hatte. Befand diese über gut und böse, wurde jene zur Herrscherin über normal und ver-rückt. Freilich kann die Psychiatrie ihren religiösen Vorgängern schon aufgrund des fehlenden geistigen Ansatzes nicht das Wasser reichen. Steuerte die eigennützige Religion Menschen subtil durch Ge- und Verbote zur Bekämpfung des Bösen, rückt die Psychiatrie Ver-rückten mechanisch und chemisch zu Leibe. Heiligenschein und prestigeträchtige Verkleidung sind geblieben. Jede Gemeinschaft schafft sich ihre Teufel selbst!

Was immer aus vergangenen Jahrhunderten, während der Weltkriege, in Nachkriegszeit und Gegenwart, über Psychiatrie-Höllen berichtet wurde und wird, die Psychiatrie sitzt es aus! Sie rechtfertigt sich nicht gegenüber einer „unverständigen“ Öffentlichkeit, hält es für überflüssig, sich zu entschuldigen. Die Psychiatrie ist nicht einmal beleidigungsfähig und erklärt auch warum: „Die Gesellschaft würde die Psychiatrie immer nur in negativem Zusammenhang zur Kenntnis nehmen. Dies dürfe sie aber nicht dazu veranlassen, sich etwa schmollend und beleidigt in einen wissenschaftlichen Elfenbeinturm zurückzuziehen.“ Schade! Selbst die untergehende Katholische Kirche sprang über den eigenen Schatten und tat so, als entschuldige sie sich bei ihren Opfern. Die Psychiatrie kann nicht springen, da ständig neue Patientenopfer produziert werden!

Moderne Gesellschaften, und beileibe nicht nur totalitäre, bedienen sich der Psychiatrie. Der gedankliche Schritt, wer nicht so denkt wie wir, muß ver-rückt sein, liegt jedem Gemeinwesen nahe! Mancher Gemeinschaft genügt es, wenn sich Teilnehmer überhaupt nicht äußern. Die chinesische Falon-Gong-Bewegung bringt das Regime durch versammeltes Schweigen zur Weißglut.

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Eine alte Dame, die fortwährend im Keller unter ihrer Wohnung Geräusche hörte, wurde, da mehrere Untersuchungen durch den Hausmeister und die Polizei ohne Ergebnis geblieben waren und sie sich schließlich aus lauter Angst an den Bürgermeister gewandt hatte, in eine psychiatrische Anstalt gebracht und wegen Alterswahnsinn behandelt. Die Behandlung wurde auch dann nicht abgebrochen, als der Nachmieter, ein Biologe, einen Dachsbau unter der Wohnung nachweisen konnte. Weil, wie der behandelnde Arzt sagte, die Dame trotzdem wahnsinnig sei (Franziska Polanski in der Süddeutschen Zeitung am 25. Mai l99l).


Ein wahnkranker Konstrukteur, vom Heiligen Geist zu Messerstichen auf einen Priester ermuntert, wollte in der Hauptverhandlung mit einem Meßgerät beweisen, der Heilige Geist habe fünf Volt. In einem anderen Fall war eine Wahnkranke überzeugt, in ihrer Handtasche Jesus Christus zu transportieren. Beides klingt nicht überzeugend, aber das Gegenteil ist auch nicht beweisbar! Eine staatstragende Religion behauptet, der Heilige Geist sei männlich, ohne sich dem Vorwurf einer Wahnerkrankung auszusetzen.

Im Unterschied hierzu ist allerlei individueller und kollektiver Alltagswahn leicht nachweisbar. Auf ein paar ver-rückte Gedanken, die Irre äußern, sollte es nicht mehr ankommen! Trotzdem werden Wahngedanken immer noch chemisch, mechanisch oder elektrisch entsorgt. Ungeachtet ihrer teuren Behandlung ändern diese Gedanken aber nur kurzfristig ihre Umlaufbahn und kehren in falsch verstandener Dankbarkeit regelmäßig wieder.

Es ist an der Zeit, die Zweiklassengesellschaft Normaler und Irrer abzuschaffen, die Denunzierung des Wahnsinns zu beenden, das Recht auf Wahn in die Verfassung aufzunehmen und psychiatrische „Behandlungen“ zu ächten. Die eifrig vermessenen Gehirnströme bergen ein Konfliktpotential, das im inneren Erleben ebenso explosiv ist wie atomare Kettenreaktionen und sollten darum weder mechanisch, chemisch noch elektrisch bearbeitet werden dürfen.

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Mit der Vertreibung aus dem Paradies des Unbewußten endete die Traumzeit der Menschheit, begann die Dämmerung des Bewußtseins. Durch Spaltung der bewußten von der unbewußten Welt wurde Lebensenergie frei, die negativ besetzt wurde. Das ist der Stoff, aus dem Wahnsinn gemacht ist, die destruktive Kraft, die alle großen Religionen nach Erlösung suchen läßt.

Nur ernsthafte Beschäftigung mit solchen negativen Kräften kann diese Spaltung befrieden, eine bewußte und verantwortliche Lebensführung ermöglichen, vielleicht ein bewußtes Paradies schaffen. Kaum jemand, der, bei aller scheinbaren Hektik, nicht schlafwandlerisch, aufgezogen, automatisiert durchs Leben läuft. Die Fahndung nach den Ursachen destruktiven Wahnerlebens ist nicht einfach. Sie wird blockiert von einer Instanz, die Freud in der Psychoanalyse „innerer Zensor“ nannte.

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Wäre Wahn sinnlos, existierte er nicht! Er verführt nicht nur, destruktiv geworden, geisteskranke Meuchelmörder zu Bluttaten, sondern verzaubert das Leben und die Liebe. Weil aber heute niemand mehr etwas glaubt, was nicht wissenschaftlich bewiesen wurde, greifen wir auf Ergebnisse des Psychiatrischen Instituts der Universität Pisa zurück. Verliebtheit ist meßbar! Das Hormon Serotonin nimmt bei Verliebten um vierzig Prozent ab. Untersuchte Ver-rückte wiesen den gleichen Serotoninabfall auf. Liebe und Wahnsinn - aus demselben Stoff gemacht?

Eine Welt ohne Wahn wäre wie eine leere Fotografie, nur ein fades Abbild ihrer selbst. Die äußere Welt wird erst durch auf sie projizierten inneren Reichtum ein Gemälde, ansehnlich und lebenswert. Wie sollten Geschlechter und Generationen anders verbunden sein als durch irrationale Kräfte? Statt in beglückendem Zauber sind Mann und Frau, Kinder und Ahnen, Mensch, Tier und Pflanze allerdings seit Jahrtausenden destruktiv miteinander verkettet.

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Selbst Psychiater haben wenig Vertrauen in die Normalität ihrer Mitmenschen, obwohl sie davon leben, nur Ver-rückte für nicht normal zu halten. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdächtigte C. G. Jung, Schweizer Psychiater und Mitbegründer der Tiefenpsychologie, seine Mitbürger latenter (verborgener) Psychosen. Für jede sichtbar gewordene Psychose soll es mindestens zehn unerkannte geben!

Vorsorglich gehen wir von einer psychotisch durchseuchten Bevölkerung aus. An Irren wird es nie mangeln, der Nachschub wechselt nur die Maske: gestern Onanisten und Homosexuelle, heute Manisch-Depressive und Schizophrene, morgen Atomphysiker und Gentechniker!

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In Irrenhäusern behandeln die Ver-rückten die Irren, vielleicht ist es auch schon umgekehrt. Im Ergebnis macht das keinen Unterschied, da die mit Eifer betriebene Zerstörung des genetischen Gedächtnisses zur Heilung aller Erbkrankheiten Schritt hält mit äußerer Umweltzerstörung. Psychiatrische „Behandlungen“, gleich welchen Zeitalters, sind mit dem Geburtsfehler grenzenloser Dummheit behaftet! Schwere Neuroleptika und Elektroschocks werden Wahnsinn ebensowenig besiegen wie Schleudersitze und Käfige, Eisbäder und Hitzeschocks, Insulin und Radiologie, abgeschnittene Zungen und Chirurgie.

Heilung von Geisteskrankheiten setzt Geist voraus, ein Heilmittel, das offenbar nicht zur Verfügung steht! Die Gesellschaft wäre nicht in der Lage, weiter zu funktionieren, behandelte sie Wahnerkrankungen human. Um Wahnsinn überhaupt noch verwalten und beherrschen zu können, greift sie auf die oben geschilderten psychiatrischen „Behandlungsmethoden“ zurück!

                               ***       

Neue Erfindungen fügen sich lückenlos in die psychiatrische Behandlungskunst ein. Was dem Herzen recht ist, muß dem Gehirn billig sein, dachten sich Techniker und Psychiater und erfanden den „Hirnschrittmacher“, der uns demnächst ins Haus oder besser ins Hirn steht. Von der Wissenschaft angekündigt als „auf den ersten Blick utopisch“!

Utopisches können wir daran nicht finden, nur die filigrane Überarbeitung des Ladenhüters „Elektroschock-Therapie“. Erkennbar wird eine Langzeitperspektive: Jedes Gehirn weiß dank kleiner konditionierender Stromstöße wo es lang geht (konditionieren = durch Auslösereize bestimmte Reaktionen hervorrufen). Die kleinen grauen Zellen geraten nie mehr außer Tritt. Wer konditioniert und wer konditioniert wird, wissen wir auch schon!

                               ***        

Die Psychiatrie ist die Schande eines Jahrtausends! Ihre Negativkarriere ist beendet: ein bankrottes System, das nicht für, sondern von Wahnkranken lebt und diese gar nicht frühzeitig und langfristig genug aus ihrer gewachsenen Umgebung wegstehlen kann.

Niemand rüttelt erfolgreicher an der Saga von der segensreichen, helfenden Psychiatrie als sie selbst. Irrenhäuser besitzen die vollkommensten Aufzeichnungen eigenen Versagens. Sollten sie über einen Rest an Berufsehre verfügen, machten sie ihr Scheitern öffentlich!

Alter Volksweisheit entstammt das Sprichwort „Kinder und Narren sagen die Wahrheit“. In naher Zukunft werden weder Narren noch Kinder Wahrheiten erzählen. Narren treibt die Psychiatrie letzte Ver-rücktheiten aus, selbst wenn sie nur darin bestehen, in einer Welt wie dieser kurzfristig die Orientierung zu verlieren. Kinder wird es nicht mehr geben, sondern Gen-Monster, in der Retorte gezeugt, von künstlich besamten Leihmutter-Kühen ausgetragen, mit Chemikalien-Milch vergiftet, durch Unterricht von der Wiege an verblödet und von der Fernsehmutter pseudo-intellektuell verbildet.

Der Schwund an Kindern und Narren ist nicht weiter problematisch! Kindereien und Ver-rücktheiten werden in einer für die gesamte Menschheit ausreichenden Weise an den Schaltstellen der Macht produziert, also dort, wo man die Orientierung längst verloren hat. Auf diese Weise können alle Bürger daran teilhaben!

                               ***       

Wahnsinn ist keine Naturkatastrophe, sondern hausgemacht! Bei nicht wenigen Naturvölkern, beispielsweise den im Einklang mit der Natur lebenden Indianern in Nordamerika, war Wahnerleben so gut wie unbekannt.

Man muß nicht ins andere Extrem verfallen, Wahnsinn verklären oder gar eine Glaubenslehre daraus machen, wie manche Religionsstifter. Destruktiv gewordenes Wahnerleben, das in Jahrhunderten und Jahrtausenden wuchs, braucht lange Zeit, um sich zurückzubilden; weniger lebensfeindliches Dasein vorausgesetzt.

Beschränkt sich die von Wahnkranken innerlich erlebte Realität auf Einzelpersonen? Handelt es sich um eine Welt, in die letztlich alle Menschen geistig-seelisch eingebunden sind und zu der nur Traum und Halluzination Zugang ermöglichen? Sterbliche können solche Fragen nicht beantworten, denn vom Wahnsinn wissen wir nicht viel. Aber daß diese Zeit aus jeder Perspektive getaumelt, aus jeder Vernunft gestürzt und aus jeder Gnade gefallen ist, das glauben wir!



                                                     ***

„Gezeiten der Vernunft“ ist Kapitel 12 des Buches „Sterbehilfe für Planeten“ aus dem Jahr 2002. Das Buch ist vergriffen, aber noch vereinzelt antiquarisch erhältlich, z.B. hier:

                                     www.zvab.com

Es kann aber auch als pdf-Datei heruntergeladen werden: 


             http://www.guenther-golem.de/public/pdf/download-01.pdf

                                                     ***



Gezeiten der Vernunft

Wahnsinn im Wandel der Zeiten
* Körperliches Irresein
  ** Wahnhafte Geschlechtsmodelle
  ** Im falschen Körper
  ** Messer oder Geist
  ** Transsexualität und Wahnerleben
  ** Heilkraft der Psychose
  ** Nicht schöner anzuschauen
  ** Piercing und andere Qualen
  ** Beschneidung
* Sexuelles Irresein
  ** Homosexualität
  ** Feuchte Träume
  ** Onanie
* Politisches Irresein

* Wissenschaftliches Irresein
  ** Wahnsinn – vermessen und kartiert
  ** Irren-DIN
  ** Wertfreie Erkenntnisse
  ** Wer weint, geht auf der Himmelsstraße
* Soziales Irresein
* Moralisches Irresein
* Religiöses Irresein
* Kulturelles Irresein
* Kollektives Irresein

Heilung im Wandel der Zeiten
* Mechanik
* Dynamik
* Optik und Akustik
* Kälte und Hitze
* Präpsychologie
* Chemie und Biologie
* Radiologie
* Blutaustausch
* Chirurgie
* Elektroschock
* Zwangssterilisation und Euthanasie
* Veränderung des Persönlichkeitskerns
* Heilung sexueller Außenseiter
* Kreativität

Fröhliche Psychiatrie

Schizophrenesisch

Wie erkennt man Ver-rückte
* Baugleichheit
* Traum und Unbewußtes
  ** Träume kommen von Gott
  ** Geöffnete Körper – versiegelte Seelen
  ** Archetypen
  ** Krieg beginnt in Köpfen
  ** Räumliches Sehen
  ** Grenzpsychotisches Erleben, Tabu, Zauberei
* Prominente Wahnkranke
* Irre sind immer die andern

Stimmenhören

Kreuzweg der Psychose

* Spiegel der Gesellschaft
* Grenzfälle
* Exogene und endogene Psychosen
* Populäre Wahnformen
  ** Verfolgung
  ** Vergiftung
  ** Größenwahn
* Unerklärliche Krankheiten
  ** Ver-rückte Leiden
  ** Epilepsie
  ** Phobien
  ** Alzheimer und Parkinson
  ** Autismus
  ** Multiple Sklerose
  ** Krebs
  ** Burn-out-Syndrom
* Geschlossene Wahnsysteme
* Kunst und Philosophie
* Normal ist
* Kontaktbruch
* Am Ende des Weges
* Die Wut der Erde

Schizophrenie - der Psychiatrie liebstes Kind

Psychiater und Gutachter

Anstaltspsychiatrie
* Menschenmühlen
* Beutegreifer
* Alltag
* Ohren der Psychiatrie
* Lebensversickerungsanlagen

Sozialpsychiatrie

Verhaltensgestörte Kinder

Alter schützt vor Psychiatrie nicht

Sadismus, Mordlust, Nekrophilie

Sexualität

Recht
* Der zehnte Mörder ist ver-rückt
* Aussätzige der Ausgegrenzten
* Strafe und Heilung – ein Vergleich
* Papier ist geduldig
* Zentralregister: bis daß der Tod euch scheidet
* Die Kunst irr, aber nicht ver-rückt zu sein

Die neue Kunst des Strafens
* Internisten
* Moderne Wohngemeinschaft: Irrenhaus und Pharmazie
* Wahlverwandtschaften
* Gummiknüppel oder Medikamentenkeule
* Betonspritzen
* Tod als Nebenwirkung
* Dreimal täglich Haldol
* K.o.-Tropfen-Bande
* Amokläufe, Schuld und Drogen
* Fesselnde Heilungen
* Vergitterte Gesellschaft
* Strafvollzug im Strafvollzug
* Den „großen Bruder“ lieben

Gekaufte Freunde

Psychiatrie - Ende einer Karriere

 

 

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